Kundenrezension

130 von 168 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sherlock Holmes: Gegen Ehe und Mystizismus, 1. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: Sherlock Holmes (DVD)
Sehr viktorianisch ist es, sich zwar zu prügeln, aber dann doch während jeder Sekunde der Prügelei zu versuchen, seine Würde als Gentleman zu bewahren. Und deshalb ist es immer eine der schönsten Szenen in Filmen über das ausgehende 19. Jahrhundert, wenn der Held mal wieder in steifer Haltung mit total durchgestrecktem Rücken nach den Regeln des Marquis von Queensberry harte Schläge austeilt. Der Witz in dieser Neuauflage des Klassikers nach Arthur Conan Doyle ist nun, dass auch Holmes hier in den vielen Faustkämpfen nur dann gewinnen kann, wenn er seine Haltung bewahrt. Aber das schafft er nicht durch viktorianische Genickstarre. Sondern durch detaillierte Planung jeder einzelnen Bewegung, die dann im Film als eine Art von Prognose mit großartiger Choreographie in Szene gesetzt wird. Hier und in anderen Aspekten des Films wird deutlich: Dieser Holmes ist seiner Zeit voraus.

Seiner Zeit voraus ist natürlich auch der Bösewicht dieses Films. Einen schwarzen, langen Ledermantel trägt Lord Blackwood, und man muss angesichts dieser Kleidung und des politischen Programms dieses Verschwörers dann doch an die bösen Nazis aus den Indiana-Jones-Filmen denken. Und auch die Story mit ihren mystischen Elementen, dem ganzen Getue um Freimaurer und Riten schwarzer Messen lässt es lange offen, ob sich die magischen Elemente eines Indiana-Jones-Films auch hier finden. Aber Holmes ist ein Kind der Aufklärung, des Rationalismus. Und so geht es hier auch um die Frage, was schließlich gewinnt: Holmes und die Aufklärung oder die Emotionen, die mit einer Welt der Gothic Novells verbunden sind.

Dass Holmes und sein Gegner etwas aus der Zeit zu fallen scheinen, gibt dem Film auch deshalb seinen Reiz, weil ansonsten die Atmosphäre des britischen Empires auf dem Höhepunkt seiner Macht sehr gut getroffen ist. Und auch die Darstellung des schmutzigen Londons, das für seine Armut, seinen Dreck und seine Umweltverschmutzung fast ebenso berühmt war wie für seine Repräsentationsbauten, ist hier in wunderbaren Grautönen sehr gut geglückt. Nicht nur die Computerfachleute haben hier in den Hintergründen ganze Arbeit geleistet, auch die Details von Einrichtung, Kleidung und Studiobauten sind hier fast perfekt gelungen. Oder anders: Das dürfte alles recht teuer gewesen sein. Aber es wirkt. So ist der Film auch optisch ein Erlebnis.

Vielleicht alleiniger Schwachpunkt des Films scheint mir das Casting einiger Nebenrollen zu sein. So hätte ich die Darsteller des Innenminister (Lord Coward) und des amerikanischen Botschafters glatt ausgetauscht. Denn der eine Darsteller wirkt nicht gerade sehr amerikanisch, was aber auch ein Scheitern der Synchronisation sein kann, der andere wirkt für einen Innenminister des viktorianischen Zeitalters einfach zu jung und wohl auch etwas zu linkisch. Und auch die Besetzung der Irene Adler mit der zwar sehr hübschen, aber irgendwie auch sehr mädchenhaften Rachel McAdams hinterließ bei mir keine Begeisterung. Wirklich gefährliche Frauen sehen anders aus. Dagegen kann ich die Besetzung der Hauptdarsteller Holmes und Watson nur loben, auch weil sie mutig genug war, den größeren Star diesmal nicht zum Holmes zu machen.

Zum Schluss noch ein letztes Wort zum 19. Jahrhundert: In dieses passt natürlich keinesfalls das in vielen Rezensionen der professionellen Kollegen angesprochene homosexuelle Zusammenleben von Watson und Holmes. An mir persönlich ging der schwule Subtext dieses Films offenbar völlig vorbei. Mein Eindruck vom Kampf dieses Holmes um seinen Freund Watson ist eher ein anderer. Um ein freies Leben kämpft dieser Holmes, ein Leben unabhängig von sozialen Verpflichtungen, die eine Ehe oder auch nur die Beziehung zu einer Frau mit sich bringt. Denn welche Frau lässt schon ein so wunderbar unaufgeräumtes Spielzimmer zu, wenn sie erst einmal einen Mann den ihren nennt? Welcher Mann darf dann noch uneingeschränkt trinken, sich schlagen, seinen Hobbys und seinem Spieltrieb nachgehen?

