Kundenrezension

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Philosophie (nicht nur) für Netzbewohner, 4. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Kritik der vernetzten Vernunft: Philosophie für Netzbewohner (Broschiert)
Großartig, dachte ich: Ein philosophisches Buch über das Netz und was es mit uns Menschen macht und was wir mit ihm machen können: Kritik der vernetzten Vernunft: Philosophie für Netzbewohner von Jörg Friedrich. Ein Buch für mich, für den Netzbewohner. Solche Themen machen mich neugierig.

Erst einmal musste ich mich jedoch in Geduld üben, denn die ersten knapp 60 Seiten lesen sich wie ein Lehrbuch zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, immer entlang gehangelt an Kant, manchmal im Stile der Meditationen von Descartes (19 f., 34 f.), aber immerhin klar und interessant geschrieben und anhand alltäglicher Beispiele und Metaphern erklärt. Es wird deutlich, das Jörg Friedrich eine verlässliche Basis für sein Thema Vernetzte Vernunft mithilfe von exakten Definitionen legen möchte.

Das die Verlässlichkeit unseres Wissens auf tönernen Füßen steht, mag die Quintessenz der ersten Hälfte des Buches gewesen sein. Das hätte man für meinen Geschmack auch etwas knapper und straffer herleiten können. Philosophisch vorgebildeten empfehle ich deshalb, die erste Hälfte zu überfliegen und mit dem Kapitel Was tun? (61) einzusteigen, aber auch dort noch zügig querzulesen.

Denn hier geht es zunächst weiter mit Begriffsklärungen: Kultur, Natur und Wildnis werden ebenso wie Realität, Wirklichkeit und Welt differenziert. Heraus kommen wieder klare und plausible Eingrenzungen wie zum Beispiel: "Kultur können wir als den regelmäßigen Eingriff von Menschen in die Realität betrachten, sodass Wirklichkeit entsteht, die mit einer Welt zusammenpasst" (71). "Dabei verstehen wir Welt als die Vorstellung, das Verständnis, das der Mensch von der Realität hat. Wirklichkeit ist der Ausschnitt der Realität, auf die das Handeln des Menschen Auswirkungen hat und deren Prozesse umgekehrt auf den Menschen wirken" (78). Oder: "Natur ist das, was herauskommt, wenn die Wildnis zugänglich, beobachtbar, verständlich gemacht worden ist" (67). Zwischendurch findet man noch kleine Juwelen wie etwa: "Die Sehnsucht nach der Natur ist nichts anderes als der Wunsch nach Erholung von den vielen Stolperfallen, die mir die Wirklichkeit bereitet und auf die mich meine Welt nicht vorbereitet hat" (69).

Friedrich kommt hier zurück zum eigentlichen Thema und stellt noch einmal klar (es ist in der vorgenannten Definition bereits implizit enthalten), dass die kulturelle Wirklichkeit die Domäne der vernetzten Vernunft ist und die Wildnis - also das unerschlossene und nicht geformte - eine Art Jenseits dieser vernetzten Vernunft ist, regellos, unverstanden, nicht verlässlich.

Immer noch rutscht der nach neuen philosophischen Erkenntnissen zur Netzkultur oder -soziologie gierige Leser auf seinem Stuhl herum. Die erste Hälfte des Buches ist durchgelesen und noch immer ist nichts zu ahnen von der versprochenen Philosophie für Netzbewohner. Dann geht es zögerlich los mit einem Vergleich: "Die Trolle sind das »Unkraut« des Internets" (81), also die Elemente, die aus der herrschenden Ordnungsstruktur des nützlichen und guten hinausfallen. En passant kann man hier nicht nur etwas über Online-Communitys lernen, sondern auch immer wieder das eine oder andere Detail zur Datenübertragung und -speicherung aufschnappen. Friedrich entwirft hier ganz undramatisch kulturtheoretische Leitplanken, um die gegenwärtigen technischen Entwicklungen einzuordnen und auf der Basis bereits bekannter Kulturtechniken zu verstehen. Interessant ist zum Beispiel die Feststellung, dass die Regeln für solche Communitys - analog zu anderen gesellschaftlichen Domänen - nicht in ihrem Handeln und Kommunizieren selbst festgelegt werden, "sondern in gesonderten politischen Institutionen" (93), was im Moment heißt, dass sie keine demokratischen Gemeinschaften sind. Immer wieder unterbrochen werden diese langsam Fahrt aufnehmenden Überlegungen für Netzbewohner durch allgmeingültige und manchmal langatmige soziologische Erklärungen (Kultur und Politik oder Handeln nach Gesetzen), die uns auf das Verständnis der Online-Welt vorbereiten sollen. Lang und breit erklärt werden auch Tatsachen wie die, dass die Ausdrucksmöglichkeiten in Online-Comunitys beschränkt seien. Man könnte entgegnen, dass das prinzipiell für jede Kommunikation gilt und bei Übertragungstechniken wie Brieftauben, Morse oder Telefonaten sogar noch restriktiver ist, es sich also nicht um eine Besonderheit der Online-Kommunikation handelt. Ebenso zu lang geraten, finde ich die anschließenden Ausführungen über den Willen, die Handlungsfreiheit und Notwendigkeiten, die alle zwar gut formuliert sind, aber so allgemeingültig bleiben, dass sich dem Leser die Verbindung zum vom Untertitel versprochenen Thema nicht erschließt.

