Kundenrezension

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Abwechslungsreicher Melodie-Blumenstrauß, 19. April 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: auch (Audio CD)
Vielleicht hilft es bei der Bewertung des 12. Ärzte Albums mit dem verwirrenden Titel "auch", kein Fan der Berliner zu sein. Wenn man nämlich als neutraler Musikliebhaber und ohne Erwartungen an die Platte herangeht, wird man mit einigen hübschen Melodien und infantilen Späßen bestens unterhalten. Genau das ist aber wohl das Problem, das eingefleischte Anhänger der "Besten Band der Welt" mit den 16 Songs haben: sie sind zwar nett, aber nicht immer grandios, musikalisch manchmal sogar recht banal. Außerdem gehen einige nicht direkt ins Ohr, sondern benötigen Zeit. Auch das ist ungewohnt. Positiv hervorzuheben ist die Tatsache, dass zeitgleich mit Erscheinen des Werks Musikvideos zu allen Titeln auf youtube kostenlos angesehen werden können. Das erleichtert die Kaufentscheidung und präsentiert die Band in gewohnt albernem Humor. Zudem ist die Verpackung der CD wieder mal eine Großtat. Das Pizzaschachtel-Format des Vorgängers wurde beibehalten, diesmal beherbergt es allerdings ein selbst kreiertes Gesellschaftsspiel für Menschen von 6 bis 66.

Die Ärzte erfinden den Rock definitiv nicht neu mit diesem Album, einige Melodien klingen sogar wie schon einmal (besser) aus ihrer Feder gehört und bis auf zwei Ausnahmen beinhaltet die Platte tatsächlich keinen unsterblichen Hit. Wenn man das aber außer acht lassen kann und das Ganze mit herabgesetztem Anspruch angeht, ist "auch" dennoch eine spaßige, stimmige Angelegenheit, die fast ohne Totalausfall daherkommt und hier und da sogar zu überraschen vermag.

Ich persönlich habe erst im neuen Jahrtausend begonnen, mich für die Ärzte zu interessieren, besser gesagt mit dem grandiosen Doppelalbum "Geräusch" (2003). Zuvor sind mir die drei ziemlich auf die Nerven gegangen mit ihrem gewöhnungsbedürftigen Humor. Ich konnte einfach nichts mit ihnen anfangen, zumal mich die Vergewaltigung ihres nervigen 80er Hits "Westerland" als Sauflied auf unzähligen Trinkgelagen bis heute in meinen Alpträumen verfolgt. Das hat zur Folge, dass ich den Song immer noch abgrundtief hasse. Nichts detso trotz habe ich seit "Geräusch" meinen rigorosen Standpunkt deutlich gelockert. Ich kann sie jetzt ungezwungen gut finden. Und das liegt vor allem daran, dass sie sich mit zunehmendem Alter musikalisch immer mehr verändert haben. Ganz besonders nachzuhören auf "auch".

Fünf Jahre sind seit dem mäßigen "Jazz ist anders" (2007) ins Land gezogen. Farin Urlaub (Gesang + Gitarre), Bela B. (Gesang + Schlagzeug) und Rod Gonzalez (Gesang, Bass + Gitarre) haben sich in der Zwischenzeit ihren Soloprojekten gewidmet und manch einer schien die Ärzte schon langsam vergessen zu haben. Um sich wieder in Erinnerung zu rufen, erscheint im März 2012 die Single "ZeiDverschwänDung", ein Song von Bela B. Im Gegensatz zum Nummer 1 Hit "Junge" aus dem letzten Album zündet dieser Titel nicht sofort. Böse Zungen mögen sogar sagen, er zündet gar nicht. Tatsächlich gehört er zu den schwächsten der neuen Kompositionen, ohne wirklich schlecht zu sein. Trotz eingängiger lala-Chöre und nettem Text bleibt irgendwie nicht viel hängen. Wieso dieser Titel als erste Single ausgewählt wurde, erschließt sich nach wie vor nicht. Es fänden sich wesentlich bessere Kandidaten auf "auch".

Den Opener "Ist das noch Punkrock?" kann man zwar nicht dazu zählen. Ein lustiger Einstieg ist er dennoch. Ein typisches Farin Urlaub Stück übers Altern, das auch auf einem seiner Soloalben stehen könnte. Satte Gitarren, eine melodische Bridge - läuft.

Auf "Bettmagnet" wird Bela B. im Refrain von einer Frauenstimme unterstützt. Geht dynamisch nach vorne und bleibt im Ohr, ist aber trotzdem nur solide. Auf einem Soloalbum des Schlagzeugers wäre es aber sicherlich ein Singlekandidat.

"Sohn der Leere" ist der stärkste Track von Bassist Rod. Besonders der großflächige Refrain mit dem Flair eines James Bond Soundtracks weiß zu gefallen. Eine richtige kleine Hymne. Erzeugt bei manchem beim ersten Hören vielleicht Schulterzucken und entwickelt sich erst mit der Zeit, dann aber gewaltig.

"TCR" ist der erste Höhepunkt der Platte und das liegt vor allem an seiner unverschämten Eingängigkeit. "Wir kümmern uns um den Rock" teilen die Ärzte gewohnt bescheiden mit und man hat förmlich die springenden Massen bei den Livekonzerten vor Augen. Ein wuchtiger Headbanger mit Hit-Refrain. So muss das, meine Herren.

"Das darfst du" ist ein Bela-Stück mit hübscher Gesangslinie. Hier hört man sogar Glockengebimmel. Ein interessanter Farbtupfer.

