Kundenrezension

30 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wilde hätts gefallen...., 2. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Dorian Gray [UK Import] (DVD)
Aufgrund verschiedener Rezensionen und Filmkritiken hatte ich mir von "Dorian Gray" eigentlich einen handlungsarmen, schlecht gefilmten Softporno erwartet, der nicht mehr viel mit Oscar Wildes genialer Buchvorlage zu tun hat. Letzteres trifft partiell auch zu, doch vom Rest war ich mehr als positiv überrascht.

Natürlich weicht der Film in großen Teilen von Wildes Roman ab, doch empfinde zumindest ich das als nicht weiter störend. Bei Literaturverfilmungen wird meiner Meinung nach sehr oft vergessen, dass ein Film zwar denselben Zweck verfolgt wie ein Buch - jemanden zu unterhalten -, dafür aber aufgrund der Natur des Mediums 'Film' dramaturgisch vollkommen andere Mittel einsetzen muss. Was in geschriebener Form funktioniert, kann auf der Leinwand sehr schnell daneben gehen, und umgekehrt. Es stellt sich also die Frage, was man lieber möchte: Eine bis aufs letzte Wort getreue, aber vielleicht langweilige Umsetzung des Buches; oder einen spannenden Film, der mit verschiedenen Buchaspekten spielt.

"Dorian" entpuppte sich also als spannender, atmosphärisch ansprechender Film mit hohen Standars in Kostüm- und Setdesign. Mit Ben Barnes (Prinz Kaspian aus "Narnia") wurde ein hervorragender Hauptdarsteller gewonnen. Man nimmt ihm die Unschuld vom Lande zu Anfang vollkommen ab, die er mit großen schwarzen Kulleraugen und dem Gesicht eines 19jährigen überzeugend spielt, obwohl er auch schon 29 Lenze zählt (ob er wohl auch ein ominöses Porträt von sich zuhause hängen hat?). Aber auch die Wandlung hin zum skrupellosen Lebemann schafft er nahtlos; behält aber dabei eine leise Ahnung von Dorians anfänglicher Sensibilität zurück, die in gewissen Momenten immer wieder durchzubrechen scheint. Alles in allem eine sehr überzeugende Leistung.

Die sprichwörtlichen Ausschweifungen kommen natürlich ebenfalls vor, nur hatte ich mich auf 'Schlimmeres' eingestellt. Anstatt wie erwartet sinnlos aneinandergereihter Orgien mit Männlein und Weiblein gibt es also eine Reihe wohldurchdachter Szenen zu sehen - genau das richtige Maß, um Dorians langsamen Abstieg in die Welt (sexueller) Abarten darzustellen. Je weiter er seine Skrupellosigkeit treibt, desto bizarrer werden die Spielchen. Jedoch wird das alles nicht übermäßig aufreizend oder effektheischend gezeigt, sondern zeichnet sich durch eine sensible Kameraführung und ansprechende Belichtung aus.

Auch eine übermäßige Betonung der 'Beziehung' Basils und Dorians konnte ich nicht erkennen; im Gegenteil. Es wird wunderschön dargestellt, dass gerade Basil eigentlich tiefere Gefühle für Dorian hätte, die aber von diesem in seiner oberflächlichen Art schmerzlich unerkannt bleiben. In der einzigen irgendwie erotischen Szene der beiden zusammen nutzt Dorian schließlich Basil auch nur für seine Zwecke aus, was dem anderen Mann endlich die Augen öffnet und den Mut gibt, Klartext mit seinem jungen Freund zu reden. Mit fatalen Konsequenzen....

Mehrmals wurde die Kritik geäußert, das Bildnis selbst käme im Film zu wenig vor. Dem kann ich mich gar nicht anschließen. Im Gegenteil, das Bildnis wird in seiner ganzen Länge sehr prominent in der ersten Hälfte des Films gezeigt, und dann in all seiner Scheußlichkeit wieder in voller Größe am Schluß. Dazwischen sind nur immer Ausschnitte - Gesicht, Augen, Nase - und deren Veränderungen zu sehen, was meiner Meinung nach ein gewollter und sehr gekonnter filmischer Kniff ist.