Als es schließlich um Organisation im politischen Handeln geht, stößt Friedrich direkt und ohne weitere Umwege ins Thema vor: Vor dem Internet war politisches Handeln (wenn man Terrorismus und andere subversive APO-Aktionen ausklammert) für den einzelnen mühsam und langwierig, denn es galt sich in die Strukturen von Organisationen einzupassen und gemeinsam an einem Strang zu ziehen, dem im günstigsten Fall ein kleinster gemeinsamer Nenner zugrunde lag. "Die Vernetzung und die mobile Online-Kommunikation versprechen gegenwärtig, diesem Problem abzuhelfen." Durch die Dynamik und Flexibilität des Webs bzw. der vernetzten Vernunft und die Abwesenheit von Hierarchien, Autoritäten und Ordnungen, so Friedrich, komme es jedoch zu einer Richtungslosigkeit, mit der man die Gesellschaft nicht bewegen könne.

Einer Gesellschaft liegen ganz andere Komplexitäten zugrunde, als einem physikalischen System. Zum Beispiel mag es sein, dass Online-Communitys kaum die Wirklichkeit in eine Richtung hin verändern. Aber ist das nicht sowieso ein Denken aus einer Klassengesellschaft? Muss heute eine Kommune noch die Gesellschaft verändern? Vielleicht kommt es jetzt wieder mehr denn je darauf an, dass sich aus den Einzelinteressen von Individuen letztlich die großen Zusammenhänge ändern, ohne dass es einer ruckartigen gesellschaftlichen Umwälzung bedarf. Ein Beispiel: Informationen über miese Geschäftspraktiken oder Umweltverschmutzungen, Korruption und Ausbeutungen sind heute dank des Internets, dank seiner Blogger und Datenbanken wie Wiki Leaks so zugänglich wie noch nie zuvor. Hierdurch entsteht ein Druck auf Organisationen, sich ethisch und nachhaltig zu verhalten. Das schlägt bereits in "vorauseilenden Gehorsam" um und führt zum Trend der Green Industry, weil Firmen erwarten, dass ihnen daraus ein Wettbewerbsvorteil entsteht. Vielleicht sind es diese Veränderungen, die unsere Zukunft sicher stellen.

Ein anderes, diesmal aus der Psychologie bekanntes, Argument - das sich des Phänomens der confirmation bias bedient - soll unsere Zweifel an der Eignung des Webs für das politische Handeln zementieren.

Zum einen finde ich, dass Friedrich hier das Individuum ganz generell unterschätzt und somit weder dem Zeitungskäufer der letzten Jahrhunderte (wie wir wissen, lesen viele politisch Interessierte die BILD, gerade weil diese Zeitung ihrer Meinung in den meisten Fällen entgegensteht), als auch den modernen Blog-Leser. Es liegt nämlich tatsächlich im Ermessen jeder einzelnen Person, ob sie selektiv nur liest, was sie in ihren Urteilen bestätigt oder versucht darüber hinaus zu schauen. Zum anderen wird hier ein ganz wichtiger Aspekt vernachlässigt: die Produktion. Blogs, Twitter, Google Plus etc. sind nicht nur Rezeptionskanäle, sondern auch Produktionskanäle, Sender statt nur Empfänger. Das ist schon ein fundamentaler Unterschied, indem das Web, anders als die herkömmliche Presse, heute jedem ermöglicht an gesellschaftlichem Diskurs auch produktiv teilzunehmen.

