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Kundenrezension

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die bis heute erfolgreichste Scorpions LP, 11. September 2011
Von 
Rezension bezieht sich auf: Crazy World (Audio CD)
Mit ihrem elften Studioalbum "Crazy world" leiten die Scorpions 1990 einige große Veränderungen ein. Zunächst einmal trennt man sich vom langjährigen Erfolgsproduzenten Dieter Dierks, der seit "In Trance" (1975) an den Reglern das Sagen hat und die Band bei ihrem triumphalen Aufstieg zu internationalen Topstars begleitet. Dann heuert man als dessen Nachfolger den Amerikaner Keith Olsen an, der zuvor mit Whitesnake und Foreigner gearbeitet hat und der vermittelt den Hannoveranern den Kontakt zu Bryan Adams' Co-Songwriter Jim Vallance. Der Kanadier hat mit Adams Welthits wie "Summer of 69" und "Heaven" geschrieben und verhilft den bis dahin etwas einfach gestrickten Texten von Sänger Klaus Meine zu internationalem Format und betiligt sich zudem als Mitkomponist an einigen Songs.

Das Konzept geht auf: "Crazy world" ist das weltweit meistverkaufte Album des Jahres 1991 und mit 16 Millionen Exemplaren bis heute das Erfolgreichste der Bandgeschichte. Es hievt die Scorpions endgültig in eine Riege mit den ganz Großen. Zudem ist die LP die Letzte in der klassischen Erfolgsbesetzung der vorherigen elf Jahre - Klaus Meine (Gesang), Rudolf Schenker (Rhythmus Gitarre), Matthias Jabs (Lead Gitarre), Francis Buchholz (Bass) und Herman Rarebell (Schlagzeug).

Nach drei Alben in den Top 10 der US-Charts ist bei den Scorpions mit "Crazy world" zudem ein Soundwechsel verbunden. Die in Los Angeles und Hilversum aufgenommene LP klingt wieder wesentlich rauer und härter als zuletzt. Dieser Umstand wird in der heutigen Bewertung der Platte aber gerne vergessen, denn ein Song daraus mutiert zu DEM Bandhit überhaupt und stellt die anderen Kompositionen in den Schatten: "Wind of Change" - ein Ballade. Doch dazu später mehr.

Zum Auftakt krachen erst einmal die Gitarren. "Tease me, please me" hat ordentlich Dampf und packt im kräftigen Midtempo energiegeladen zu. Der Titel ist heute ein Klassiker und wird als erste Single veröffentlicht. Obwohl er in den Charts herzlich wenig reißen kann, macht er gleich den neuen Weg der Scorpions klar: die Songs bleiben auch weiterhin im Ohr, aber sie treten einem wieder kräftiger in den Allerwertesten. Nachzuhören besonders im einprägsamen Main-Riff des Openers.

Auch "Don't believe her" weicht nicht vom ausgegebenen Motto ab. Obwohl es etwas eingängiger wird, bleibt die knackige Härte nicht auf der Strecke. Daran ändert auch der prägnante Refrain nichts. Die zweite Single lässt sich ebenfalls als satter Rocker verbuchen. Insgesamt fällt bis dahin neben den krachenden Riffs vor allem eines auf: das auf den letzten Alben oftmals dumpf und wenig voluminös klingende Schlagzeug von Herman Rarebell macht diesmal ordentlich Druck.

"To be with you in heaven" nimmt dann etwas das Tempo heraus, ohne zur Ballade zu werden. Das wuchtige Riff von Rudolf Schenker und die hübsche Gesangslinie von Klaus Meine harmonieren perfekt, der Refrain ist unverschämt eingägig. Sehr melodisch und doch kraftvoll. Klingt international und modern.

Und dann, an Position vier, folgt der Song, der den Scorpions bis heute gleichsam Fluch und Segen ist: Die Power-Ballade "Wind of Change". Sänger Klaus Meine schreibt den Titel wenige Wochen vor dem Mauerfall unter dem Eindruck der in der Luft liegenden Veränderungen der politischen Weltordnung. Auf diesen Umstand spielt außerdem auch der Titel des Albums an - verrückt, in welch kurzer Zeit sich die Welt zwischen 1989 und 1990 grundlegend verändert hat.

"Wind of Change" ist trotz der anfänglichen Bedenken von Rudolf Schenker eine überragende Komposition. Das melancholische Pfeifen, die emotionale Tiefe des Gesangs und der brillante Chorus machen den Titel zur weltweit meistverkauften Single des Jahres 1991 und zu einem der größten Rockhits aller Zeiten. Einen solchen Wurf landet man nur einmal in der Karriere. Obwohl die Scorpions zu diesem Zeitpunkt bereits hervorragende Balladen wie "Still loving you" oder "Holiday" veröffentlicht haben - den kommerziellen Erfolg bringt erst "Wind of Change".