Es ist überhaupt nicht nötig, dem Zuschauer ständig die makabere Veränderung des Porträts vor die Nase zu halten. Im Gegenteil, die ganze Sache entwickelt eine viel düsterere Dramatik und Spannung, gerade weil man das Bild in den Phasen dazwischen NICHT oder nur auszugsweise sieht. Zum Ende hin hat den Zuschauer einerseits eine morbide Neugier gepackt, andererseits wünscht man sich aber fast, der verhüllende Vorhang möge über der Leinwand bleiben und man müsse nicht ansehen, was darunter versteckt ist.

Ähnlich geht es Dorian. Ist er am Anfang noch begeistert von der scheinbar 'magischen' Eigenschaft seines Porträts, so wird das ungeheure Ding auf dem Speicher bald zu einer erdrückenden Gewissenslast, die auch für den Zuschauer immer spürbarer wird. Insofern ist das Bildnis, auch wenn es nicht permanent gezeigt wird, doch ständig präsent.

Auch ausstattungstechnisch überzeugt der Film voll und ganz: das viktorianische London und seine Gesellschaft wurden perfekt eingefangen, was sich besonders an einigen erstklassigen Nebenrollen, dem Kostümdesign sowie der Beleuchtung zeigt. Die Art, wie Szenen ausgeleuchtet werden, ist hochgradig künstlerisch und unterstreicht perfekt die jeweilige Stimmung (z.B. helles, fast weißes Licht und zusätzlich helle Kostüme in Szenen mit dem 'guten' Dorian; als Farbfleck die rote Marmelade auf einem Brötchen, die im Blendeneffekt zu Blut in einer dunklen Szene in einem Bordell wird).

Zwei kleine Minuspunkte gibt es: Zum einen die eher langweilige Wahl von Colin Firth als Lord Wotton, der mit seinem seltsamen Bart mal wie ein Schuldirektor, mal wie ein Gartenzwerg ohne Mütze aussieht und irgendwie nicht so recht in diese Rolle paßt. Das mag aber eine rein persönliche Aversion sein.

Der zweite Minuspunkt betrifft einen akustischen Effekt, der eigentlich eine prima Idee ist, mir aber leider die Haare zu Berge hat stehen lassen. Dorians Porträt entwickelt eine Art Eigenleben und fängt mit zunehmendem Verfall an, zu atmen und zu röcheln. Diesen einen Sound des 'rasping breaths', der leider immer wieder unvermittelt im Film auftaucht (so dass man nichtmal rechtzeitig den Ton abstellen kann) finde ich persönlich so wesentlich scheußlicher als das entstellte Porträt oder den entstellten Dorian, den man natürlich am Ende nochmal in etlichen Großaufnahmen zu sehen bekommt - da vielleicht nochmal eine Warnung an Leute mit schwachen Nerven.

Alles in allem ist "Dorian Gray" aber etlichen Unkenrufen zum Trotz ein hervorragender Film, der nicht zuletzt dank Ben Barnes und einem tollen Designkonzept sehenswert ist. Ich denke, Oscar Wilde hätte die Bearbeitung seines Stoffes gemocht.
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Kommentare


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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 06.05.2010 14:38:19 GMT+02:00
Ich stimme dir in allem vollkommen zu - bis auf deine Meinung zu Colin Firth als Lord Wotton. Mir hat er im Kino die Sprache verschlagen, meiner Meinung nach liefert er neben Barnes das mit Abstand eindrücklichste Spiel ab. Einer der besten Schauspieler dieser Tage, gar keine Frage. ;)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.05.2010 17:33:07 GMT+02:00
Piratenbraten meint:
Hallo,

Naja, wie ich schon schrieb, das ist einfach Geschmackssache. Schlecht spielen tut er ja auch nicht, ich finde nur - übrigens auch bei anderen Rollen - dass er einfach so ein typischer netter Durchschnittskerl von Nebenan ist, ohne besonderen Wiedererkennungswert. Aber zum Glück sind Geschmäcker ja verschieden :-)
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