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Kundenrezension

318 von 359 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auf die Interpretation kommt es an..., 5. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Vermessung der Welt (Taschenbuch)
Nachdem ich viele der über 300 Rezensionen zu diesem Buch gelesen habe, muss ich feststellen, dass das Buch von vielen Lesern offensichtlich falsch verstanden wurde. Natürlich ist es kein spannendes Buch mit einem klar definierten Plot, der in einem Höhepunkt kumuliert, denn das ist meines Erachtens nach auch nicht der Anspruch dieses Werkes. Vielmehr ist Kehlmanns Roman in erster Linie eine satirische, bisweilen karikierende Darstellung des "Deutschseins", und zwar in zeitlich ungebundenen Kategorien eingebettet. Auch wenn die Handlung bereits vor 200 Jahren stattfand, so sind die meisten Stereotypen doch bis heute erhalten. In zweiter Linie ist es wohl eine philosophische Abhandlung über das Altern, das Kehlmann wie kein Zweiter auf sehr subtile, würdevolle, aber auch lustige Art und Weise betrachtet.

Hervorzuheben ist meiner Meinung nach besonders sein Schreibstil. Als Vielleser von Gegenwartslitaratur (nicht nur deutschsprachiger zwar) war Kehlmanns Roman stilistisch gesehen für mich ein besonderer Genuss. Die oftmals kritisierte, immer anwesende indirekte Rede schafft eine ganz besondere und auch nötige Distanz zu der lange zurückliegenden Handlung, was ich (als Geschichtsstudent) ausschließlich positiv bewerten kann. Historische Romane, in denen die direkte Rede überwiegt, können per se nicht authentisch sein, denn wer will genau wissen können, was wirklich gesagt wurde?!

Über kleinere Ungenauigkeiten bei der biographischen Recherche zu Gauß und Humboldt kann man durchaus hinwegsehen, sie tun der Handlung bzw. vielmehr der Aussage des Buches keinen Abbruch. Auch den Titel des Buches empfinde ich im Gegensatz zu vielen anderen Lesern nicht als störend, da es eben genau die Vermessung der Welt ist, die die Leben der beiden Charaktere miteinander verbindet und im Übrigen auch eine sehr "deutsche" Wesensart darstellt. Auch die Doppeldeutigkeit des Wortes "vermessen" ist hier nicht zu vernachlässigen.

Insgesamt gelingt es Kehlmann also sehr gut, ein leicht zu lesendes, zumeist lustiges, inhaltlich interessantes, wenn auch nicht spannendes, Buch zu verfassen, das durch die Einbettung in die Biographien zweier großer deutscher Wissenschaftler einen hervorragenden Rahmen besitzt.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-10 von 16 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.03.2009 13:20:09 GMT+01:00
Paul Grass meint:
Eine sehr schöne Rezension!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.03.2009 23:58:03 GMT+01:00
Vielen Dank!

Veröffentlicht am 15.05.2009 08:02:45 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 15.05.2009 08:08:01 GMT+02:00
Rene Clauss meint:
Hallo Alexander Schmidt, Ihre Rezension beweist mir wie unterschiedlich wir Menschen Dinge wahrnehmen. Auch ich habe das Buch so interpretiert wie Sie. So habe ich aus Ihrer Rezension gelernt achte auf das Urteil von anderen. Daraus kann ich durch den direkten Vergleich aus den Meinungen der anderen partizipieren! http://de.wikipedia.org/wiki/Partizipation

Meine Weiterführende Literatur, Hubert Mania- Gauß

Mit Gruß Rene Clauss

Veröffentlicht am 11.02.2010 18:22:33 GMT+01:00
Birkholz meint:
Für meine Begriffe sind Gauß und Humboldt nicht tauglich für eine "karikierende Darstellung des Deutschseins". Ich sehe eher eine satirische Darstellung bestimmter Typen von Intellektuellen, von Elfenbeintürmern, von wissenschaftlichen Eigenbrötlern, die meinetwegen mit dem Altern wunderlich werden. Sicher eine Stereotyp, aber ich glaube nicht, dass das typisch deutsch war oder ist. Ansonsten finde ich den Titel etwas reißerisch, wenn auch Ihre Anmerkung zu einleuchtet. Einen deutlichen Einwand habe ich, was Kehlmanns Stil betrifft: Sicher leicht zu lesen und schnell, aber dabei dermaßen "abgrundet", dass man durch den Text nur so durchrutscht, ohne irgendeinen Widerstand, einen Moment des Innehaltens. Ich persönlich halte das für unterhaltungsliterarisch akzeptabel oder selbst gut, aber große Literatur ist es nicht.