Doch wie das mit Klassikern so ist: irgendwann kann man sie nicht mehr hören. Die Nummer mutiert über die Jahre vom mitreißenden Soundtrack zum Mauerfall zu einer totgespielten Dorffest-Granate, die einem zu den Ohren herauskommt. Sie steht in einer Reihe mit Deep Purples "Smoke on the water", Bryan Adams' "Summer of 69" und Status Quo's "Rockin' all over the world" auf Platz 1 der Todesliste der Songs, die für eine Weile aus der Öffentlichkeit in einen versiegelten Giftschrank verbannt werden sollten, da sie inzwischen jede noch so untalentierte Blaskapelle auf volkstümlichen Bierbesäufnissen zum Besten gibt. Sehr traurig, denn dieser Song ist eigentlich ein Meilenstein der Rockgeschichte. Wenn man ihn in zehn oder zwanzig Jahren wieder herausholt, wird er umso heller erblühen. Heute drücken sich die Scorpions meist darum, diesen Titel live zum Besten zu geben. Wie schlimm ein eigentlich hervorragender Song einem doch auf die Nerven gehen kann.

Bevor sich Meine und Co. mal wieder dem gerne vorgebrachten und bis dahin haltlosen Vorwurf der Balladen Überproduktion ausgesetzt sehen, wird mit "Restless Night" wieder gerockt. Zwar nicht ausgeflippt, sondern eher filigran groovend, aber doch mit Schmackes. Das Album ist in der Mitte angelangt und rüstet sich zum erneuten Adrenalin Schub.

Und der folgt mit "Lust or love". Was für ein geiler Song. Energetisch, melodisch, einprägsam - eigentlich eine potenzielle Single, doch als solche ist der Titel nie erschienen. Er vereint die typischen Scorpions Merkmale in Perfektion. Eine Metal Band sind die fünf nie wirklich gewesen, aber den melodischen Power Hard Rock beherrschen sie wie niemand sonst.

Das beweist auch "Kicks after Six". Obwohl die Nummer im Vergleich zu den anderen etwas belangloser klingt, macht sie dennoch Spaß. Kann man sich gut reinziehen.

Richtig dreckig wird es dann mit "Hit between the eyes". Die fünfte Single prescht forsch nach vorne und ist das im Gesamteindruck härteste Lied der Platte. Treibend und wuchtig mit einem Klaus Meine in Hochform, der sich die Seele aus dem Leib brüllt.

Etwas gediegener präsentiert sich das größtenteils von Matthias Jabs geschriebene "Money and fame". Das Riff brät, die beiden Gitarristen lassen ihre Muskeln spielen und auch die bereits bekannte Talkbox kommt wieder mal zum Einsatz.

Der Titelsong "Crazy world" schlägt in eine ähnliche Kerbe, allerdings etwas weniger inspiriert und mit leicht erhöhtem Tempo. Nicht ganz so stark, aber immerhin mit einem netten Refrain versehen. Solider Hard Rock, der die Abschluss-Ballade einläutet.

"Send me an Angel" wird zum zweiten Welthit der LP. Schenker und Meine komponieren den Titel zusammen und zeigen einmal mehr eindrucksvoll, dass sie die Hilfe eines externen Co-Songwriters eigentlich nicht benötigen. Eine fesselnde, bebende Nummer voller Pathos und an der Kitschgrenze kratzendem Arrangement, die sich tief ins Herz bohrt. Bis heute ein Klassiker.

Zwar haben die Scorpions schon beeindruckendere Gesamtwerke als "Crazy world" veröffentlicht. Stimmiger, aufgeräumter und vorzeigbarer haben sie aber nie mehr geklungen.

Was bleibt also abschließend zu sagen zum größten Albumerfolg, den jemals eine deutsche Gruppe gelandet hat? Zum einen etabliert er die Scorpions als eine der erfolgreichsten und meistgeachtetsten Rockbands aller Zeiten.

