Kundenrezension

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Oh Mercy, oh Meisterwerk!, 25. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Oh Mercy (Audio CD)
Wohl keine Platte habe ich in meinem Leben so oft gehört wie Dylans "Oh Mercy". 1990 zu Weihnachten zufällig für einen Freund gekauft, zu Hause erstmal aufgelegt (macht man ja eigentlich nicht) und dann sofort auf Kassette aufgenommen. Die Scheibe ist eine der Platten die mich gleich vom ersten Ton an angesprochen haben. Später folgte die LP und noch später die CD.

Auf der Platte finden sich zehn von Produzent Daniel Lanois in wunderbare Soundfarben getauchte makellose Songs. Dazu singt Dylan mit purem Feeling akzentuiert reihenweise Texte für die Ewigkeit. Schon die ersten spannungsgeladenen Tönen von "Political world" lassen aufhorchen, dann ist plötzlich der Groove da, ein Song ohne Refrain, wie ein Fluß, treibender Bluesrhythmus. Der Song war der erste den Dylan nach längerer Zeit geschrieben hatte. Zunächst noch ohne Melodie, der Text sprudelte aus Dylan heraus, als dieser alleine nachts an seinem Küchentisch saß. Die meisten Lieder der Platte hatten zunächst keine Melodie. Dies erinnert an "John Wesley Harding", wo ( soweit ich weiß ) zunächst alle Texte geschrieben wurden und erst dann die Musik folgte. Der zweite Song "Where teardrops fall" ist eine wunderbare Countryballade mit einem kurzen Saxophonsolo am Schluß. Nach der klaustrophobischen Stimmung des Openers beschert uns Dylan hier mit gelöster und entspannter Musik. Der Song klingt wie ein Liebeslied, der Text weckt hingegen eher religiöse Assoziationen. Dann folgt "Everything is broken", neben dem Eröffnungslied der einzige flottere Titel auf der Platte. Trotz des an Abzählreime erinnernden Textes hat der Song aufgrund seiner Mischung aus Gesang und Sound ein cooles Feeling. Dylan phrasiert toll und scheint mit einem Augenzwinkern über all die zerbrochenen Dinge zu singen. Der gesungene Text steht in Kontrast zu den nackten Wörtern.

Mit "Ring them bells" beginnt eine sieben Songs dauernde Reise. Durch Amerika, durch die Welt, durch Dylans Sicht auf die Welt, durch meine Gedanken? Schwer zu sagen, wahrscheinlich alles davon und alles zu seiner Zeit. So wirkt es jedenfalls auf mich. Bluesgetränkter Folk, Gospelfeeling, ab und an weht der Klang einer Harmonika durch die Luft. "Ring them bells" ist ein wunderbares Lied! Eine sehr spirituelle Aufnahme, ich kann mir vorstellen, dass Dylan das Lied singt und die Welt schweigt und hört zu. Als Dylan "Ring them bells" im Mai 1994 bei "The great music experience" in Japan zusammen mit dem Tokio New Philharmonic Orchstra neben "A hard rain`s a-gonna fall" und "I shall be released" zum Besten gab, saß ich nachts vorm Fernseher und war zutiefst berührt. Das werde ich nicht vergessen. Es folgt mit "Man in the long black coat" ein weiterer Höhepunkt, aber welcher Song ist dies hier nicht? Ein Song wie ein Soundtrack mit parallelem Drehbuch. Dieser Song ist einen Film wert (& nicht nur dieser Song!). Eines der wenigen Lieder, die Dylan auf Wunsch eines Produzenten schrieb. Daniel Lanois wünschte sich für das Album noch einen Song mit einem atmosphärisch dichten großartigen Text. Dylan schrieb das Lied nach Lanois Aussage im Studio und dann soll das Ganze recht zügig aufgenommen worden sein. Die eigentliche Story des Songs, der Verlust den der (Ehe-)Mann, dessen Frau mit dem Mann im langen schwarzen Mantel verschwindet, erleidet, tritt fast in den Hintergrund, da man sich fragt, wer der "Man in the long black coat" ist. Wo kommt er her, wofür steht? Eine mysteriöse Nummer & zu Beginn hört man tatsächlich Grillen zirpen.

