Kundenrezension

29 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Edle Kreativität auf der Höhe der Zeit - ihr Opus Nr. 4, 25. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Reflektor (Audio CD)
Amazon AutoRip sei dank, dass ich die bezahlte CD zwar erst in ein paar Tagen in der Hand halten (und auch die Lyrics mitlesen werde können, erwarte ich mal), die Musik aber am späteren Abend des Erscheinungstages schon hören kann.
Bei wohl keiner anderen zeitgenössischen Rockband sind die Erwartungen so hoch, wenn es um ein neues Album geht. Das liegt sicher auch daran, dass die Kanadier bis jetzt ihren Drei-Jahres-Rhythmus schön konsequent eingehalten haben, also nach dem Debüt von 2004 die Zweite anno 2007, die Dritte musste 2010 kommen, und die Vierte nicht 2012 oder 2014, sondern eben 2013. Muss eigentlich für die Gruppe selber ein Druck sein, um das einzuhalten. Aber es ist nicht nur der Turnus, bei dem auf die Alben von Arcade Fire Verlass ist: Sie verstehen es auch, sich pro Album sowohl musikalisch als auch optisch neu zu erfinden.

Das 2013er-Werk hat stärkere Dancefloor-Betonung als jede ihrer bisherigen Platten, was schon der siebeneinhalbminütige Titelsong klar macht: Es swingt und groovt, was das Zeug hält, und ist dabei doch nur die Ruhe vor dem Sturm, denn auf dem darauf folgenden "We Exist" rockt die Band los - bohrende Basslinie und ein simples wie klischeefreies Rock-Riff, und ein Refrain wie bei einem Gassenhauer (im guten Sinn natürlich). "Flashbulb Eyes" ist der kürzeste Song der Platte, kinderliedartige Melodie und verspielt wirkende psychedelische Sounds charakterisieren ihn. "Here Comes The Night Time" ist vielleicht der allerstärkste Song des ganzen Albums, sechseinhalb Minuten treibender Rock mit traditioneller Rock'n'Roll-Melodik im besten Sinne, einfach ein fantastischer Song, der in den letzten zwei Minuten förmlich explodiert. Dürfte in den nächsten Jahren einer ihrer Live-Klassiker werden. "Normal Person" ist ein herrlicher Rockkracher mit bratzigen Gitarren, nennen wir's ruhig Schweinerock (positiv definiert, bitte!), und eine Melodie und ein Gesang, Rock'n'Roll der Extraklasse! "You Already Know" versprüht Live-Atmosphäre, der Boogierhythmus und die vielschichtigen Vocals prägen dieses Stück. "Joan Of Arc" lässt an die "pastoralen" Anklänge so mancher Songs der ersten beiden Alben erinnern, mit einer Melodie, die beste Ohrwurmqualitäten zu entwickeln vermag, am Schluss steigert sich der Song ins Bombastische, um abrupt in Stille zu enden. "Here Comes The Night Time II" ist der nächste Track, und wie man das bei Arcade Fire schon gut kennt, sind ihre "Reprise"-Tracks auf einem Album schön unterschiedlich gegenüber dem ersten Stück, und im Unterschied zum ersten Song ist das ein schöner, ruhiger Song mit geschmackvollem Stringarrangement. Zwei über je sechs Minuten dauernde Songs folgen, die thematisch ins antike Griechenland führen: "Awful Sound (Oh Eurydice" und "It's Never Over (Oh Orpheus)", und wieder erweisen sich Butler, Chassigne & Co. als Meister der differenzierten Melodik und verstehen es exzellent, das ganz locker und unverkrampft hinüber zu bringen, wie sie auch an Sounds ein breites Spektrum aufbieten, ohne dass es überladen wirkt. Der nächste Track dauert wieder sechs Minuten, und da denkt man als Leser vorher bei "sechs" schon fast an etwas anderes, wenn das Stück doch tatsächlich "Porno" heißt ... Arcade Fire beim Schweinigeln oder was? Natürlich nicht, denn erstens ist es eine schöner, cooler Electropopsong, und zum Zweiten hat der Text (soweit ich ihn ohne Beilage näher verstehen konnte) sicher nichts mit Glorifizierung von dem Zeug zu tun, wenn Win Butler mehrmals etwas von "feel something wrong" singt. Also kein Fremdkörper auf dem Album, auch "Afterlife" nicht, weder musikalisch (der Groove, den man von dieser Gruppe vom Debüt an liebt) noch textlich (metaphysische und sonstige philosophische Fragen und Songthemen, hier ums Leben nach dem Tod), Banalitäten überlassen sie gerne anderen. "Supersymmetry" beschließt die Platte und ist mit über 11 Minuten das längste Stück, das die Gruppe bislang auf Studioalben veröffentlicht hat: Eine schöne Ballade mit quirligem Rhythmus, aber nur bis zur sechsten Minute, danach folgt eine subtile Klangcollage, wie man sie beispielsweise von Radiohead seit "Kid A" kennt, oder aus seligen alten Krautrockzeiten vor rund vierzig Jahren.

Arcade Fire bleiben eine außergewöhnlich kreative und einzigartige Band, und sollte dieses Album in einigen Monaten zur Platte des Jahres gekürt werden, wäre das höchstwahrscheinlich sehr verdient. Für mich, der ich langsam auf den 60er zugehe, ist es eine Riesenfreude, solche Platten zu genießen, wo es junge Musiker/innen von heute grandios verstehen, das Beste aus mehreren Dekaden von Rock und Pop zu verarbeiten. Arcade Fire-Fans aller Länder, freut euch (mit mir)!
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