Aber selbst Sherlock Holmes kann ja nicht immer gewinnen.
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Kommentare


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1-10 von 13 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.03.2010 18:38:45 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.03.2010 20:04:17 GMT+01:00
Seraphina meint:
Eine schöne Rezension! Trifft ziemlich genau meine Meinung wieder ( daher spare ich mir eine eigene Rezi ^^ ).

Noch ein paar kleine Anmerkungen:

"Wirklich gefährliche Frauen sehen anders aus."

Hm. Eigentlich misst sich Gefährlichkeit nicht am Aussehen einer Person. Auch zarte Rosen haben Dornen.

"In dieses passt natürlich keinesfalls das in vielen Rezensionen der professionellen Kollegen angesprochene homosexuelle Zusammenleben von Watson und Holmes. An mir persönlich ging der schwule Subtext dieses Films offenbar völlig vorbei."

Ditto. In meinen Augen pflegen die beiden eine intensive "Buddy"-Beziehung miteinander ( wenn auch mit der typischen victorianischen Distanziertheit, z.B. dem Siezen ).
Ich erkenne zwar Zuneigung, doch diese weist keinerlei Spuren von - wie auch immer geartetem - homoerotischen Interesse auf. Hat mehr was von kindlichem Trotz ( wie z.B. wenn die Mama einen neuen Ehemann ins Haus bringen will ).
Aber offenbar sind Männer, die intensive Freundschaften pflegen in den Augen anderer Männer ( und leider auch manchen Frauen ... wobei es bei anderen wiederrum mehr ein Wunschdenken zu sein scheint ^_~ ) gleich verdächtig. So von wegen "richtige Männer zeigen keine Gefühle". Was ich für ein machohaftes Rollen-Klischee halte. Doch dieses Bild hält sich immer noch viel zu hartnäckig in den Köpfen der Jungs ( habe viele Cousins, kann davon also ein Lied singen ).

PS:
Ein auffallendes ( z.T. auch ärgerliches ) Klischee gibt es im Film allerdings: den streitlustigen Schläger-Iren.
So kämpft Holmes z.B. zu den Klängen von "Rocky Road to Dublin" ( The Dubliners ), was ich als illegalen Wettkampf deute ... in erster Linie gesponsort und getätigt durch irische Einwanderer bzw. Gastarbeiter.
Ausserdem fragt Holmes Watson in einer Szene ob dieser lieber Fleisch ( den riesigen Franzosen ) oder Kartoffeln ( die zwei abgerissenen Brandstifter ) mag. Watson prügelt sich daraufhin mit den zwei "Kartoffeln", wobei ich diese Bezeichnung als Slang-Ausdruck für Iren halte ( Kartoffeln spielten in der Geschichte Irlands eine enorm grosse Rolle im 19.Jahrhundert, da diese Pflanze fast das einzige Anbauprodukt war und es daher aufgrund von Kraut-und Knollenfäule im Jahr 1845 zu einer grossen Hungersnot kam ).
In vielen Kostümfilmen ( aber auch z.T. in modernen Zeiten spielend ) finden sich immer wieder solche irische Schlägertypen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.03.2010 09:26:40 GMT+01:00
Ah, jemand der nicht nur Filme aufmerksam sieht, sondern auch noch Männer versteht. Das ist selten, und deshalb vielen Dank für das Feedback.

Ja, das mit den Iren, das stimmt schon. Allerdings kommen die Iren mit den Klischees über sie nach meiner Erfahrung ganz gut klar - im Gegensatz übrigens zu vielen Franzosen.

:)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.03.2010 18:51:43 GMT+01:00
Seraphina meint:
Sicher? ^^

Zitat ( Irisches Sprichwort ):
"Es gibt nur zwei Dinge auf der Welt, die zu ernst sind, um darüber zu scherzen, Kartoffeln und Ehe".