Friedrich argumentiert weiter, dass der Online-Welt das Leibliche fehle, also die Übertragung der Online-Aktion in wirkliche Veränderung, Wirklichkeitsveränderung. Man könnte dagegen halten, dass man das auf einem individuellen Level gar nicht überprüfen kann. Meine Frau liest online Rezepte und kocht diese dann zu Hause nach. Das übersetzt sich für mich in absolute Körperlichkeit. Die Online-Aktion wird hier in Wirklichkeit umgesetzt. Warum soll das nicht mit politischen Gedanken gehen. Beispiel Minimalismus: Das war ein Hype unter Bloggern im letzten Jahr. Inzwischen wird darüber nicht mehr so viel geschrieben, aber viele Leute leben heute danach. Sie konzentrieren sich aufs für sie Wesentliche, besitzen weniger und haben weniger Verpflichtungen, aber dafür mehr Zeit, leben umweltverträglicher usw. Natürlich wird sich daraus auch kein Klassenkampf entwickeln. Aber wer denkt, dass Wirklichkeitsveränderung nur durch konzertierte Aktionen vieler Tausender Menschen stattfindet, blendet das Private aus. Und war das Private nicht politisch?

Viele mögen von ihrer Politik und Industrie im Privaten mehr Transparenz erwarten, ohne dafür je demonstrieren zu gehen. Diese Erwartungen werden dennoch erfüllt werden müssen, sobald ausreichend viele diese Erwartungen haben und danach wählen und konsumieren. Genau für solche Bewusstseinsbildung ist das Web, ganz im Gegensatz zur herkömmlichen Presse, ein idealer Inkubator. Die Gefahr der confirmation bias besteht natürlich und somit auch die Gefahr der Selbstüberschätzung. Es kommt aber darauf an, diese Gefahr zu kennen und gegenzusteuern.

Friedrich hat jedoch etwas anderes vor Augen, er meint politische Aktion im herkömmlichen Sinne, für die das Web ihm noch nicht reif erscheint. Gut gefällt mir, dass Friedrich für die von ihm diagnostizierten Probleme Lösungsvorschläge bietet.

Eine weitere Schwäche der vernetzten Vernunft sei, dass sie gerne den Bahnen ihres Netzes folge, anstatt aus ihnen auszubrechen und neue Wege zu beschreiten. Aber auch hier macht uns Friedrich Hoffnung. Auch Angela Merkels Alternativlosigkeit, die ja bisher kein Aufruf zum Aufbruch, sondern einer zum Festhalten war, könnte hiermit geholfen werden. Der Amerikaner sagt: "Think outside the box!" Neue Wege entdecken oder erst einmal Spuren legen - man nennt das Kreativität - das scheint auch Friedrich der vernetzten Vernunft zu empfehlen.

Im Schlusskapitel wird Friedrich dann noch einmal ganz allgemein anthropologisch und fragt: "Was ist der Mensch?" Jedenfalls als Individuum nicht vernünftig, jedoch bilde sich die Vernunft zwischen den Menschen als vernetzte Vernunft. Der Ausbruch aus diesem Netz gehört genauso dazu, wie das vernünftige Folgen der Bahnen dieser Netze. Und an diesem Punkt, so verstehe ich Friedrich, wird das Buch wichtig: Es ruft uns auf, sich nicht auf die vernünftig geprägten Bahnen zu verlassen, sondern unsere innere Wildnis, das Chaos zuzulassen und kreativ zu nutzen, um völlig neue Netze zu knüpfen. Inwiefern das allerdings heute für "Netzbewohner" wichtiger sein sollte, als für den modernen Menschen seit der Renaissance, erschließt sich mir nicht.

Laut Index kommt das Wort Internet acht mal im Text vor, online drei mal, Facebook ein mal und Google gar nicht. Man kann also vermuten, dass "Philosophie für Netzbewohner" ein Griff in die Marketing-Trickkiste des Verlags war, um dieses Buch an den netzaffinen Heise-Menschen (es ist ein TELEPOLIS-Buch) zu bringen. Ich denke, dass es auf jeden Fall etwas für den Heise-Menschen und jeden anderen ist, der Lust am Philosophieren hat und sehen will, wie sich Metaphysik heute erklären lässt. Denn das kann Jörg Friedrich wirklich gut. Nur sollte man nicht erwarten, dass es speziell für Netzbewohner geschrieben ist.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

Schreiben Sie als erste Person zu dieser Rezension einen Kommentar.

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 


Details

Artikel

3.8 von 5 Sternen (9 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (2)
4 Sterne:
 (5)
3 Sterne:
 (1)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:
 (1)
 
 
 
EUR 16,95
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent