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Gegenstandslos, 28. Februar 2008
Rezension bezieht sich auf: Grammatikkenntnisse für Rechtschreibregeln?: Drei deutsche Rechtschreibwörterbücher kritisch analysiert (Taschenbuch)
Aus der Einleitung:
'Ich habe mich für die 'alte' Rechtschreibung nach dem RS-Duden, 20. Aufl., entschieden, da ich sie trotz ihrer Schwächen (z. B. zu wenig generelle Varianten im Bereich der Fremdwortschreibung) für eine Norm halte, die insgesamt lesefreundlicher ist und dem Sprachsystem des Deutschen und seiner Entwicklung besser gerecht wird als die reformierte Rechtschreibung.' (6)
Der erfreulichen Orthographie steht leider eine gar nicht lesefreundliche Störung des Leseflusses durch feministische Formeln gegenüber: 'Daher erwartet der Benützer/die Benützerin, wenn er/sie schon nicht die fertige Lösung präsentiert ...' usw. Dieses vollautomatische 'Sichtbarmachen' des weiblichen Teils der Menschheit bei jedem Vorkommen von Personenbezeichnungen ist ungemein lästig.
Beschwerlich wirkt auch die dissertationstypische Explizitheit, die Banalstes aussprechen und auch noch mit Zitaten belegen zu müssen glaubt:
'Der Unterschied zwischen Fachleuten und Laien besteht generell darin, daß letztere 'in einem bestimmten Fach bzw. in einem bestimmten Sachbereich über ein signifikant niedriges Wissensniveau' verfügen, erstere aber 'über ein signifikant hohes Wissensniveau' (Wichter 1994: 54).' Wer hätte das gedacht! Fachleute wissen mehr als Laien - dazu muß man keinen Gelehrten zitieren, man muß es eigentlich gar nicht aussprechen.
Über die 'prekäre Lage von Analphabeten/-innen': 'Sie haben aufgrund ihrer eingeschränkten Lesefähigkeit nicht einmal ausreichenden Zugang zu schriftlicher Information.' (S. 299) So ist das eben bei Analphabeten: sie können nicht lesen.
In den ausufernden Fußnoten werden Lesefrüchte mitgeteilt, von denen die Verfasserin sich nicht trennen konnte, auch wenn sie nicht zum Thema gehören.
Aus der Verlagsankündigung:
'Welche Rechtschreibregeln verlangen weniger Grammatikkenntnisse von Schreibenden - die "alten" oder die reformierten? Sabine Mayr untersucht die Regelverzeichnisse dreier gängiger "alter" und "neuer" Rechtschreibwörterbücher (Duden, 20. Aufl. 1991 und 22. Aufl. 2000; Bertelsmann 1999) darauf hin, welche grammatischen Fachausdrücke sie als bekannt voraussetzen, wo Verständnisprobleme liegen und ob bzw. wie diese gelöst werden können (z. B. welche Grammatik weiterhilft). Der Vergleich zeigt, dass mit der Reform die Regelverständlichkeit etwas verbessert worden ist.'
Hier zeigt sich schon die Prolematik der Arbeit: Wen interessieren die Regelformulierungen der Wörterbuchredakteure? Es geht doch um den Vergleich der traditionellen und der reformierten Rechtschreibung. Außerdem sind die drei Wörterbücher inzwischen mehrfach überholt, aber die Verfasserin begnügt sich mit dem Hinweis in einer Fußnote, die Revision habe an den Dudenregeln nichts Wesentliches geändert. Es wird gar nicht berücksichtigt, daß die Dudenredaktion gegen ihren Willen und gegen ihr besseres Wissen aus den amtlichen Regeln etwas machen mußte, was in etwa den bisherigen Gepflogenheiten des Duden entsprach: 'Richtlinien' zu formulieren, weil man offenbar nicht von der Vorstellung loskam, so etwas gehörte zu einem ordentlichen Rechtschreibwörterbuch dazu. (Entgegen einer von Mayr mitgeteilten Auskunft der heutigen Dudenredaktion kann das traditionelle 'R' im alten Duden nur als Abkürzung von 'Richtlinie' und nicht von 'Regel' verstanden werden, vgl. die Benutzungshinweise in den älteren Ausgaben!)
