Kundenrezension

18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nostalgie pur: Deluxe-Box lohnt den Preis, 8. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Crises (30th Anniversary Limited Super Deluxe Edition) (Audio CD)
Bereits der kurze, abgedämpft gespielte Gitarrenlauf ist unverkennbar, und wenn dann die sanfte Stimme von Maggie Reilly einsetzt, ist man auch nach 30 Jahren noch gefangen von diesem zeitlosen Popsong. Eine geschlagene Akustische setzt präzise Akzente, und dann folgen zwei hervorragende Soli, eines als Fortsetzung des Eingangslaufes, eines mit verzerrter Gitarre. Moonlight Shadow war einer der großen Hits von 1983, in einer Zeit, als noch Singles und Maxis verkauft wurden. Wann immer Wolfgang Neumann in der Schlagerrallye im WDR (für nicht-NRWler: siehe Wikipedia) die Maxiversion auflegte, müssen Tausende von Cassettenrekordern deutscher Jugendliche geklickt haben wie meiner, denn die Langversion - die heute ein wenig selbstverliebt klingt - stand an der Spitze der Wunschlisten vieler. Der Song hielt sich 74 Wochen in der Top 15 der Schlagerrallye und wurde zweimal in Folge Jahressieger. Das bedeutet für einen Teenager eine halbe Ewigkeit. Die Abstimmung erfolgte noch per Postkarte, da ging viel Taschengeld für Porto drauf (ich gewann allerdings auch zweimal per Auslosung eine Vinyl-LP). Persönlich verbinde ich das auch mit dem Ende der Neumann-Ära (der definitive ELO-Fan hatte nebenbei ein hervorragendes Buch über die Beatles geschrieben) und dem Einzug von immer seichteren Pop-Songs, die mit den Rock-Ursprüngen nur noch wenig zu tun hatten. Es folgten Aha, Europe, Pet Shop Boys und (o Graus - definitiv nach meiner Zeit) David Hasselhoff!

Mike Oldfield stand in den 70ern lange unter dem "selbstverschuldeten" Schock, mit 20 Jahren einen Klassiker der Musikgeschichte veröffentlicht zu haben. Sein Debutalbum Tubular Bells von 1973 ist auch heute noch, gerade im hervorragenden neuen Surround-Mix, ein wiederkehrend tolles Erlebnis. Die Folgealben waren zunächst durchwachsen, wobei ich Ommadawn (Deluxe Edition) und Incantations (Deluxe Edition) (zumindest in Teilen in empfehlenswerten neuen 5-Kanal-Mixen erhältlich) durchaus für gelungen halte. Aber erst als er eine etwas rockigere Seite entwickelte und gelegentlich kürzere, hitparadentaugliche Lieder schrieb, konnte er wirklich an den Anfangserfolg anknüpfen. Wie bereits der Vorgänger Five Miles Out (Deluxe Edition) bestand Crises aus einer langen Albumseite und kürzeren Stücken auf der Rückseite, und bereits der Vorgänger enthielt mit dem Titelsong eine prächtige Single-Auskopplung. Welches der beiden Alben man vorzieht, ist wirklich Geschmackssache. "Five Miles Out" hat einen erdigen, rockigeren Charakter, Crises hat vielleicht die eingängigeren Melodien und geht mehr in Richtung Pop (an sich nichts Schlimmes, nur in den Jahren danach wurde es dann leider poppiger und gleichzeitig seichter).

Mike Oldfield hat Stimmen schon immer mehr wie Instrumente eingesetzt, am Anfang gelegentlich seine eigene und die seiner Schwester Sally (und auch mal einen Chor). Nun hatte er mit Maggie Reilly eine Virtuosin gefunden, die zu seinen Liedern einen eigenen Charakter beisteuern konnte (auch wenn es wohl lange Studiostunden gedauert hat, bis er ihr den ihm vorschwebenden Sound für "Moonlight Shadow" entlocken konnte). Trotzdem setzte er auch diverse andere Sänger ein, so etwa Jon Anderson von Yes im ätherischen "In High Places" und die Rockröhre Roger Chapman, im kraftvollen "Shadow on the Wall". Mike Oldfield ist sicher kein großer Gitarrist, aber er hatte immer schon ein Talent für melodische, schnelle Läufe und fand interessante Klangfarben für seine Soli. Manchmal reichen schöne Melodien für einen erfolgreichen Popsong, aber Oldfield schuf durch geschicktes Arrangieren und interessante Soundvarianten einige wirkliche Perlen der Popmusik. Das gilt auch für das 22minütige Herz- und Titelstück, das in ausgefuchstem Ablauf Ideen für bestimmt ein halbes Dutzend Einzelsongs verarbeitet, Und zwischen den Liedern der zweiten Hälfte, fast beiläufig hingeworfen, zaubert er in "Taurus 3" atemberaubende Duelle zwischen spanischen Gitarren und Mandoline.

