Kundenrezension

54 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen nostalgischer Schmöker, 20. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Liebeshandlung (Gebundene Ausgabe)
Die klassische "Liebeshandlung" wie in den von Madeleine so heiß geliebten englischen Romanen des 19. Jahrhunderts, scheint es in der heutigen Literatur, ja im heutigen Leben, nicht mehr zu geben. Was tut Eugenides? Er erzählt genau das, die Geschichte der jungen Literaturstudentin Madeleine, die - ganz verkürzt ausgedrückt- zwischen zwei Verehrern, Mitchell und Leonard, zu wählen hat. Schauplatz ist ein mittelprächtiges amerikanisches College in den 1980er Jahren. Madeleine wirkt zunächst recht oberflächlich, untentschlossen, verwöhnt und naiv, wird aber im Verlauf des Romans unter dem Eindruck ihres Studiums, den Irrläufen der Gefühle, feministischem Zeitgeist und der Lektüre französischer Dekonstruktivisten noch reifen. Mitchell ist ein eher unauffälliger Typ, jedoch offenbar ziemlich begabt, sensibel, und spirituell auf der Suche. Leonard kommt aus einem schwierigen Elternhaus und ist psychisch krank, fasziniert aber als "womanizer" und brillianter Unterhalter, mit klugen, oft auch altklugen Gedanken sein Umfeld. Das ist die gegebene Konstellation. Von hier aus entwickelt Eugenides seine Charaktere, manövriert sie durch wichtige Jahre, in die er sich offenbar besonders gut hineinversetzen kann (wie schon bei "Middlesex"): Jahre, in denen man die Macht und Faszination des Wissens entdeckt, sich aus dem schulischen Wissenskanon emanzipiert und seine eigenen Interessensgebiete erforscht. Jahre der Selbstfindung, der gesunden kritischen Distanzierung vom Elternhaus, der sexuellen Identitätsfindung, der Suche nach dem Lebenssinn usw. Am Ende dieser jugendlichen Selbsterforschung steht Madeleines Entscheidung - welche, wird hier natürlich nicht verraten.

Eugenides outet sich mit der "Liebeshandlung" endgültig als Nostalgiker: Er schwelgt. In den 1980er Jahren, in seiner eigenen Studienzeit, seinen eigenen Jugend- und Reisejahren - in einem Interview hat er "bekannt", sich am stärksten mit Mitchell identifizieren zu können; auch er ist durch Indien gereist, auch er hat im Stift von Mutter Teresa Freiwilligenarbeit geleistet -; und er bemüht sich, ein bedrohtes literarisches Motiv wiederzubeleben. Das ist alles sympathisch, flüssig geschrieben und fesselnd: Auch die Leser werden sich gern durch dieses Milieu jugendlicher Leidenschaft bewegen.

Und trotzdem kam mir beim Lesen immer wieder der Gedanke: Das ist trivial! Nach "Middlesex" hatte ich so viel mehr erwartet. Natürlich hat da schon allein das "exotische" Thema Hermaphroditismus fasziniert, aber es war auch gut unterfüttert, mit der genetischen Geschichte Calliopes, der Vernichtung der Stadt Smyrna, dem griechischen Erbe der Familie, der Geschichte Detroits, und und und.... All diese Handlungsfäden wurden am Ende aufgenommen und hatten Bedeutung für Calliopes Geschichte. Anders in der "Liebeshandlung":

Alles, womit Eugenides hier "Fleisch bei die Fische bekommt", wirkt aufgesetzt. Weder Madeleines Semiotikseminar, noch Mitchells religiöse Studien, Leonards Genexperimente mit Hefe oder aber die Analyse seiner Krankheit werden ausreichend in die Entwicklungsgeschichte der drei Protagonisten eingeflochten. Diese Themen haben zwar eine offensichtliche, oberflächliche Symbolik, aber Eugenides macht sie nicht wirklich zu seinen Themen bzw. zu denen seiner Figuren. Klar, dem Leser soll auch noch Raum zur eigenen Interpretation bleiben, mich hat das aber nicht überzeugt. Auch die nicht-lineare Erzählweise - Eugenides springt in regelmäßigen Abständen ein paar Schritte nach vorn, um dann anschließend die Handlung von hinten aufzurollen - wirkte auf mich sehr mechanisch und diente weder der Handlung noch den Figuren. Und dann der Schluss! Spätestens im letzten Drittel ist Madeleines Entscheidung vorauszusehen. Die Wendung, die Eugenides noch auf den letzten Seiten hineinbringt, ist aus der vorangegangenen Figurenzeichnung heraus überhaupt nicht schlüssig. Das hätte XXX nie getan! Da kommt plötzlich ein Edelmut ins Spiel, den es seit Jane Austen wohl tatsächlich nicht mehr gibt.

Die deutsche Übersetzung scheint mir weniger gelungen als die von Middlesex. Zumindest finde ich ein paar stehende Wendungen wie die Kapitel-Überschriften nicht treffend übersetzt, oder auch Leonards bedrohlicher oder herablassender Unterton in seinen manischen Phasen scheint mir in der deutschen Übersetzung ein wenig "glattgeschrieben". Aber das nur als subjektiver Eindruck einer Laiin.
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