Dann folgt mit "Most of the time" mein Lieblingslied auf der Platte (war er schon immer), man muss nur hören wie dieser Mann die Zeilen "... most of the time my head is unstraight, most of the time I`m strong enough not to hate..." singt, das ist große Kunst! So selbstverständlich, direkt und pur, ohne Schnickschnack oder prätentiöse Verzierungen. Der Text & Dylans Gesang decken die widersprüchlichen Gedanken des Erzählcharakters auf. Er hält die Situation aus, dabei denkt er kaum an "sie", er ist mit seinem Kopf klar nach vorne gerichtet und merkt (angeblich) nicht mal, dass "sie" weg ist, und egal wie groß die Konfusion auch sein möge, davor hat er keine Angst. So viele Worte um zu sagen, dass "er" schon klar kommt, jedenfalls most of the time...und dann klingt der Song langsam aus. Ein wirklich großer Song. Das folkige Demo auf "Tell tale signs" ohne den Lanois-Sound ist ebenfalls eine sehr einnehmende Version dieses Klassikers. "What good am I?" & "Disease of conceit" gehen praktisch ineinander über und vermitteln (wie auch die meisten anderen Songs auf der Scheibe) eine wunderbare und geheimnisvolle Stimmung, die mich meist an die Dämmerung denken läßt, mal folgt der Tag, mal folgt die Nacht. "What good am I?" Eine Art Spätachtziger-Blowin in the wind in Form eines Selbstgesprächs mit einem sehr guten Text und einer ebenso gelungenen musikalischen Darbietung. Auch "Disease of conceit" schließt sich hier nahtlos an. Dylan singt hier wieder einmal fantastisch und ich denke, dass "Oh Mercy" voller Klassiker steckt, die auf der gleichen Stufe stehen, wie die allgemein anerkannten Klassiker der 60er und 70er Jahre.

Der vorletzte Song "What was it you wanted" war der einzige, der bei mir nicht gleich zündete. Mittlerweile hat der lakonischen Gesang und fantastische Text voller beißendem Witz für mich die gleiche Qualität wie die anderen neun Lieder. Das nachfolgende "Shooting star" schließt "Oh Mercy" perfekt ab. Wenn ich es nicht durcheinander bringe, wurde der Text des Songs während der Sessions in New Orleans umgeschrieben. Auch einer dieser Texte, die einfach Dylan sind. Wenn man nach dem vermeintlich letzten Ton die Anlage weit aufdreht kann man noch einmal eine Gitarre zucken hören. Heute ist bekannt, dass Dylan bei den Sessions zu dieser Platte u. a. auch "Dignity", "Born in time" oder "Series of dreams" spielte. Weitere große Werke von Dylan, die bezeugen, dass er zu dieser Zeit eine äußerst kreative Phase durchschritt. Von einigen Kritikern wurde die Produktion von Lanois stark kritisiert. Auch Bill Wyman äußerte sich in dieser Richtung. Ich halte den Sound der Scheibe für großartig und bin froh, dass sie genau so produziert worden ist. Dass Dylans Songs fantastisch sind und auch ohne den Lanois-Sound bestehen können, hat Dylan schon oft live bewiesen. Sehr schön ist auch das Graffiti-Cover mit dem tanzenden Paar sowie das Foto auf der Rückseite. Wenn ich eines Tages auf die berühmte Insel müsste, "Oh Mercy" wäre auf jeden Fall dabei. Eine Musik, die mich zutiefst berührt, dies seit mittlerweile rund 20 Jahren und vermutlich wird dies auch immer so sein. Ich verneige mich vor Dylan und bin sehr dankbar für diese wunderbare Platte!
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 05.06.2011 13:45:34 GMT+02:00
song_x meint:
eine großartige produktion von lanois!
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