Die Verfasserin versteht unter Rechtschreibung oder Orthographie die 'explizite, kodifizierte Norm der Schreibung einer Sprache' (1). 'Kodifiziert ist die Rechtschreibung als 'externe' Norm in schriftlich aufgezeichneten Regeln, die als Handlungsanweisungen dienen.' (2) Selbst wenn man die 'Regeln' so weit faßt, daß auch schlichte orthographische Wörterverzeichnisse darunterfallen, ist das eine willkürliche Einengung. Orthographie hat es als lehr- und lernbare Fertigkeit lange vor jeder Kodifizierung gegeben, und verbindliche Regelwerke gibt es noch heute in vielen Kultursprachen nicht, die durchaus großen Wert auf Orthographie legen.
Die behauptete Abwertung von Menschen, die schwach in Rechtschreibung sind, ist nicht wirklich belegt. Stickel übertreibt wahrscheinlich stark, wenn er sagt: 'Wer vor einem erweiterten Infinitiv kein Komma setzt, gilt nicht nur als dumm und ungebildet, sondern wäscht sich vielleicht auch nicht regelmäßig.' Die 'Pervertierung der Rechtschreibung zum Mittel der sozialen Selektion und Diskriminierung' wird zwar oft behauptet, aber selten empirisch nachgewiesen, zumal für die Gegenwart. Bekannt ist Gerhard Augsts Berufung auf vierzig Jahre alte Beispiele. Daß Arbeitgeber auf Rechtschreibung einen gewissen Wert legen, ist ja nicht abwegig. Warum sollten Rechtschreibfehler in Bewerbungen weniger ins Gewicht fallen als Fettflecke und Eselsohren?
'Zwar schreiben Erwachsene vieles unbewußt normgemäß, doch können sie dann, wenn sie bei einer Schreibweise unsicher sind, aber normkonform schreiben müssen oder wollen, nicht immer vermeiden, sich mit Rechtschreibregeln auseinanderzusetzen. Diese sind aber ohne grammatisches Wissen weder erschließbar noch aufstellbar.' (1)
Das ist unrealistisch. In den Dudenregeln wurde gerade von professionell Schreibenden, etwa Sekretärinnen, praktisch nie nachgeschlagen. Man schlug und schlägt im Wörterverzeichnis nach. Die Regeln, genauer 'Richtlinien', waren immer etwas für Kenner und Liebhaber (Lehrer). Die Verfasserin spricht selbst von 'oft nicht einmal wahrgenommenen Teilen' des Rechtschreibwörterbuchs, wozu sie auch die Regelteile zählt. (7) Nach ihrer Vorstellung sollte aber, wie ja auch Augst und andere Reformer meinen, der Regelteil in Zukunft eine größere Rolle spielen. Deutlicher ausgedrückt: Während die Richtlinien des alten Dudens weitgehend redundant und unbeachtet waren, sollen die Regeln der reformierten Rechtschreibung geradezu das Kernstück der Norm bilden, von dem die Einzelwortschreibungen abzuleiten seien. Diese erhoffte größere Bedeutung der Regeln nimmt die Verfasserin gewissermaßen vorweg, sonst wäre ihre Arbeit noch unwichtiger, denn wen kümmert die Qualität von Regelformulierungen, die er nie zu Rate zieht?
