Kundenrezension

32 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hinter der Currywurst geht's weiter..., 12. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Anständig essen: Ein Selbstversuch (Gebundene Ausgabe)
Stellen wir uns mal vor, vier verschiedene Leute würden mich fragen, um was es bei diesem Buch geht. Dem Ersten würde ich vielleicht antworten: Es ist ein Erfahrungsbericht, die Beschreibung eines Jahres, in dem jemand seine Essgewohnheiten ändert und hinterfragt. Dem Zweiten jedoch würde ich sagen: es ist ein Sachbuch, in dem viele Tatsachen zu Tierhaltung und Lebensmittelindustrie zusammengetragen werden. Der Dritte würde zu hören bekommen, es ist ein humorvolles Buch, ein Schwank voller witziger Anekdoten, bissiger Kommentare und haarsträubender Einsichten. Und der Vierte würde mit dem Kommentar von mir nach Hause gehen, dieses Buch biete einen packenden und oft unerwarteten Einblick in das Privatleben einer Schriftstellerin. Wenn diese vier Personen nun zusammenträfen, würden sie sich wohl erstmal streiten - doch jeder hätte Recht!

Natürlich konnte Karen Duve zu dem Zeitpunkt, als sie sich zu diesem Experiment entschloss, nicht wissen, dass ausgerechnet im selben Jahr ein sehr ähnlich gelagertes Sachbuch eines noch viel berühmteren Kollegen erscheinen würde - "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer. Und ich finde es auch verfehlt, Karen Duve an diesem Buch zu messen - was ich aber leider aus vielen Kommentaren und Besprechungen herauslese. Sie ist keine kühle Analytikerin, und sie stand auch vor keiner Lebensentscheidung wie Foer, bevor sie das Buch schrieb. Der wurde nämlich Vater, und musste sich grundsätzliche Fragen über sein weiteres Leben stellen. Nein, bei ihr war es - geradezu grotesk banal - die "Grillhähnchenpfanne für 2,99 Euro", die ihr mit einem Kreischen von der gesundheitsbewussten Freundin aus der Hand gerissen wurde. Überhaupt fungiert diese Freundin, von ihr "Jiminy Grille" genannt (nach einer Figur aus "Pinocchio"), das ganze Buch hindurch wie ein Gegengewicht, ein Spiegel, ein Pendant, das Anlass ist für so manche witzige Anekdote. Wie ein Pat zum Patachon. Oder ein Watson zum Holmes.

Es fängt schon damit an, dass das Buch so nicht geplant war. Eigentlich wartete der zuständige Lektor schon seit über einem Jahr auf einen neuen Roman von Karen Duve, und es kostete sie (und vermutlich ihn!) viele Nerven, ihn von der absoluten Wichtigkeit dieser absolut neuen Idee zu überzeugen. Sich selbst überzeugen musste Karen Duve allerdings nicht: nach der Episode mit der Grillhähnchenpfanne scheint sich die Idee mit einer Plötzlichkeit völlig unhinterfragt ihn ihren Schädel gesetzt zu haben, die ihresgleichen sucht. Zumindest wird dem Leser dieser Eindruck vermittelt.

Mit der ihr eigenen lakonischen Entschlusskraft, und einer guten Portion trockenen Humor, startet Karen Duve in dieses Jahr. Es stimmt übrigens nicht ganz, was der Klappentext sagt: immer zwei Monate der Beschreibung einer neuen Ess-Strategie. Die ersten zwei Monate, Januar und Februar, sind in der Tat der Bio-Ernährung gewidmet. Doch werden die beiden Kapitel durch ein eher nachdenkliches unterbrochen: "Familienbande". Hier reflektiert die Autorin - überraschend tiefsinnig - darüber, was den Menschen eigentlich vom Tier unterscheidet. Oder ob überhaupt. Dieses Rezept wird im Buch wiederholt - immer wieder werden die "Ess-Kapitel" aus ihrem Alltag unterbrochen durch nachdenkliche, eher referierende Kapitel, in denen sie ihre Gedanken oder auch Ergebnisse ihrer Nachforschungen zusammenträgt. Da geht es z. B. um Mitgefühl, menschlichen Egoismus, wann ändert man sein Verhalten und warum - und wann eben nicht, die Milch und ihre Produktionsbedingungen, moralische Überlegenheitsgefühle, die Lebensrechte von Insekten, und und und. Und immer wieder schreiend komische Passagen, die mich wirklich oft laut haben auflachen lassen! Die Lese-Kompatibilität dieses Buches in der Öffentlichkeit sollte also genauestens überdacht werden...

März und April sind vegetarisch, und danach folgen vier, nicht zwei, Monate des Herantastens an die vegane Lebensweise. Ich sage bewusst "Lebensweise", denn genau aus diesem Grund dauert es für Karen Duve so lange, es umzusetzen. Schritt für Schritt trennt sie sich sogar von Gegenständen und Gewohnheiten, die auch nur in irgendeiner Weise der Ausbeutung von Tieren dienen. Das verdient meinen Respekt als Leser - auch und gerade weil sie immer wieder ehrlich zugibt, dass es doch oft eben "Verzicht" bedeutet. Sie wendet sich in einer geradezu radikal ehrlichen Weise an alle Moral-Apostel, und bestreitet deren Postulate, es sei alles ganz einfach, sobald man nur einmal "die richtige" Einstellung gewonnen habe.

September und Oktober - frutarisch. Hier habe ich wohl am meisten mit der Autorin sympathisiert, weil sie sich doch arg quält, mit der Richtigkeit der Entscheidung hadert, und sich u. a. auch fragt, ob das Leben, und somit das Essen, nicht eben auch Genuss bedeuten sollte. Zum Schluss ist es fast Trotz, mit dem sie ihren Obstsalat und ihre Erbsen mit Kokosmilch verputzt. Man kann förmlich ihre Erleichterung spüren, mit der sie in den November startet - der Monat, in dem sie zu einer Entscheidung kommen will.

Und in der Tat formuliert sie 5 Grundsätze, nach denen sie in Zukunft zu leben gedenkt. Manche Leser waren hier ob ihrer scheinbaren Inkonsequenz erstaunt. Doch ich finde, das mag daran liegen, dass man schon während des ganzen Buches die Zweifel, Kämpfe und Unsicherheiten evtl. überlesen hat. Schließlich muss man sich klar machen, dass es an sich schon eine große Leistung ist, innerhalb eines Jahres ohne äußere Not sich zu dieser Entscheidung zu zwingen! Ich finde die Grundsätze, die ich hier im Einzelnen nicht aufzählen werde, aus der Sicht der Autorin durchaus konsequent, und vor allem - machbar. Man muss bedenken, dass es immer ein konkreter Mensch ist, der da sein Leben ändern will oder soll. Und dies geht sie mit großer Furchtlosigkeit an. Das, was sie ändert, ist schon viel mehr, als es die "Grillhähnchenpfanne" hätte vermuten lassen.

Und genau aus diesen Gründen verleihe ich dem Buch auch 5 Sterne. Es mag kein zu 100 % fundiertes Sachbuch sein, es mag subjektiv sein, und es mag gelegentlich die Pointe der Wissenschaftlichkeit vorziehen. Dennoch - wer schafft das schon, Information mit Privatem und Humor zu einer solch gekonnten Einheit zu verbinden? Und sich selbst vor dem Leser dermaßen "auszuziehen"? Mein Fazit jedenfalls lautet, Hut ab vor Karen Duve!
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