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Kundenrezension

38 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nicht einfach das Handtuch werfen!, 2. Februar 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Isch geh Schulhof: Unerhörtes aus dem Alltag eines Grundschullehrers (Taschenbuch)
Ich habe mir dieses Buch gekauft, weil ich auf den Titel aufmerksam geworden bin. Sowas erlebe ich nämlich täglich selbst. Ich bin Lehrerin an einer Förderschule für Lernhilfe und konnte meine Schüler und meine Gedanken dazu an vielen Stellen erschreckend detailliert wiederfinden.
Allerdings bin ich mir nicht so sicher, was ich von dem Buch halten soll. Auf der einen Seite finde ich, ist es dem Autor gut gelungen, die wirklich elendigen Verhältnisse vieler Kinder in Schulen darzustellen. Die gerade für Schulpolitik verantwortlichen Politiker müssten wirklich dringenst selber erkennen, wie es an deutschen Schulen so aussieht. Sie wären geschockt. So gesehen ist es wichtig, dass die erschreckenden Erfahrungen, die in Schule leider häufig gemacht werden, auch an die Öffentlichkeit gelangen und für jeden nachvollziehbar werden. Ebenso empfinde ich die Forderung nach Supervisionsgruppen als berechtigt. Dieser Job ist nicht zu bewältigen, wenn man niemanden hat, mit dem man über seinen Schulalltag sprechen kann, da die emotionale Belastung einfach so immens hoch ist. Die Grundidee, die Missstände über das deutsche Schulsystem öffentlich darzustellen, ist meines Erachtens überaus wichtig und gut.
Allerdings kam ich nicht drum herum, dieses Buch auch kritisch zu betrachten. Die Verzweiflung und Wut darüber nicht jedes Kind retten zu können, kenne ich mittlerweile nach knapp dreieinhalb Jahren Schuldienst leider ziemlich gut. Aber trotzdem oder gerade deshalb darf man nicht einfach davor kapitulieren. Man sollte versuchen das herauszuholen, was irgendwie geht. Herr Möller macht es sich da wie ich finde etwas einfach. Er beschreibt zwar die bodenlosen Missstände die er erlebt und ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass es gerade an Berliner Schulen wirklich sehr heftig sein kann, aber letztlich weint er nur um die Schicksale seiner Schüler, reagiert aber nicht darauf. Er handelt nicht. Er schimpft auf das Jugendamt, wird jedoch dort nicht vorstellig, um das Jugendamt wenigstens von den Fällen in Kenntnis zu setzen. Er macht keine Hausbesuche und schaut sich an, wie die Kinder sich in ihrem Umfeld bewegen. Er sucht nicht nach Möglichkeiten die Lebenssituation der Kinder durch Nachhilfemöglichkeiten, Freizeitangeboten, etc. zu verbessern. Nicht nur der Unterricht in der Schule ist Aufgabe des Lehrers, wobei ich mich da gefragt habe, wie jemand es schafft, so viel Freitzeit zu haben und mit so wenig Arbeitsaufwand jedes neue Fach sofort perfekt zu bewältigen, ohne einmal ins Buch geschaut zu haben. An der Förderschule muss ich auch so gut wie jedes Fach unterrichten, was für mich teilweise einen enorm hohen Zeitaufwand für die Unterrichtsplanung bedeutet. Physik, Chemie, Geschichte, Deutsch, Mathe, Musik, Biologie.. All das will gut vorbereitet und geplant sein. Überdies beklagt sich Herr Möller ständig über die Struktur des Frontalunterrichts. Natürlich ist diese Art des Unterrichts überholt. Teilweise verfügen die Kinder aber über so wenig Selbststruktur und Selbstvertrauen, dass es zunächst häufig unmöglich ist, sie eigenständig lernen zu lassen. Natürlich fährt man zu außerschulischen Lernorten, um den Schülern praxisnahe Erlebnisse und Erfahrungen mitzugeben (allerdings ist es nicht immer einfach, das Geld für solche Ausflüge zusammen zu bekommen. Von den Erziehungsberechtigten meiner 13 Schüler einer 8. Klasse bekommen 10 Hartz-4. Das alleine stellt mich als Lehrerin schon teilweise vor große Probleme, da sie das Geld für solche Fahrten nicht immer aufbringen können. Woher bekommt die Schule von Herrn Möller das Geld dafür? Zahlen die Eltern? Davon berichtet er nicht.). Natürlich baut man Gruppen- und Partnerarbeit in seinen Unterricht ein, baut Lernstationen, Lerntheken, Freiarbeitsstationen auf. Bei uns ist nur das Problem, dass wir für jede Kopie zahlen müssen. Einen Teil davon müssen unsere Schüler zahlen. Ist das Geld jedoch aufgebraucht, müssen wir die Kosten dafür übernehmen. Es gibt nicht für jedes Fach ein Buch oder Arbeitsheft, dass heißt, die Kopierkosten sind immens hoch, vor allem beim Stationslernen. Davon schreibt Herr Möller leider auch nichts. Er nennt keine Alternativen zum Frontalunterricht. Er berichtet nicht darüber wie er es schafft, seine Schüler an seinem Unterricht so sehr zu begeistern, dass die meisten anderen Lehrer seines Kollegiums nicht sonderlich gut darstehen.