Am kontroversesten diskutiert wird bisher "Tamagotchi". Der einzige von den dreien gemeinsam geschriebene Titel wird von Rod gesungen und macht mir persönlich unglaublich viel Spaß. Herrlich albernes Synthie Geblubber im Refrain, das in Verbindung mit dem drückenden Riff zum entrückten Ausflippen anregt. Wer außer den Ärzten würde eine Xylophon-Begleitung unter die Strofen legen? Textlich geht es um die Frage, was eigentlich das in den 90er Jahren total gehypte elektronische Haustier Tamagotchi 10 Jahre später so macht. Wirklich eine schräge Nummer, die bunte Funken sprüht und den Elektro-Pop der 90er zitiert. Ich finde es unterhaltsam, man muss sich aber darauf einlassen.

"M&F" ist der mit Abstand beste Song der Platte. "Huhu" Chöre, Geigen und ein extrem tanzbarer Rhythmus begleiten Farin Urlaub bei seiner treffenden Beobachtung des absurden Balzverhaltens zwischen Mann und Frau. Wenn das mal keine Single wird, weiß ich auch nicht. Meines Erachtens hätten sie diese Nummer vorab veröffentlichen sollen. Ein Hit in alter Ärzte-Tradition, trotz der etwas ungewöhnlichen Instrumentierung. Jetzt schon ein Klassiker, der auch in den Charts bestens funktionieren würde.

"Freundschaft ist Kunst" macht für Bela B. Verhältnisse ordentlich Dampf und ist sein gelungenster Beitrag auf der CD. Eine bissig-sarkastische Abrechnung mit pseudo-intellektuellem Getue. Könnte auch eine Single werden.

Das durchschnittliche "Angekumpelt" geht angesichts des mittlerweile doch enormen Niveaus der Platte an Position 9 etwas unter. Liegt vor allem an dem wenig einfallsreichen Refrain.

Der sozialkritische Höhepunkt des Albums ist "Waldspaziergang mit Folgen". Verpackt in ein humoristisches Soundgewand mit Flasett-Part, berichtet Farin Urlaub von den Irrwegen, die bei der allzu verbissenen religiösen Sinnsuche leider allzu oft beschritten werden. Mein persönlicher Lieblingssong des Albums. Der große Blonde mit der Stromgitarre schreibt mit weitem Abstand die besten Lieder der Ärzte.

Daher verwundert es nicht, dass der unglaublich groovende Singlekandidat "Fiasko" ebenfalls aus seiner Feder stammt. Man will enthusiastisch alle Glieder schütteln und lauthals mitsingen. Dabei ist der Text nicht mal wirklich originell. Macht nix, ist trotzdem spaßig.

"Miststück" und der "1/2 Lovesong"-Abklatsch "Das finde ich gut" sind die schwächsten Titel des Albums. Hier bleibt absolut nichts hängen. Hätten sie auch weg lassen können.

"Cpt. Metal" hingegen hat alles, was für mich die Ärzte ausmacht. Es handelt sich um eine ironische Auseinandersetzung mit engstirnigem Metal-Fantum, das auf eine liebenswerte Art verulkt wird. Frei nach dem Motto: was sind schon Spiderman oder Hulk, wenn man Käptn Metal haben kann? Das Soundgewand ist dementsprechend knackig, der Refrain frisst sich ins Hirn und Farin schüttelt sich ein anbetungswürdiges Gitarrensolo aus dem Ärmel, das allen Flitzefingern des Genres ebenbürtig isr. Einfach saugeil.

"Die hard" rockt ähnlich brachial, geht ins Ohr, bleibt aber etwas banal. Wobei die Aussicht, von Rod mit Wattebällchen beworfen zu werden, sicherlich viele in Angst und Schrecken versetzen dürfte.

Zum Abschluss gibt es noch die bereits erwähnte Single "ZeiDverschwÄndung", die im Gesamteindruck deutlich hinter vielem bleibt, was die Ärzte auf "auch" abliefern.

Letztlich bleibt festzuhalten, dass die Ärzte sich in den fünf Jahren seit "Jazz ist anders" noch einmal weiter entwickelt haben. Die 50 vor Augen wurde das Soundgewand entsprechend angepasst. Ungezügelte Punk-Vorschlaghämmer wird man vergeblich suchen. Stattdessen kommt erstaunlich oft der Experimentier-Baukasten zum Einsatz. Das tut dem Klangbild hörbar gut, verändert aber den gewohnten Sound für viele Fans wohl zu sehr. Nichts desto trotz haben die Ärzte auch im Jahr 2012 ihre Daseinsberechtigung. Ihre Fangemeinde allerdings könnte sich in Zukunft verändern. Die Fans aus alten Tagen dürften mehr und mehr verschreckt sein, dafür könnten neue Anhänger aus der jüngeren Zielgruppe dazugewonnen werden.

Wie lange das "freche Jungs" Image die Ärzte noch glaubhaft erscheinen lässt, wird sich zeigen. Schon jetzt wirken auf "auch" einige Zeilen unpassend infantil. Obwohl der oftmals sinnentleerte Humor ein Markenzeichen der Band ist, wird er mit fortschreitendem Alter der Protagonisten zusehends mehr angepasst werden müssen. Es würde aber zu ihnen passen, wenn sie sich darum einen feuchten Dreck scheren und einfach ihr Ding durchziehen. Wenn dabei ein so unterhaltsames Album herauskommt, soll es mir allemal recht sein.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 10.05.2012 05:19:25 GMT+02:00
KingKurt meint:
Eigentlich keine schlechte Kritik, aber Cpt. Metal wird völlig mißverstanden. Seit "Elke" sind die Ärzte Metal Fans und insgeheim wissen sie, daß sie es nie soweit bringen können, deshalb klingt es nach Slapstick wenn sie etwas versuchen, daß sie eigentlich großartig finden.
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