Kundenrezension

60 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schätze aus dem CAN-Archiv, 14. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Lost Tapes (Audio CD)
Für "The Lost Tapes" haben die legendären Kölner Experimentalrocker CAN ihr Studio-Archiv geöffnet und 50 Stunden unveröffentlichtes Material durchgehört. Herauskam diese stattliche 3er-CD-Box, die 30 Tracks aus den Jahren 1968 bis 1977 vereint. Etliche Perlen sind dabei. Die Initiative ging von CAN-Magagerin Hildegard Schmidt aus, deren Mann und CAN-Keyboarder Irmin Schmidt den umfangreichen Bandnachlass aufbereitete und editierte. Ihm stand bei der Arbeit vor allem sein heutiger musikalischer Partner Jono Podmore (alias Kumo) zur Seite, der nebenbei sein Schwiegersohn ist. Über eine unmittelbare Beteiligung der anderen noch lebenden CAN-Musiker Holger Czukay und Jaki Liebezeit ist nichts bekannt.

Bei den 30 Stücken handelt es sich keineswegs um musikalische Abfallprodukte, Demos oder B-Seiten, wie sie heutzutage bei Wiederveröffentlichungen als Bonustracks nachgereicht werden. Es sind vielmehr Soundtracks, Live- und Studioaufnahmen, die nicht mehr auf die offiziellen Platten passten. Die Arbeitsweise von CAN war live und im Studo - zunächst auf Schloss Nörvenich, ab 1971 im eigenen Inner Space Studio in Weilerswist bei Köln - sehr ähnlich: Die Musiker improvisierten und komponierten spontan als Kollektiv. So entwickelten sich oft ausgedehnte, wahnwitzige Stücke mit Stil-Mixen von Rock und Jazz bis zu ethnischer Musik, versetzt mit elektronischen Experimenten und treibenden Rhythmen. Durch Montage der Aufnahmen entstanden am Ende meist sehr homogene Stücke. Insofern ist es nur logisch, dass im Laufe der Jahre viel Material liegen blieb und (beinahe) in Vergessenheit geriet.

Die jetzt veröffentlichten Stücke lassen sich so einteilen:

1. Studioaufnahmen
Hier sind vor allem die Anfangsjahre mit dem ersten Sänger Malcolm Mooney stark vertreten (1968/69). Wer "Monster Movie" oder "Delay 1968" mag, der wird auch die hier versammelten Stücke mit Mooney lieben, dessen spontaner, geradezu eruptiver Gesang ein Markenzeichen der frühen CAN war. "Midnight Sky" und "Deadly Doris" sind kantige Rocksongs, das zehnminütige monoton dahinstampfende "Waiting for the Street Car" erinnert ein wenig an "You Doo Right".
In dieser frühen Bandphase wird aber auch schon die Experimentierlust der Musiker deutlich: Das fast 17-minütige "Graublau" verbindet schnörkellosen Rock mit Kurzwellenklängen, ein Stilmittel, auf das die Band in späteren Jahren zurückgriff (z.B. auf "Saw Delight", Holger Czukay baute es danach auf seinen Soloalben aus). "Blind Morror Surf" hingegen ist eine schräge Klangcollage, die mit den experimentelleren Sachen von "Tago Mago" oder auch den ersten Kraftwerk-Alben vergleichbar ist. Da mutet es beinahe überraschend an, dass mit "Obscura Primavera" zwischendurch noch ein warmes Wohlklangstück auftaucht, das sogar ein wenig an Pink Floyd erinnert, vor allem wegen der gilmouresken Gitarre von Michael Karoli.
Die späten CAN-Jahre sind hingegen kaum repräsentiert: Mit "Barnacles" (1977) mit Rosko Gee am Bass ist lediglich ein Stück dabei. Im beiliegenden Booklet wird das damit begründet, dass die in späteren Jahren eingesetzten Bänder nicht mehr so haltbar waren; die Ergebnisse waren laut Schmidt aber ohnehin nicht mehr so lohnenswert, weil die Band Auflösungserscheinungen zeigte und schließlich 1979 auseinanderging.