Veröffentlicht am 11.02.2010 18:24:58 GMT+01:00
Birkholz meint:
Für meine Begriffe sind Gauß und Humboldt nicht tauglich für eine "karikierende Darstellung des Deutschseins". Ich sehe eher eine satirische Darstellung bestimmter Typen von Intellektuellen, von Elfenbeintürmern, von wissenschaftlichen Eigenbrötlern, die meinetwegen mit dem Altern wunderlich werden. Sicher eine Stereotyp, aber ich glaube nicht, dass das typisch deutsch war oder ist. Ansonsten finde ich den Titel etwas reißerisch, wenn auch Ihre Anmerkung zu einleuchtet. Einen deutlichen Einwand habe ich, was Kehlmanns Stil betrifft: Sicher leicht zu lesen und schnell, aber dabei dermaßen "abgrundet", dass man durch den Text nur so durchrutscht, ohne irgendeinen Widerstand, einen Moment des Innehaltens. Ich persönlich halte das für unterhaltungsliterarisch akzeptabel oder selbst gut, aber große Literatur ist es nicht.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.03.2010 15:29:53 GMT+01:00
Rohirrim meint:
Natürlich kann man sich das Buch auch »schön interpretieren« (Möglicherweise ist das auch so eine typische deutsche Eigenschaft ;). Ich finde es nur etwas gewagt, zu behaupten, dass alle denen das Buch nicht gefallen hat, es wohl nicht verstanden haben. Ich finde in diesem Buch leider keine Ihrer erwähnten Interpretationen wieder.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.06.2010 13:32:21 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 10.06.2010 13:33:54 GMT+02:00
Zu Rohirrim: Ich sehe ein, dass es gewagt ist zu behaupten, das Buch sei von vielen Lesern falsch verstanden worden. Es war auch nicht meine Absicht, hier jemandem zu nahe zu treten; womöglich habe ich mich einfach falsch ausgedrückt und es wäre besser gewesen zu schreiben, dass das Buch von vielen Lesern mit den falschen Erwartungen angegangen worden sei. Dennoch habe ich nicht gesagt, dass ich mich auf Leser beziehe, die das Buch nicht mochten; das Recht auf das Urteil über Gefallen und Nicht-Gefallen möchte ich niemandem nehmen. Und auch Interpretationen sind immer eine Sache für sich. Ich habe lediglich meine Sicht der Dinge (wohlgemerkt, nachdem ich mich über die Hintergründe des Buches informiert hatte) darstellen wollen.

Zu Birkholz: Möglicherweise wirkt das Buch deshalb wie eine Karikatur des Deutschseins auf mich, weil ich mich durch mein Studium zwingend im Umfeld von Wissenschaftlern aufhalte und ich bei diesen Personen einiges davon wiederfinde, was auch Kehlmann beschreibt. Ich kann Ihrer Anmerkung also vor dem Hintergrund meiner Perspektive durchaus einiges abgewinnen. Und noch einmal zum Stil: eben genau diese Rundheit, von der Sie sprechen, machte das Buch für mich so wertvoll, da es endlich mal eine Geschichte war, bei der man nicht bei jedem zweiten Absatz pausieren und den Kopf über das nächste unpassende Wort oder die nächste grammatische Schieflage schütteln musste. Dennoch: mit dem Stil ist es wie mit dem Gefallen. Das Urteil hierüber sei jedem selbst überlassen.

Veröffentlicht am 31.10.2010 11:37:36 GMT+01:00
Travis Bickle meint:
Vielen Dank für die wunderbare Rezension!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.01.2011 21:04:50 GMT+01:00
...finde ich auch.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.01.2011 21:04:52 GMT+01:00
...finde ich auch.
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