Wieso Ehe? ^^

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.03.2010 10:16:09 GMT+01:00
Was wohl Guy Ritchie dazu sagen würde? Über seine Ehe würde jedenfalls viel gescherzt.

Das gibt der Interpretation des Films jetzt noch einen anderen Anstoß, oder?

Veröffentlicht am 19.04.2010 10:28:53 GMT+02:00
Nordpeter69 meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.06.2010 23:33:52 GMT+02:00
Caroline Pida meint:
Hallohallo,

ein großes Lob an Rezensent und Kommentatorin Seraphina, Sie haben vieles für mich verständlicher gemacht

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.06.2010 23:28:39 GMT+02:00
Ralf Hedtfeld meint:
Zitat: "Ditto. In meinen Augen pflegen die beiden eine intensive "Buddy"-Beziehung miteinander ( wenn auch mit der typischen victorianischen Distanziertheit, z.B. dem Siezen )."

Weder im viktorianischen England noch in diesem Film wurde irgendjemand gesiezt :) Das ist eine der vielen Freiheiten, die sich die deutschen "Übersetzer" herausnehmen. Und auch einer der vielen Gründe, warum man sich Filme grundsätzlich nur im Originalton zu Gemüte führen sollte. Ich habe den Film bisher nur in English gesehen, aber allein in dem kurzen Trailer hier im Amazon-Shop sind mir bereits vier grobe Fehlübersetzungen, zwei haarsträubende grammatikalische Missgriffe und ein völlig sinnfreier Satz aufgefallen, der mit der Originalfassung nicht das geringste zu tun hatte (dafür war er aber lippensynchron, was den Herren "Übersetzern" anscheinend wichtiger ist).

Von den absolut mangelhaften schlechten schauspielerischen Fähigkeiten der ewig gleichen 20-30 Synchronsprechern (entweder grausam überdramatisierend oder zu Tode gelangweilt) will ich gar nicht erst anfangen. Mir ist absolut schleierhaft, wie man einen Film genießen kann, wenn man die Stimmen der Hauptdarsteller zuvor in irgendwelchen Comedy-Fernsehserien gehört hat.

PS: "Kartoffel" respektive "Potato" ist kein Slangausdruck für Irishmen und war auch nie einer. Holmes fragt zwar tatsächlich "Meat or potatoes?" im englischen Originalton, aber auch davon können sie nicht einfach ausgehen, ohne das Original gesehen bzw. gehört zu haben. Es ist schon oft vorgekommen, dass die Herren "Übersetzer" eine solche Phrase für eine Redewendung hielten und nach einer deutschen Entsprechung gesucht haben, um ihre völlige Unwissenheit nicht eingestehen zu müssen. Die Moral von der Geschicht: man bewertet Filme in der Synchronfassung nicht.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.06.2010 20:10:41 GMT+02:00
Seraphina meint:
Och. Ich bin einfach davon ausgeganben, daß eine Art Verbindung besteht, wenn Iren als "Kartoffeln" bezeichnet werden. Es kommt meiner Meinung nach so rüber. Selbst wenn es kein wirklichkeitsgetreuer Slangausdruck sein sollte. Diese Metapher lässt sich nicht völlig von der Hand weisen ( aus schon von mir oben genannten Gründen ).

Und im Englischen wird nicht geduzt. Daß "you" ist vielseitig verwendbar, d.h. in verschiedenen Beziehungen ... sowohl eine freundschaftliche, als auch eine respektvolle Anrede ( je nach Gesprächspartner ) denn man kann es sogar ganz legal als "Ihr" übersetzen ( passiert aber nur in Filmen, die früher als im 19.Jahrhundert spielen ) oder eben "Sie".

( I, you, he/she/it, we, YOU, they )
Man kann "you" nicht eindeutig mit dem deutschen "Du" vergleichen.
So sprach mein Englischlehrer.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.07.2010 12:23:33 GMT+02:00
Also die Entwicklung der Bewertungen für diese Rezension (extrem oft "hilfreich", aber immer wieder gruppenweises Auftreten von "nicht hilfreich") verfolge ich inzwischen nur noch mit Wundern, Staunen und gelegentlichem Amüsement. In dieser Form und Menge habe ich das bisher noch nicht erlebt.

Veröffentlicht am 09.09.2010 13:10:49 GMT+02:00
G. Bogner meint:
Super Rezension, dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.
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