Kundenrezension

45 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Psychogramm mit Pferd, 24. August 2007
Von 
Rezension bezieht sich auf: Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) (Broschiert)
Ein ruhiges Urlaubsdomizil am Bodensee. Seit Jahren schon pflegt Oberstudienrat Helmut Halm zusammen mit seiner Frau Sabine hier seinen Urlaub zu verbringen. Es sind diese vier Wochen im Sommer, die es Halm einmal im Jahr erlauben, dem alltäglichen Trott zu entfliehen und mal ganz er selbst zu sein. Und dann steht da plötzlich dieser Klaus Buch vor ihm, dieser ehemalige Schul- und Studienfreund, der so anders ist als Helmut, jung, aktiv, lebensfroh, der von dessen angestammten Urlaubsort so spricht: "Das ist schon ein Scheißsee. (...) Das sei vielleicht was für Opas, in deren Wipfeln Ruh ist. Jetzt schau dich doch einmal um, diese Gegend, eingeschlafen für immer. Ich schwör' dir. Hier geht nichts mehr. Wir sind im Totenreich. Farbloses farblos im Farblosen."

Nicht segeln, nicht schwimmen oder Rad fahren - alles was er sich für diesen Urlaub vorgenommen hat, ist die fünfbändigen Tagebücher des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard zu lesen. Auch wenn er letztlich über ein paar Seiten nicht hinauskommt, allein diese Vorstellung von Urlaubsbetätigung sagt viel über Helmut Halm aus, den Lehrer, der nichts mehr vom Leben erwartet. Der, obwohl erst Ende Vierzig, bereits in einem lebensträgen Phlegma gefangen ist. Der in seiner Isolation vor dem Leben in stiller Angst vor jeder Geselligkeit, vor menschlicher Nähe, vor sozialen Kontakten lebt. Der in seiner kühlen, abweisenden Natur den einzigen Weg gefunden hat, von Mitmenschen nicht erkannt und durchschaut zu werden. Ohne nahestehende Freunde oder Bekannten, die ihn, seine Lebensweise und Spleens kennen, muss er nicht fürchten, seelisch entblößt zu werden, muss er nicht fürchten, seine Gefühle preiszugeben, die alleinige Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Ein Leben ohne Emotionen - ohne sichtbare Emotionen. Helmut Halm - ein Misanthrop, dem plötzlich aufgezeigt wird, dass seine selbstgewählte Lebensabstinenz keineswegs alternativlos ist, dass doch auch er auf eine leutselige Jugend zurückblicken kann, damals, als er noch der "Ha-Ha" genannt wurde, der Ha-Ha, der jeden Unfug mitmachte. Klaus Buch steht vor ihm.

Klaus Buch? Aufs Verrecken nicht will er sich erinnern an diesen braungebrannten, athletischen Sunnny-Boy, der sein einstiger Kommilitone gewesen sein soll.
Hatte Helmut anfangs nur skeptisches Kopfschütteln für den zwanghaft trendigen Habitus Klaus' übrig gehabt, so entwickelt sich der zufällige Urlaubstreff zunehmend zu einem Wettkampf zweier Charaktertypen: In Gestalt von Klaus Buch steht dem introvertierten, menschenscheuen Helmut der personifizierte Widerspruch gegenüber: lebensfreudig, aufgeschlossen, jovial, attraktiv, vollschlanke Freundin im Arm.
Während er sich die ersten gemeinsamen Urlaubsaktivitäten über gänzlich unberührt zeigte von der Dynamik, vom Aktivitätendrang und der körperlichen Fitness seines Pendants, lässt ein Ereignis Helmut aufzeigen, dass diese Koinzidenz am Bodensee immer mehr zur Wachablösung einer Lebenseinstellung wird: Ein fliehendes Pferd, das selbst der Besitzer nicht zu bändigen weiß, kommt auf die Wandergruppe zugeschossen. Während Helmut hastig zurückweicht und gar Mühe hat, seine Spanielhündin zurückzuhalten, nähert sich Klaus, scheinbar in seiner Manneskraft herausgefordert, dem Tier, als dieses am Wiesenrand rastet.
Indem er blitzartig auf dessen Rücken springt, trotz heftigem Widerstreben des Pferdes dessen Herr bleibt und, nach wildem Ritt triumphal zurückkehrend, das Tier seinem Besitzer demonstrativ übergeben kann, hält Klaus seinem gleichaltrigen Schulfreund den Spiegel vor: Klaus' Leben in seinem offenkundigen Erfolg, seiner Unbekümmertheit und ausgelassenen Heiterkeit konterkariert eindringlich die halmsche Einsiedelei, und auch Helmut wird bewusst, dass ihm, dem routinierten und in dieser Routine erschlaffenden Biedermann, unwillkürlich der Staffelstab aus der Hand genommen wird vom Abenteuer, der Nonchalance und Lebensfreude seines Schulfreunds. Dennoch wird der Wunsch nach Veränderung in Helmut erst - und auch da nur latent - hervorgerufen, als dessen Frau Sabine auf die beständige Sexualunlust ihres Mannes hin mürrisch repliziert: "Dann frag ich eben Klaus, ob er mit mir schlafen will."

Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd" ist gleichsam eine Synkrisis zweier Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Indem dem braven, pflichtbewussten Kleinbürger Helmut durch die Konfrontation mit seinem ehemaligen Kommilitonen Klaus aufgezeigt wird, dass auch ein vitales, abenteuerlustiges, leutseliges Leben zu Erfolg und Anerkennung führen kann, wird in ihm schließlich das ungute Gefühl evoziert, etwas verpasst zu haben im Leben. Auch wenn er mit sich selbst, seiner Reserviertheit und Apathie voll zufrieden ist, auch wenn er weder Willen, noch Kraft zur Selbständerung hat, so ruft dieser Klaus in seinem plötzlichen Auftreten und der Penetranz seiner Selbstdarstellung in Helmut die Unruhe hervor, sein Leben derweil verschenkt zu haben und zum "schicksallosen Kleinbürger" geworden zu sein, der nach Klaus' Meinung nichts anderes sei als ein "spießig verwitterndes Harnsäurekonzentrat."
Das Psychogramm zweier Charaktere, das Walser in dieser Novelle zeichnet, ist in seiner schonungslosen Offenheit und seiner Authentizität beeindruckend. Und ebenso warnend: Indem ich Wesenszüge Helmuts so deutlich in mir selbst wiederentdeckt habe - Selbstverschluss, Emotionsleere, Distanz, Abgleiten aus Ruhe in Trägheit -, indem ich fast fatalistisch sicher bin, mal so zu enden, wie Helmut in seiner unberührbaren Lebensweise dargestellt wird, und trotz allem Widerstreben glaube, dies nicht beeinflussen, geschweige denn ändern zu können, hat "Ein fliehendes Pferd" mich endlich mit der Frage konfrontiert, was ich denn selbst von meinem Leben erwarte, wie meine Zukunft aussehen soll, was mir wichtiger ist: Anerkennung oder Spaß? Erfolg oder Freiheit? Ruhe oder Party?
Zumal da ich gerade vor der wichtigen Frage nach der idealen Berufs- und Studienwahl stehe und damit vor meiner kurz- bis mittelfristigen Lebensplanung, diente Walsers Novelle als dankbare Orientierungshilfe, auch wenn sie letztlich keine eindeutige Hilfe gibt:

"Du musst gerettet werden. Du brauchst mich, Helmut, das spür' ich." - Auf dem gemeinsamen Segeltörn, auf dem Klaus das Angebot an Helmut ausspricht, mit ihm auf die Bahamas zu kommen, um dort den Neuanfang eines anderen, aufregenden, forschen Lebens zu setzen, kommt plötzlich ein wütender Sturm auf, der nochmals beide Charaktere in ihren Extremen gegenüberstellt: Während Klaus sich an immer stärker werdenden Böen erfreut, bittet Helmut ängstlich, doch bitte das nächste Ufer anzusteuern. Auf dem Höhepunkt des Unwetters - Klaus frohlockt ob des maritimen Abenteuers - stürzt der Bonvivant (unter unglücklicher Mithilfe Helmuts) von Bord. Helmut erreicht das Ufer. Ohne Klaus.
Was dann geschieht, kehrt die bisherige Konstellation gänzlich um: Während Helene, die wohlgeformte Freundin Klaus Buchs, von ihrer Abstinenzler- und Low-Fat-Trennkost-Linie abkommt, zu trinken, rauchen und gar Kuchen zu essen beginnt, gehen die Halms plötzlich in Aktivitätendrang und Vitalität auf, kaufen Fahrradausrüstung und Sportkleidung.
Und dann steht plötzlich Klaus vor der Tür...
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.03.2012 21:04:57 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 24.03.2012 21:05:48 GMT+01:00
Margot Scholz meint:
Wer das liest, der braucht das Buch nicht mehr zu lesen. Ich finde solche ellenlangen Rezensionen eine Zumutung, es ist gerade so, als wollte man verhindern, daß das Buch gelesen wird, denn nach so einem Kommentar weiß man praktisch ja schon alles! Eine Rezension soll kein Nacherzählen sein, sondern lediglich eine Kritik, gut oder schlecht.
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