Die Regeln in den reformierten Wörterbüchern sind auf das amtliche Regelwerk von 1996 bezogen, von dem die Verfasserin ausdrücklich nicht handelt. (Die seltsame Begründung steht auf S. 21: es sei nicht beworben worden und nicht mehr lieferbar. Lieferbar sind die Wörterbücher inzwischen auch nicht mehr, und das Regelwerk war kein kommerzielles Erzeugns, sondern ein Erlaß der Kultusminister, wurde daher nicht beworben! Das amtliche Regelwerk ist aber immerhin der einzige noch verbindliche Text, man kann es nicht einfach aussparen.) Demgegenüber waren die alten Dudenregeln längst ohne Bezug zur amtlichen Regelung von 1901; es handelte sich um ' inzwischen alphabetisch angeordnete ' 'Richtlinien', die kaum mit der systematischen Darstellung im amtlichen Regelwerk von 1996 und später verglichen werden können.
Die Reformer sahen sich vor der selbstgestellten Aufgabe, die neue Rechtschreibung von erst noch aufzustellenden Regeln abzuleiten, zugleich aber das schriftliche Erscheinungsbild deutscher Texte nicht allzu stark zu verändern ' und zwar einzig aus taktischen Erwägungen der politischen Durchsetzbarkeit, denn die Reformer selbst hätten auch gegen radikale Veränderungen nichts einzuwenden gehabt, wie ihre Reformvorschläge der späten achtziger Jahre zeigen. Diese Konstellation wird ebenso wie die besondere Situation der alten Dudenredaktion von der Verfasserin zu wenig berücksichtigt.
Mayr präpariert aus den Regelformulierungen jeweils die Grammatik heraus, die dem Wörterbuch implizit zugrunde liegt, und vergleicht diese Grammatiken dann. Es wäre sinnvoller gewesen, die den Wörterverzeichnissen implizit zugrundeliegende, von den Redaktionen aber nur teilweise korrekt beschriebene Grammatik zu vergleichen. Noch sinnvoller wäre es gewesen, die grammatischen und sonstigen linguistischen Grundlagen der tatsächlich üblichen Schreibweisen mit denen zu vergleichen, die von den Reformern in die neuen Regeln gefaßt und von dort in die neuen Schreibweisen hineindeduziert worden sind. Aber die tatsächlich im Deutschen üblichen Schreibweisen und ihre verborgene intuitive Grundlage in grammatischen, textsemantischen und lesepsychologischen Interessen hat bisher niemand dargestellt - außer mir, der ich zuerst das Nächstliegende unternommen habe: ein Wörterbuch der wirklich üblichen Schreibweisen anzufertigen; erst dann konnte versucht werden, diesen Befund auf deskriptive 'Regeln' zu bringen. Ich hätte nicht ungern einmal erfahren, wie es um die Verständlichkeit meiner eigenen Regelformulierungen bestellt ist. Aber so etwas liegt ganz außerhalb des Gesichtskreises von Frau Mayr, die mein Wörterbuch (in der früheren Fassung von 2000) immerhin im Literaturverzeichnis anführt.
Ich habe mich übrigens nicht nur knapp in von Mayr zitierten Schriften über die Dudenregeln geäußert, sondern ausführlich in meinem Kommentar zum Duden von 1991, der im Internet steht. Mayr zitiert meinen Satz über den alten Duden: 'Alle Richtlinien sind allgemeinverständlich und in keiner Weise schwierig oder kompliziert zu lesen.' (S. 10) Sie findet das 'aus Laiensicht [nicht] nachvollziehbar'. Darüber kann man streiten, aber Mayr übersieht, daß ich gleichwohl die Problematik dieser scheinbar einfachen Richtlinien deutlich herausgearbeitet habe.