2. Soundtracks
Aus meiner Sicht die Highlights der 3er Box. CAN haben zwar schon eine Reihe von Filmusiken auf regulären Platten veröffentlicht, doch blieben z.B. Szenenmusiken außen vor. Die haben Schmidt und Podmore nun zu Einzeltracks zusammengeführt und jeweils einen schönen Spannungsbogen hineingebracht. So ist zum Beispiel "Millionenspiel" zu hören, 1969 aufgenommen für den gleichnamigen TV-Klassiker von Wolfgang Menge über eine futuristische Tötungs-Spielshow. Von dieser Filmmusik war bislang noch gar nichts offiziell veröffentlicht.
Vertreten sind auch die Musik aus dem Fernseh-Straßenfeger "Das Messer" (1971), die an den Charthit "Spoon" angelehnt ist, sowie aus der Serie "Eurogang" (1975): Bei "Midnight Man" hört man die Verwandtschaft zum Titelsong "Hunters and Collectors" und auch "Vernal Equinox" heraus, die jeweils auf der 75er LP "Landed" erschienen sind.
Die "Dead Peagon Suite" (1972) ist die Musik aus dem WDR-Tatort "Tote Taube in der Beethovenstraße", der vom US-Regisseur Samuel Fuller gedreht worden ist. Der jetzt veröffentlichte Track verbindet Szenenmusiken mit Elementen des Titelsongs "Vitamin C". In diesem Falle ist mir die Bearbeitung von Schmidt/Podmore aber einen Tick zu modern geraten, genauer gesagt der stakkatoartige Mittelteil mit dem Michael-Jackson-mäßigen Gesang von Damo Suzuki. Haben die Originalaufnahmen 1972 wirklich schon so geklungen? Wenn ja, wäre es eine Sensation.

3. Live
CAN spielten auf der Bühne nicht einfach ihre Platten eins zu eins nach. Sie bauten ihre Songs zu Endlos-Improvisationen aus, wie man hier sehr schön z.B. anhand von "Spoon" oder "One More Saturyday Night" erkennen kann. Teilweise entstanden auf der Bühne auch neue Stücke: "Abra Cada Braxas" mit Gesang von Damo Suzuki (1973) klingt völlig eigenständig - ein weiteres Highlight der Sammlung.

Zu erwähnen ist noch die liebevolle Gestaltung der Box: Sie ist einer Tonband-Schachtel nachempfunden (etwa 20 mal 20 Zentimeter groß, 2 Zentimeter dick). Im Retrodesign ist auch das Booklet gestaltet, in dem in antiquierter Schreibmaschinenschrift ausführlich der Entstehungsprozess von "The Lost Tapes" wiedergegeben ist. Zudem gibt es Liner Notes, Irmin Schmidt geht auf jedes der 30 Stücke ein.

Etwas verwirrend ist nur die Veröffentlichungspolitik: Die Box war für Mitte Juni 2012 in "UK und Europe"
angekündigt, in Deutschland aber erst für den 27. Juli 2012 (war dann aber teilweise doch schon ab 13. Juli erhältlich und davor bereits als Import).

Wann sie auch immer wo erscheint: Klare Kaufempfehlung. Ein Fest für CAN-Freunde, aber auch Liebhaber experimenteller Rockmusik. Von Vorteil ist es, wenn man andere CAN-Alben schon kennt (da bieten sich "Ege Bamyasi" oder "Future Days" am besten für den Einstieg an).
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Kommentare


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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.07.2012 19:20:16 GMT+02:00
Mr. Blues meint:
Hallo,
tolle und begeisternde Rezension. Hatte mir vor einigen Jahren die super klingenden SACDs von CAN zugelegt
und überlege mir die Wertigkeit dieser zusätzlichen drei CD Box.
CAN sind auf alle Fälle mit Kraftwerk der deutsche Musikexport.

Danke für die großartige Rezension.
Christoph

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.07.2012 12:54:02 GMT+02:00
dr. schlieper meint:
Danke, freut mich. CAN und Kraftwerk sind unbestritten die einflussreichsten deutschen Gruppen. Auch Tangerine Dream hat wegweisende Alben gemacht, aber nur in den Anfangsjahren (z.B. Phaedra). Das wird angesichts der unüberschaubaren Flut von TD-Veröffentlichungen, die es bis heute gibt, oft vergessen.

Viele Grüße!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.11.2012 18:20:33 GMT+01:00
Max Headroom meint:
Auch ich bedanke mich für diese lesenswerte Rezension, die mich bei der Kaufentscheidung unterstützt hat!!

Veröffentlicht am 07.04.2015 02:01:01 GMT+02:00
Das ist schon beispielhaft,kenntnisreich und gut geschrieben,Danke!War hier ein Profi am Werk?
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