Zum anderen leitet er eine schleichend beginnende kreative Selbstfindungsphase ein. Nach dem sehr harten Nachfolgealbum "Face the heat" (1993), das deutlich geringere Verkaufszahlen verzeichnen kann, suchen die Scorpions in den 1990ern immer mehr nach ihrer eigenen Identität. In einer vom aufkommenden Grunge veränderten Rockszene fühlen sie sich immer stärker fehl am Platze und so folgen dem balladenlastigen "Pure Instinct" (1996) und dem vielkritisierten, mit Drum Loops und allerlei anderen technischen Spielereien versehenen "Eye II Eye" (1999) gar eine Kooperation mit den Berliner Phillharmonikern zur Expo 2000 mit dem Album "Moment of Glory" und eine Unplugged Platte mit dem Titel "Acoustica" (2001). Erst mit "Unbreakable" kehren die Scorpions 2004 wieder zum klassischen Hard Rock zurück und schaffen es erfolgreich, ihrem Image als abgehalfterte Balladen-Onkel entgegenzuwirken.

2010 erscheint schließlich ihr letztes Album "Sting in the tail". Nach 17 Studioalben ist 2012 tatsächlich Schluss für die Scorpions. Sie verabschieden sich mit über sechzig als Propheten, die nach wie vor im eigenen Lande nichts gelten, obwohl sie bis zum Schluss weltweit sämtliche Stadien mit enthusiastischen Fans füllen. Wer weiß, vielleicht wird es irgendwann einmal so weit sein, dass man ihnen auch hierzulande den Respekt entgegen bringt, der ihnen gebührt. Im Ausland sind sie schon lange Giganten - und das völlig zu Recht. Auch und gerade wegen eines Songs wie "Wind of Change".
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 10.05.2013 01:14:12 GMT+02:00
Rhinoman meint:
Ich möchte Sie gerne loben, dass ich Ihre Rezension richtig toll geschrieben finde - es hat mir richtig Lust auf das Album gemacht, so dass ich es mir hervorgekramt habe und es läuft gerade bei mir nebenbei.

Leider kann ich viele Ihrer Aussagen nicht bestätigen, wobei ich Sie nicht kritisieren möchte - ich sehe manches einfach nur anders!

Ich kann nicht erkennen, wo Crazy World rauer und härter klingen soll als die Alben davor - eher sehe ich eine sehr geschliffene Produktion ohne Ecken und Kanten, ähnlich wie schon auf Savage Amusement, aber eben mit einem noch höheren Balladen-Anteil.

"Tease me please me" hat ordentlich Dampf und packt im kräftigen Midtempo energiegeladen zu ! - Eine schöne Beschreibung eines für mich recht zahnlosen catchy Album-Openers, der viel zu mainstream und amerikanisch daherkommt.

"To be with you in Heaven" - wuchtiges Riff ? - Kraftvoll ? - Ohne zur Ballade zu werden ? - Also ich würde den Song zumindest als relativ brave Halbballade beschreiben, ohne Schwung - etwas hüftsteif.

Also mit "Still loving you" hatte man garantiert auch schon kommerziellen Erfolg weltweit, wenn auch nicht unbedingt in Deutschland. Ansonsten haben Sie natürlich recht, dass "Wind of Change" totgenudelt wurde - der Song ist jetzt aber eher ein schönes Lied mit grandioser Melodie, das für meinen Geschmack mit einer Powerballade oder mit Hardrock überhaupt nicht viel zu tun hat. Ich finde es sehr gut, wenn es die Scorpions auf den Konzerten nicht mehr spielen würden - ich höre es mir je nach Lust und Stimmung gerne noch manchmal zu Hause an - aber eben einfach als tolles Lied, nicht als Hardrock!

Auf "Restless Nights" wird wieder gerockt ? - Aber doch sehr mit angezogener Handbremse, und der Refrain ist auch alles andere als hart!

"Lust or Love" eine potentielle Single ? - Hätte man auskoppeln können, aber doch nicht zwingend - es wäre ein garantierter Flop geworden - wäre aber vielleicht sinnvoller gewesen als "Hit between the Eyes" auszukoppeln!

"Crazy World" - netter Refrain ? - Ich finde gerade den nervenden Refrain an dem Lied völlig misslungen!

"Send me an Angel" - ein Klassiker ? - Da machen Sie mal in Wacken eine repräsentative Umfrage, ob das die Hardrockfans genauso sehen! - Ich finde den Song absolut peinlich und einer Hardrockband unangemessen ! - Wieder so ein wirklich schönes Lied mit toller Melodie, dass mit Hardrock rein gar nichts zu tun hat!

Face the Heat als sehr hartes Album zu bezeichnen ist auch völlig an der Realität vorbei - es mag wieder etwas härter als Crazy World sein - allerdings gehört da auch nicht viel dazu. Mit Alben wie Blackout und Love at first Sting hat auch dieses Album vom Härtegrad nichts zu tun.

Alles Geschmackssache - nichts für ungut - wollte nur mal meine Meinung zu Ihrem tadellos geschriebenen kund tun.

Viele Grüsse
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