Und dann scheidet er plötzlich aus dem Schuldienst aus. Welch eine Wohltat! Entkommen aus der Hölle. Wir Anderen machen aber weiter, bemühen uns weiterhin um das Wohlergehen und die Bildung der Kinder und bekommen häufig nichts dafür. Die Eltern interessieren sich überhaupt nicht für ihre Kinder, schon gar nicht an schulischer Bildung und wenn dann noch son kleiner Dötz vor mir steht und sagt: "Ey, meine Fatta sacht, du bis so blöd und arbeites für uns. Der is nämlisch Hatz4. Fatta sacht imma er muss nix tun außer Glotze Kucken und kriegt voll dat Geld alta! Isch geh auch Hatz4! Voll geil! Geh doch auch Hatz4, lohnt sisch voll!" fragt man sich, wohin das noch führen soll.
Herr Möller hat sich gut vom Acker gemacht und den Kampf an der Stelle aufgegeben, wo er am dringensten nötig ist, in der Schule selbst. Es geht aber darum weiter zu kämpfen. Wir können uns noch so sehr über das Versäumnis das Schulsystem grundsätzlich zu reformieren aufregen, davon haben aber unsere Schüler nichts. Wir müssen mit dem auskommen und leben, was wir haben und versuchen, das Beste daraus zu machen. Es ist hart, anstrengend und teilweise wirklich frustrierend und bitter aber hätten wir nur solche Lehrer wie Herrn Möller, die das Handtuch werfen, dann stünde unser Schulsystem noch schlechter dar. Wenn wir es schaffen nur ein paar Schülern dazu verhelfen zu können einen Schulabschluss zu bekommen und damit die Weichen für ein besseres Leben zu stellen, hat es sich unser Kampf schon gelohnt.
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 02.02.2013 16:01:29 GMT+01:00
Frau EMM meint:
Handtuch werfen und vom Acker gemacht.
Hallo - sein Vertrag wurde schlicht nicht verlängert.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.02.2013 18:16:55 GMT+01:00
Marie meint:
Das ist richtig. Dennoch kam es ihm überaus gelegen endlich auszusteigen und nichts mehr damit zu tun zu haben. Er hätte sich doch auch woanders bewerben können. Es gibt nämlich Möglichkeiten vom Quereinsteiger zum "richtigen" Lehrer zu werden.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.01.2014 14:13:20 GMT+01:00
Elinor meint:
Was verstehen Sie denn unter einem "richtigen" Lehrer? Jemand, der das Lehrämtchen-Studium absolviert hat? ;-)

Veröffentlicht am 23.01.2014 15:29:51 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 23.01.2014 15:38:08 GMT+01:00
Ich finde es ihm zum Vorwurf zu machen "das Handtuch zu schmeißen" oder nicht genug geändert zu haben mehr als "frech" !!!
Er hat dieses Buch darüber geschrieben und durch den Erfolg damit auch ein Platz in Talkshows etc gewonnen in dem er nicht nur für sein Buch Werbung macht ,sondern auch VIELEN die Augen öffnet und das ist sicher mindestens genau so viel Wert , oder nicht?
Wenn er (oder andere) für sich/ihn entschließt nicht weiter als "Lehrer" zu arbeiten,warum auch immer , ist das nicht nur sein gutes Recht sondern vielleicht auch gut!? Kennen sie ihn persönlich ?? Es könnte auch durch aus sein das er als Autor "mehr" bewegt ,oder? In meinen Augen macht er ein guten Job sowohl als auch .. also erst mal selber besser machen Freunde der Pädagogik , waslos ;)
Ich denke dies is ein Buch welches Bildet und wenn es "nur " um den Stand Deutscher Grundschulen geht ist es allein deswegen schon lesenswert ,bzw Pädagogisch "nicht wertvoll" es nur mit 2 Sternen zu loben .
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