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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leuchtfeuer der Authentizität, 26. August 2013
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Rezension bezieht sich auf: Another Self Portrait (1969-1971): The Bootleg Series, Vol. 10 (MP3-Download)
Die vorliegende Zusammenstellung "Another Self Portrait" wird sehr erhellend sein für jene, welche Bob Dylans Schaffensperiode nach "Blonde on Blonde" (1966) hin zu "New Morning" (1970) bislang nicht viel abgewinnen konnten oder wollten. Nach seinem Motorradunfall im Juli 1966 und der damit eingeleiteten Wendung vom Rock zur Americana sind - mit "John Wesley Harding" (1967) beginnend - einige Platten in den Fußstapfen Woody Guthries, Robert Johnsons und Hank Williams entstanden, welche aus Bob Dylans Œuvre nicht wegzudenken sind. Wer die hier vorgestellten Song-Rohversionen aus der Zeit zwischen 1969-71 hört merkt schnell, dass es bei "Nashville Skyline", "Self Portrait" oder "New Morning" mit Sicherheit um mehr ging, als um mangelnden Willen zum (kommerziellen) Erfolg oder um die Freiheit, sich "nichts mehr beweisen zu müssen".

Während seiner 1966-Tournee wirkte Bob Dylan müde und ausgezehrt. D. A. Pennebakers Dokumentarfilm "Don't Look Back" zeigt den damals 25-Jährigen nach fast fünf Jahren, in denen er ständig unterwegs war, als neben sich stehend und in höchstem Maße hilfebedürftig, als ein Risiko für sich selbst. Von heute aus gesehen war sein Motorradunfall lebensrettend für ihn. In einem 1966 aufgezeichneten Interview mit Robert Sheldon machte Dylan kein Geheimnis aus seiner Sucht. Er brach mit dem Heroin und sagte 1969 in einem Interview zu Jann Wenner, er habe zu jener Zeit viele Drogen genommen, nur um weitermachen zu können. Nach mehrmaligem Hören dieser Takes erschließt sich dem Hörer, wie sehr der persönliche Wandel, den Bob Dylan zu dieser Zeit vollzogen hat mit dem musikalischen Anknüpfen an eine dem Leben zugewandte Folk-, Blues- und Country-Tradition verwoben ist.

Als ich vor fünf Jahren die schlechte Abmischung der Remaster-Version von "The Times They Are A-Changin'" kritisiert habe, hatte ich eine sehr genaue Vorstellung davon, wie sich die CD am bes­ten hätte anhören sollen. Dieses Ideal finden wir hier gleich zu Anfang bei "Went To See The Gypsy" verwirklicht. An diesem Track werden sich alle künftigen technischen Überarbeitungen messen lassen müssen. Gesang und Gitarre stehen in einem unübertrefflich guten Verhältnis zueinander, der Sound ist kraftvoll und transparent. Das gesamte Album klingt atemberaubend gut, doch dieser Titel toppt es alles. Die hier versammelten, mehr als vierzig Jahre alten Aufnahmen übertreffen in ihrer Nachbearbeitung selbst aktuelle Alben. Um heutigen Hörgewohnheiten gerecht zu werden, jagt man die Einspielungen oft durch den Begrenzer, damit sie ohne große Laut/Leise-Schwankungen problemlos am MP3-Player zu hören sind (Beispiel "Adele 21"). Das Ergebnis klingt dann oft recht geglättet. Im Gegensatz dazu ist hier alles optimal aufeinander abgestimmt.

Bislang unveröffentlichte Songs wie "Pretty Saro", "Spanish Is The Loving Tongue", "These Hands" und "Bring Me A Little Water" offenbaren die Seelenlage eines Mannes, der wahrhaft Zugang zu seinen Gefühlen gefunden hat. "Time Passes Slowly #1", "I Threw It All Away" und "House Carpenter" zeigen die Stimmgewalt Dylans - und dass er sehr wohl zur Tongenauigkeit in der Lage ist. "Days Of '49" (mein Favorit auf "Self Portrait" von 1970) ohne Overdubs zu hören, ist eine angenehme Überraschung. Doch nur eine von vielen. George Harrison hatte "If Not For You" auf "All Things Must Pass" (ebenfalls 1970) so überragend interpretiert, dass die Verantwortlichen gut daran getan haben, die hier veröffentlichte Version (die von einer anrührenden Geige veredelt ist) bis zu dessen Tod im Archiv zu lassen.

Eines der Glanzlichter von "Another Self Portrait" ist das Stück "Only A Hobo". Genau genommen begleitet es Bob Dylan bereits seit seinen Anfangstagen. Die älteste mir bekannte Version wurde unter seinem damaligen Pseudonym Blind Boy Grunt Anfang der Sechzigerjahre veröffentlicht. Die meisten Hörer werden es jedoch von "More Bob Dylan's Greatest Hits" kennen. Kaum je hat sich Dylan so sehr als der legitime Thronfolger Woody Guthries gezeigt. Hier hören wir eine sehr schöne, countryeske Version mit Banjo. "If Dogs Run Free" erschien im Original auf "New Morning" (dort mit einem unvergesslich schaurig-schönen Oberton-Gesang einer Background-Sängerin als zweiter Stimme). Ich habe dieses Stück von jeher geliebt und musste immer daran denken, dass Dylan hier "If dogs run free - why nor we?" trällert, während er sich selbst immer mehr zurückzog.

Insgesamt ist "Another Self Portrait" ein ziemlich entspanntes Album, das sehr gut zum genial aufbereiteten Mitschnitt des Konzerts auf der Isle of Wight passt, der bisher nur als "Field Recording" in Sammlerkreisen zirkulierte:

In den drei Jahren vor seinem legendären Auftritt mit The Band beim 'Isle of Wight Festival' am 31. August 1969 hatte sich Bob Dylan sehr rar gemacht. Umso größer war deshalb das Interesse unter den 150.000 Konzertbesuchern. Mir gefällt der Akustik-Teil am besten, besonders "Wild Mountain Time" und der unvermeidliche Walzer "To Ramona" (bis heute Bestandteil in Dylans Live-Repertoire). Elektro sprechen mich "I Threw It All Away" und "I Pity The Poor Immigrant" am meisten an. Das ganze Konzert überzeugt durch sehr solides Zusammenspiel. Man spürt vom ersten bis zum letzten Takt, Bob Dylan kann sich fest auf seine Mitmusiker verlassen. Als offizielle Live-LP/CD hätte dieser Mitschnitt in der Hörergunst der vergangenen Jahrzehnte etwa den Rang der - sehr viel rauheren - "Before The Flood" eingenommen, denke ich. Ein Ereignis, dass dieses lang ersehnte Konzert-Dokument nun endlich legal und in bemerkenswerter Klangqualität erhältlich ist.

Achtung: Die 4CD-Box enthält außer dem (nur schwer verzichtbaren) 'Isle of Wight'-Mitschnitt auch "Self Portrait" von 1970, der MP3-Download nicht.
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