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4.0 von 5 Sternen The Sister of Mercy - Rimbauds Leben aus Familensicht, 5. Januar 2007
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Rezension bezieht sich auf: Brüchige Tage (Taschenbuch)
Arthur Rimbaud ist einer der großen französischen Dichter. Dass er in der Folge seines exzessiven Lebens nach Paris geschlagen wurde, dass er mit Paul Verlaine zusammenlebte und dieser betrunken wie er war ihn in die Hand Schoss und dafür ins Gefängnis wanderte, erfährt man in Andeutungen. Nichts über Baudelaire, der sein Vorbild war für eine neue offene, sich niemals unterordnende Poesie. Nichts über Oscar Wilde, der ebenso Baudelaire verehrte und im gleichen Jahr geboren wurde. Nichts über Stephane Mallarmé, der den Symbolismus in die Dichterwelt brachte und zum erlauchten Kreise gehörte wie dann später auch Paul Valery.

Dafür aber etwas entscheidend anderes. Die Herkunft eines Lebens, die Familie, das Umfeld in den Ardennen, einem kleinen Ort, die Ideen, die Gedanken und Gefühle werden über das fiktive Tagebuch seiner Schwester bekannt und transparent. Das kühle, schweigende und sicher auch geordnete Leben der Mutter verlangte Rebellion eines jungen Mannes und gegen Ende des 19. Jahrhunderts (ca. 1872) zog es den jungen Rebellen in die Großstadt, weg vom Mief des kleinen Bürgertums, weg von der Landwirtschaft hin in die stinkenden Gefilde nahe der Themse. Und er begann seine unbändige Leidenschaft in Gedichte zu pressen, die eine gesamte Kultur des bisherigen Frankreichs ins Wanken brachte und erst posthum die Anerkennung fand, die er verdiente. "Unendliche Liebe ", so in einem Gedicht, "gab ihm das Geleit" und vielleicht nur als Fiktion, aus der Erkenntnis, diese niemals bekommen zu haben. Seine Mutter sah in ihm das Skandalon, sein Vater suchte früh das Weite, doch seine Schwester Isabelle spürte ihn vom gleichen Blute und legte schützend ihre Hand über ihn, weil sie ihn liebte. Sie begleitete ihn in den letzten Stunden im Marseiller Krankenhaus, wo er 37 jährig seinem Leiden erlag. Und so wie sie ihren Bruder in den Tod begleitete, wird am Ende der Tode sie auf den letzen Wegen des Lebens begleiten. Die Beerdigung ist eine einsame, da die Mutter ihre eigentümliche und schweigsame Einsamkeit um den Sohn ebenso das letzte Geleit gab.

Vier Jahre widmete er sich der Poesie, 15 Jahre entfloh er seinem Frankreich in die Hitze Afrikas, wo er u. a. als Waffenhändler sein Geld verdiente. Broterwerb in einer schwierigen Zeit wurde notwendig, wo doch das Schreiben nichts abwarf. Zurück kam er unfreiwillig, da krank, geschunden und vom Leben gezeichnet. Immer in der Sonne, Sehnsucht zum Süden, ein letzter kurzer Aufenthalt in den Ardennen konnte daher nicht bis zum Tode reichen, dieser konnte und durfte Rimbauds Leben erst im Süden beenden.

Arthurs und Isabelles Leben, aus dem gleichen Ort, der gleichen Erziehung und doch unterschiedlicher wie es nie sein durfte. Sie hat die Ardennen, den ländlich beschützenden Raum nie verlassen, war eine treue Seele ihrer Mutter gegenüber und schämte sich schon, bei Krankheit nicht helfen zu können. Ihr Lebensinhalt war Geben ohne Verlangen in permanenter Zurückhaltung. Sie hatte keinen Mann, manchmal wünschte sie sich einen in den heimlichen einsamen Stunden, aber den Mut, jemanden die Erlaubnis zu geben, fehlte. Sie fühlte sich dem Bruder bis zu letzt verantwortlich und freute sich auf ein Wiedersehen, doch voll Angst, er möge sie nicht mehr erkennen. Ihre Mutter beobachtete skeptisch die peniblen Vorbereitungen zur Rückkehr, doch griff sie nicht ein. Besson schreibt so wissend distanziert von dieser Szene, dass man förmliche die innere Freude der Mutter hört und sieht, ohne dass eine Reaktion notwendig wäre. Das Schweigen ist beredt.

Rimbauds Genie zur Poesie war nur möglich, wo die Rebellion am größten war. Ein in den Tiefen nivellierter Mensch ist angepasst, Rimbaud war es niemals. Er kämpfte um und für das Leben, er zeigte sein Profil und es musste raus aus ihm und die weißen Seiten forderten ihn, mit seinem brodelnden Blut zu schreiben. "Aus der Hölle" kamen die Zeilen, wie "ein trunkenes Schiff" zog er über die Lebenssee nach Paris, London oder Italien und nur wie "der Schläfer im Tal" konnte er sich der Welt entziehen, unfreiwillig aber tot. "Ich werde gerettet sein", so schreibt er in "Eine Zeit in der Hölle" und seine Bekehrung zum Glauben auf dem Totenbett mag für Isabella der glücklichste Moment gewesen sein. Für den jungen Arthur war es eine seherische Fähigkeit aus der Hölle in die vorgestellte vergangene Zukunft oder zukünftige Vergangenheit.

Besson lässt in dem Roman die Betroffenheit durch ein intimes Tagebuch am größten werden. Er kann so die intensiven Gefühle Rimbauds Schwester am deutlichsten und prägnantesten aufzeigen. Gleichzeitig schafft er es, dichterische Freiheit der Imagination mit dem Formen der Realität zu verbinden. Kurze Sätze, leichtes Verständnis bringen den Leser tief, rational und emotional in das Geschehen.

Wer mehr über Rimbaud wissen möchte, muss weitere Monographien dazunehmen, von ihm erfährt man aus "Sämtliche Dichtungen". Wer Rimbaud mag, kommt auch um Bessons Blickwinkel aus der Sicht seiner Schwester nicht herum. Ein gelungenes Werk.
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