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4.0 von 5 Sternen EIN POLNISCHES GEISTERHAUS, 24. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Katzenberge: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es ist ein Geisterhaus das Neles Großvater betritt. Der Krieg hat ihn in das Dorf bei Obernigk gespült. Ein Ort nicht weit von Breslau, der gestern noch deutsch war und heute polnisch ist. Der Strom der Vertreibung hatte den Großvater aus Galizien mitgerissen, einer Gegend, die mal Österreich gehörte, dann Polen - und die heute in der Ukraine liegt. Über der Eingangstür des schlesischen Bauernhauses hängt noch ein Hakenkreuz, oben am Dachbalken hängt der ehemalige Besitzer des Hofes. Der Großvater, der 1945 nicht freiwillig aus dem galizischen Ostpolen ins deutsch geprägte Schlesien gegangen ist, der auch nicht bleiben will, spürt das Fremde, das Feindliche im Haus. Aus der Sicht dieses Großvaters erzählt Sabrina Janesch in "Katzenberge" über die vielen verschiedenen Heimaten und fügt die Sicht der Enkelin Nele hinzu, einer jungen Frau aus dem heutigen Berlin, Tochter einer Polin und eines Deutschen.

Es ist der Ungeist des Nationalismus, der in "Katzenberge" in der Verkleidung der Hausgeister, der alten ungelösten Familiengeschichten auftritt. Mit dieser gespenstischen Kostümierung entwickelt sich aus der erzählten Geschichte Literatur, in einem bewegenden Buch, das mit großer Wärme das Vergangene im Heute schildert, das nicht richtet zwischen den Nationen, sondern ihre Eigenheiten wahrnimmt und in vielen Details festhält. "Die Deutschen sind da." rufen sich die Bewohner des polnischen Dorfes zu, wenn Neles Vater mit ihr im BMW durch die Gegend um die Stadt Obernigk fährt, die jetzt Oborniki heißt. Und sie haben noch nach Jahrzehnten Angst, dass da einer kommt und sagt: "Das ist mein Land, diesen Brunnen, diesen Stall hat mein Vater gebaut."

Auf der Beerdigung des Großvaters - der den Seinen ein Weiser war, der die Frauen und Kinder aus dem galizischen Dorf in die neue, ungewollte Heimat geführt hatte - erfährt Nele von einem düsteren Geheimnis, von einer Wie-auch-immer-Schuld des Großvaters. Ihr Großvater ist der Geschichtenerzähler ihrer Kindheit, der Mann auf dessen Knien sie erstmals von der Baba Jaga, der ukrainischen Hexe gehört hatte und von dem sie den Eigensinn, die Sturheit geerbt haben soll. "Iss und trink, forderte mich meine Tante auf, das unterscheidet uns von den Toten." Das soll bedeuten: Lass'die Toten ruhen. Die Familie will nicht, dass Nele den Geheimnissen nachgeht. Weder dem vom "schwarzen Biest", einem Fabelwesen, das sich noch heute auf dem Hof des Großvaters herumtreiben soll, noch dem vom Bruder des Großvaters, der nie nach Schlesien kam, von dem keiner genau weiß, wo er abgeblieben ist, aber manche zu wissen glauben, dass der Bruder den Bruder erschlagen habe.

Irgendwo, weit weg, liegt Berlin, da ist ein Beruf und ein Mann, mit dem Nele zusammenlebt. Dahin wird sie zurückkehren. Aber erst will sie nach Galizien, die Spuren des Großvaters suchen und herausfinden wie alles begonnen hat. Die Autorin entdeckt auf dem Weg, den sie Nele gehen lässt, ein kaum beschriebenes Stück der Vertreibung: Es waren ukrainische Nationalisten, die im galizischen Dorf des Großvaters ihre polnischen Nachbarn vertrieben haben, solche, die glaubten im Bündnis mit den Deutschen ihr Land um strittige polnische Gebiete erweitern zu können und eine neue, größere Ukraine aus der Sowjetunion zu lösen. Am Fluss Bug hatten die Polen friedlich mit ihren ukrainischen Nachbarn gelebt: Aber plötzlich, in der Nacht der Vertreibung, berichtet der Großvater: ". . . sei alles, was Polnisch sprach, Freiwild gewesen".

Mit einer perversen Grandezza haben die deutschen Vertriebenen-Verbände in ihrer jüngst noch gefeierten Charta "auf Rache und Vergeltung" verzichtet. Als sei es nicht die deutsche Hitlerei gewesen, die Anlass und Ursache der Vertreibung gewesen ist. Als dürften sie, Angehörige eines Volkes, das mit dem Weltkrieg und dem Judenmord millionenfaches Leid angerichtet hatte, sich selbst "als der vom Leid dieser Zeit als schwerste Betroffenen empfinden." Sabrina Janesch straft diese Phrasen Lügen. Mit einer bezaubernd einfachen Sprache, mit warmherziger Ironie und Selbstironie schreibt sie über das Geworfensein der Völker und darüber, wie man anständig bleiben kann in unanständigen Zeiten. Und sie lässt ihre Nele die Familienrätsel lösen: Ein gutes und verblüffendes Ende wartet auf den Leser. Günther Grass meint zu "Katzenberge": Diesem Buch sind viele Leser zu wünschen". Diesem Wunsch kann man sich anschließen.
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