Kundenrezension

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3.0 von 5 Sternen Autorität auf wackligen sprachsemiotischen Füßen, 31. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Performativität: Eine Einführung (Broschiert)
Dieses Einführungs-Buch ist mindestens das sechste der theaterwissenschaftlichen Autorität Fischer-Lichte zum Thema Performativität, so dass ihre Kompetenz von Seiten der Theaterwissenschaft außer Frage steht. Das Buch beginnt spannend mit der Aufführung der sophokleischen Elektra durch Max Reinhard im Berlin des Jahres 1903, besonders durch Gertrud Eysold in der Hauptrolle: Der traditionell in der Reserve bleibende "semiotische Körper" der Darstellerin fällt mit dem vollen Einsatz ihres phänomenalen, persönlichen Leibes zusammen, ein das Publikum damals schockierender Vorgang. "Die Dichotomie zwischen textzentrierten und leibzentrierten Kulturen wurde von Reinhards Inszenierung aufgehoben. Wie hier wurde um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch in anderen Bereichen das überlieferte Verständnis der eigenen Kultur brüchig" (14): weg von Texten, hin zur Körperlichkeit der Aufführungen, eine Wende, die zeitgleich in der Bedeutung der Ritualforschung und der Herausbildung einer neuen Körperkultur in Erscheinung trat.

Der Begriff des Performativen wird folgendermaßen bestimmt: "Der Begriff bezeichnet symbolische Handlungen, die nicht etwas Vorgegebenes ausdrücken oder repräsentieren, sondern diejenige Wirklichkeit, auf die sie verweisen, erst hervorbringen" (44). In sprachtheoretischer Hinsicht knüpft die Autorin an Sibylle Krämer an, die drei Begriffe des Performativen unterscheidet: 1. das schwache Konzept: ganz allgemein die Handlungs- und Gebrauchsfunktion von Sprache, 2. das starke Konzept, wonach eine Äußerung zugleich das sprechend vollzieht, was sie bezeichnet, 3. das radikale Konzept beziehe sich auf "die Fähigkeit des Performativen, eine operativ-strategische Funktion zu erfüllen - was die Grenzen von dichotomischen Klassifikationen, Typologien und Theorie aufzeigt und unterläuft" (44).

An dieser Stelle zeigt sich die von der Autorin eingeräumte Abhängigkeit der dargestellten "Theorien der Aufführung/Performance" von semiotischer Sprachtheorie - und zwar leider von einer unzulänglichen, weshalb das Buch leider nicht das hohe Niveau und die offensichtliche theatergeschichtliche Kompetenz vom Anfang durchzuhalten vermag. Richtig ist, dass jenes schwache Reden von performativ (dem die bloße Zweiheit von propositionalem und pragmatischem Bestandteil aller Sätze zugrunde liegt und das für die Rhetorik eines Habermas etwa gut genug ist) von einem starken, erst das Spezifische des Performativen erfassenden Konzept streng unterschieden werden muss. Letzteres besagt, dass semantisch gesagt wird, was eben dadurch pragmatisch vollzogen wird (z.B. in einem ausdrücklichen Versprechen oder einer Zusicherung) bzw. auf dem Theater umgekehrt: dass erst dadurch etwas gesagt wird, dass es handelnd vollzogen wird. Schon diese doppelte Richtung des starken Performativen wäre für eine gegenwärtige "Kultur des Performativen", welche die Autorin beschreiben will, zu unterscheiden wichtig.

Bei dem dritten, "radikal" genannten Konzept des Performativen löst sich keineswegs die angebliche Dichotomie zwischen Semantischem und Pragmatischem, die in Wahrheit Teil der Vierheit von sigmatischer Zeichendimension, Semantik, Pragmatik und Syntax ist, auf ins Unbestimmte. Vielmehr muss das Pragmatische (jenes zunächst schwache Performative) analog der genannten Vierheit untergliedert werden, und zwar - wenn man die suchende Terminologie von J. Austin berücksichtigen und dabei klären will - in: Informationspragmatik (Lokution), Ausdruckspragmatik (Illokution), Wirkungspragmatik (Perlokution) und Rollenpragmatik (exekutives Sprechen). Der Begriff der Rollenpragmatik, der Ausführung von sozialen Rollen durch Sprache (Ich eröffne die Sitzung, Ich taufe dich, Ich heirate dich usw.) fehlt in der bisherigen Sprach- und Pragmatiktheorie wie alle besagten, reflexionslogisch fundierten Unterscheidungen. Zwar wird darin das Phänomen des Performativen als selbstbezügliches semantisches Ausdrücklichwerden des Handelns am offensichtlichsten (weshalb die Autorin nur Sprachbeispiele von solcher Rollenausführung durch Sprache bringt, ohne es als solches zu benennen). Doch das Performative erschöpft sich keineswegs im Rollenhandeln. Vielmehr können alle Arten von Sprachpragmatik zugleich semantisch ausdrücklich (selbstreferentiell) werden. Anstelle der von S. Krämer nahegelegten Selbstauflösung von Theorie muss sie im Gegenteil logisch korrekt durchgeführt werden bzw. das seit 1981 bereits Durchgeführte (jetzt neu: Philosophische Semiotik. Teil II: Sprache in 5 Bänden. Gesamtausgabe: 1. Die Zeichendimension, 2. Die Bedeutungsdimension, 3. Die Handlungsdimension, 4. Satzbauformel, 5. Stilistik.) müsste zur Kenntnis genommen werden, statt dass man in den alten, wenngleich transatlantischen Zitationskartellen verbleibt.

Es ist selbstverständlich, dass die sprachliche, alltägliche Rollenpragmatik auch zu den Theaterrollen Bezüge hat. Diese - und damit das Performative der Kultur - können jedoch nicht adäquat thematisiert werden, wenn die Semiotik der Sprache nicht genügend differenziert ausgearbeitet ist. Die tiefergehende Beschreibung des Verhältnisses von vorsprachlichem Handeln und Sprachhandeln auf dem Theater bedürfte ebenfalls einer solchen Grundlage. Das Fehlen semiotischer Handlungs- und Sprachtheorie ist der Grund, weshalb - trotz der semiotisch ausgerichteten theaterwissenschaftlichen Kenntnisse der Autorin - das Buch jenes merkwürdige Gefälle hat und leider nicht hält, was es anfangs verspricht. Es verliert sich im Vielerlei von Beobachtungen zum Bühnentheater und Welttheater, die je für sich mehr oder weniger interessant sind, doch theoretisch nicht zusammengehalten und vertieft werden.
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