Kundenrezension

98 von 123 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Westen ist kein Ponyhof, 20. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: True Grit (DVD)
Gestern habe ich "True Grit" gesehen - und ich habe immer noch ein fröhliches Grinsen im Gesicht. Nach längerer Zeit haben es die Coens für meinen Geschmack mal wieder geschafft. Im Moment rangiert "True Grit" in meiner Coen-Brüder-Skala tatsächlich auf Platz 3 hinter "Fargo" und "Blood Simple". Wahrscheinlich wird es von dort nach etwas Bedenkzeit und wenn sich die erste Begeisterung legt wieder durch "O Brother where art thou?" verdrängt. Aber Platz vier dürfte ihm dauerhaft sicher sein. Ja, noch vor "No country for old man" und "The big Lebowski".

"True Grit" ist ein typischer Spät-Western. Eine Geschichte um Sühne und Rache in einem alt gewordenen Westen der alt gewordenen Männer. Es gibt hier eine Verwandtschaft zum grandiosen "Erbarmungslos". Aber wenn Clint Eastwood als Kopfgeldjäger der verbitterte alte Opa ist, um den auf einer Familienfeier alle einen Bogen machen - dann ist Jeff Bridges als verlotterter US-Marshall der schrullige alte Onkel, den die Kinder aufgeregt kichernd umschwärmen, in der Hoffnung, dass er gleich den bösen Wolf spielt.

Kinder ist dann auch das wichtige Stichwort. "True Grit" ist eine liebevolle Western-Hommage, die immer wieder in parodistische Züge abgleitet, ohne dabei ihre Figuren der Lächerlichkeit preis zu geben oder das Drama, das sich hier entfaltet, zu verwässern. Und es ist ein Film, der aus der Perspektive eines jungen Mädchens von 14 Jahren erzählt wird. Mattie Ross hat eben ihren Vater verloren, sein Mörder Tom Chaney ist auf freiem Fuss. Also macht sie sich auf, um einen Revolverhelden zu finden, der gegen Bezahlung Vergeltung übt. Das ist ganz alt-testamentarisch. Und so redet Mattie dann auch über weite Strecken der Geschichte. Ihre Wahl fällt auf den abgewirtschafteten Reuben "Rooster" Cogburn, der seine besten Tage lange hinter sich hat, der sich aber von der Hartnäckigkeit des Mädchens unfreiwillig beeindruckt in die Geschichte hinein ziehen lässt. Und dann stösst noch der jüngere Texas Ranger LaBoeuf hinzu. Gemeinsam geht man auf die Jagd. Am Ende wird der Gerechtigkeit genüge getan. Doch auch Mattie hat hierfür ihren Preis zu zahlen.

Die nassforsche Vierzehnjährige ist die Hauptperson, aus deren Perspektive wir die Geschichte erzählt bekommen. "True Grit" ist ein Jugend-Western. Mattie reist in den Wilden Westen, wie wir uns das über unseren Karl-May-Büchern in jungen Jahren auch erträumt haben. Wenn sich am Anfang von den Gleisen der Eisenbahn der Blick auf die staubige Mainstreet der Westernstadt öffnet, sind wir ganz tief in den Legenden der Pubertät. Die Coens spielen sehr bewusst mit diesem Motiv. Mattie macht eine Abenteuerreise und plötzlich sind wir gemeinsam mit ihr wieder Vierzehn. Natürlich wollen wir ein eigenes Pferd haben. Und selber mal schießen. Und in Begleitung verwegener Haudegen in die Weite hinaus reiten, um die Bösewichter zu erledigen. Das alles werden wir gemeinsam mit Mattie tun. Doch sehr behutsam setzen die Coens gegen diese Bilder kleine "Realität-Schocks": Pistolen sind laut und hinterlassen gemeine Wunden. Gewehre haben einen Rückstoß. Die verwegenen Haudegen sind gescheiterte Säufer mit zweifelhafter Moral, die sich von den Bösewichtern oft nur durch ihr Abzeichen an der Brust unterscheiden. Die Weite ist kalt und ungemütlich. Und unser Pferd nur bis zu einem bestimmten Punkt belastbar. Der Tod kommt hier draußen schnell und grausam, er sieht nicht schön aus und erscheint nur in den seltensten Fällen als gerecht.

Man sieht es schon - den Coens ist hier seit längerem einmal wieder die richtige Mixtur aus Komödie und Tragödie gelungen. Zu den Darstellern kann man nur sagen: Grandios. Hailee Steinfeld ist als Mattie unglaublich präsent und hat hier Drehbuchzeilen spendiert bekommen, die einfach nur traumhaft sind. Matt Damon zeigt als LaBouef für meinen Geschmack seine beste schauspielerische Leistung bisher. Ich habe immer vermutet, dass er eigentlich eine sehr komische Ader hat - hier darf er sie nun endlich mal voll ausleben. Zu Jeff Bridges schließlich müsste man jetzt noch ganze Absätze schreiben. Ich spare mir und Ihnen das und sage einfach nur: Sagenhaft! Allein seine Stimme entfaltet eine derartige Präsenz, dass man einfach nur andächtig auf die Knie sinken möchte, um zu huldigen. Die drei Darsteller liefern sich hier einen Schlagabtausch aus Dialogwitz und Leinwandpräsenz, der auch nach mehrfachem Schauen des Filmes nichts an seiner Durchschlagskraft verliert. Dafür lohnt sich auch der Kauf für die Heimsammlung.

Hinzu kommt das gewohnt qualitätsvolle Regiehandwerk der Coens. Kamera, Farben, Ton, Maskenbild, Kostüme und Bauten - alles makellos. Ein sehr guter Soundtrack aus Gospel-Nummern. In Sepia gehaltene Bilder einer winterlichen Natur. Und als Höhepunkt des Filmes ein unvergesslicher Ritt von Cogburn mit der verletzten Mattie unter einem sternenübersähten Himmel, der für mich zu den magischsten Leinwandmomenten der letzten Jahre zählt. Selbst jetzt beim Schreiben läuft mir ein Schauer über den Rücken. Muss man gesehen haben!

Ist ein langer Text geworden. Entschuldigung dafür. Besorgen Sie sich diesen Film! (Und schauen Sie ihn unbedingt in Englisch - auch wenn Sie mit Sicherheit die Untertitel benötigen werden.) Ganz großes Kino.

Wenn ich so darüber nachdenke: Doch auf Platz 3.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.05.2011 10:06:10 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 24.05.2011 10:06:49 GMT+02:00
Hallo Bartgesang,

die Betrachtung über Mattie als Identifikationsfigur für den Zuschauer und die behutsam gehaltene Spannung zwischen Kindheitsnostalgie und fieser Realität finde ich eine sehr überzeugende Sichtweise. Auch wenn mein persönlicher Coens-Favorit immer noch "The Big Lebowski" ist, kann ich Ihnen nur sagen: Eine erstklassige Rezension! Hier werden aber auch leider - wie so oft - Meinungen beklickt.

LG, T.S.

Veröffentlicht am 12.07.2011 18:12:14 GMT+02:00
Mal ehrlich - da finde ich sowohl "Schneller als der Tod", als auch "Last Man Standing" weitaus besser, weil atmosphärisch dichter und treffender - sowohl Sam Raimi, als auch Walter Hill haben da bessere Jobs als die Cohen ( Coen) -Brüder gemacht. Von den involvierten Schauspielern ganz abgesehen, das reisst auch ein Matt Damon nicht raus ! Wohlgemerkt, es geht um Spät-Western, nicht um Pippi Langstrumpf im Wilden Westen !
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