Die gerade neu erschienene Deluxe-Box etwa im Format einer Doppel-DVD enthält ein Büchlein mit auch für ältere Augen gut lesbaren Detailinformationen zu den Aufnahmen und eine kleine Rekapitulation der entsprechenden Phase von Oldfields Karriere. Dazu kommt eine CD mit einem aktuellen Stereomix und Bonustiteln, u.a. die Singles "Mistake" und "Crime of Passion" sowie die Maxiversion von "Moonlight Shadow". CD 2+3 enthalten Live-Aufnahmen von 1983 (Wembley). Des weiteren gibt es eine DVD mit einem Auszug des gleichen Live-Konzerts (Crises + Tubular Bells Part 1), drei Musikvideos sowie der vergnüglichen Top-of-the-Pops-Aufnahme des Hits (die allerdings die herrlich überzogene Playback-Vorstellung von "Five Miles Out" aus der ebenfalls empfehlenswerten Deluxe-Ausgabe des Vorgängeralbums nicht übertreffen kann). Die Bildqualität der Live-DVD (im TV-Format 4:3) ist nicht überragend, aber gemessen am Ausgangsmaterial wohl in Ordnung. Interessant ist es allemal zu sehen, wie diese komplexen Stücke durch eine achtköpfige Band interpretiert wurden. Am wichtigsten für mich die weitere DVD mit dem Surround-Mix in wahlweise DD5.1 und DTS, der wirklich fast eine Neuentdeckung der Platte ermöglicht. Leider gibt es keinen hochauflösenden Stereomix. Statt der beiden DVDs hätte man ruhig eine Blu-ray beilegen können, die locker alle Inhalte plus einen Stereomix in DTS-Master-Audio fassen könnte. Die Marktdurchdringung der Blu-ray mag in Deutschland erst bei 50 Prozent liegen, aber bei der Zielgruppe für diese etwa 42 Euro teure Box liegt dieser Wert bestimmt deutlich höher...
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Kommentare


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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.09.2013 12:06:22 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.09.2013 11:35:16 GMT+02:00
observer meint:
So muss eine Rezension aussehen - fabelhaft und informativ! Dank!

"Kleiner" Widerspruch vielleicht: Ich halte Oldfield für einen vorzüglichen Gitarristen mit einem ganz eigenen Stil - das Problem sehe ich eher darin, dass er inhaltlich seit mittlerweile 30 Jahren in völliger Bedeutungslosigkeit versunken ist. Etwa ein Dutzend "Aufgüsse" von Tubular Bells, Alben mit billigen Dance-Beats, blutarmes New-Age-Geschwurbel.

Freilich: Die zwei Pop-Alben "Crises" und "Discovery" halte ich nicht nur aus nostalgischen Gründen für unverzichtbar, das Original von "Tubular Bells" sowieso ("Tubular Bells 2003" hat auch seine Berechtigung). Auch die von Ihnen erwähnten Alben Ommadawn und Incantations sind auch sehr sehr gut. Danach verzettelte sich Oldfield allerdings gehörig mit seinem eigenen Mythos, die Musik blieb auf der Strecke...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.09.2013 21:39:46 GMT+02:00
Dr. No meint:
Leider vermisse ich neben der ganzen Schwelgerei in der Historie und dem Fachwissen eine Aussage zur Tonqualität der normalen CD? Am besten im Vergleich zum Original und unter dem Aspekt der Kompression. Können Sie dazu auch etwas sagen? Vielen Dank.

Veröffentlicht am 10.09.2013 12:52:08 GMT+02:00
Gino meint:
"Mike Oldfield ist sicher kein großer Gitarrist" - Uihh... gewagte These!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.09.2013 11:33:41 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.09.2013 11:34:30 GMT+02:00
observer meint:
Die CD wurde hörbar lauter - an die Ohren der gewohnheitstauben MP3-Generation angepasst. Allerdings blieb es noch einigermaßen im Rahmen. Trotzdem: Egal, ob man der Musik nun etwas abgewinnen kann oder nicht (ich liebe die ersten 4-5 Alben) - als Referenz für Remasters von 30 Jahre alten Alben gelten für mich nach wie vor jene vom Alan Parsons Project: Genau SO muss Remastering aussehen, man merkt, dass dort Alan Parsons persönlich Hand anlegte...

Veröffentlicht am 17.09.2013 20:48:46 GMT+02:00
ROTT meint:
Sehr schön, vielen Dank für diese informativen UND lesenwerten Zeilen!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.01.2014 19:15:55 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.01.2014 19:16:43 GMT+01:00
möchte mich anschließen und behaupten das Oldfields Gitarrenstil kultiger ist als der eines Clapton, noch gibt es niemanden der annähernd so viele Instrumente beherrscht als Er....
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