Die Verfasserin zitiert mich oft und auch zustimmend (wie sie überhaupt Kritik an anderen Autoren meidet), aber ich bin darüber nicht immer ganz glücklich. Hier eines der wenigen Beispiele einer kritischen Wiedergabe: 'Im Gegensatz zu Ickler (2001: 292) bin ich der Meinung, daß nicht erwartet werden kann, daß nur diejenigen Entlehnungen benützen, die die Herkunftssprachen beherrschen. Ein Fremdwort wie Prognose dürfte z. B. bei vielen zum aktiven Wortschatz gehören, ohne daß sie auf Altgriechischkenntnisse zurückgreifen und den Wortaufbau bestimmen können.' (S. 211)
Nun, so töricht oder versnobt, wie Mayr mich hier darstellt, bin ich nicht, und ich habe auch die legitime Verwendung griechischer Fremdwörter nicht von der Beherrschung des Altgriechischen abhängig gemacht, sondern gegen die Duden-Silbentrennung (im 'Großen Wörterbuch') an der betreffenden Stelle folgendes eingewandt: 'Besonders sinnvoll erschienen dem Duden: Anas-tigmat, Emb-lem, Emb-ryo, Emig-rant, E-nergie, E-pis-tyl, Lac-rosse, Me-töke, Monoph-thong, monos-tichisch, Pen-tathlon, Prog-nose, Katam-nese, Tu-ten-cha-mun und viele tausend ähnliche Trennungen, die man nicht einmal mehr als laienhaft bezeichnen möchte. Es ist unplausibel, daß jemand solche bildungs- und fachsprachlichen Wörter benutzen und zugleich so wenig von ihrem Aufbau wissen sollte, daß er sie nach Metzgerart zerlegen müßte.' (Wie man sieht, hat Mayr sich das gemeinsprachlich geläufigste meiner Beispiele herausgesucht.) Man muß kein Altgriechisch können, um die Bestandteile von Prognose wiederzuerkennen und eine im Sinne der Sprachkultur gepflegtere Trennung vornehmen zu können. Im Duden-Universalwörterbuch will die Redaktion bezeichnenderweise nichts von der neuen Trennung wissen. Man schlägt nach, um die beste Trennung zu finden und nicht irgendeine, die man sich auch ohne Wörterbuch hätte ausdenken können.
Die Forderung nach 'einfachen' Regeln wird in ihrer Problematik deutlicher, wenn man die gleichzeitig erhobene Forderung danebenstellt, die Wortschreibungen müßten aus den Regeln ableitbar sein. Wenn man auf Begriffe bringt, was normalerweise intuitiv getan wird, kann die Formulierung ungemein kompliziert ausfallen. Man denke an Fertigkeiten wie das Binden eines Schlipses oder das Radfahren. Wer könnte ausschließen, daß die Intuitionen, die unserer Rechtschreibfertigkeit zugrunde liegen, ähnlich komplex erscheinen, wenn man sie in begriffliche Form zu bringen versucht?
Außer den drei Wörterbüchern zieht die Verfasserin verschiedene Grammatiken heran, um herauszufinden, was die Wörterbuchbenutzer allenfalls an Grammatikkenntnissen mitbringen könnten. Hier kommt es zu wahrhaft abenteuerlichen Hypothesen. Zuerst nimmt Mayr an, daß die Ratsuchenden überhaupt den Regelteil der Wörterbücher benutzen, was schon sehr selten der Fall sein dürfte. Sodann nimmt sie an, daß ein Wörterbuchbenutzer, wenn er mit den grammatischen Begriffen des Regelteils nicht zurechtkommt, eine Grammatik zur Hand nimmt, und zwar der Dudenbenutzer vorzugsweise die Dudengrammatik, der Bertelsmannbenutzer die Bertelsmanngrammatik! 'Hier dürfte wie bei den Duden-Benützer/-innen die Markentreue bzw. die Annahme, Rechtschreibwörterbücher und Grammatik aus dem gleichen Hause ergänzten sich besonders gut, eine Rolle spielen.' (S. 29) Die Verfasserin macht sich also Gedanken, warum sich Wörterbuchbenutzer so verhalten, wie sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach praktisch nie verhalten!
Das Verfahren der Verfasserin läßt sich am Beispiel des Stammprinzips veranschaulichen. Hier weist sie zuerst mit entsprechenden Zitaten nach, daß Quäntchen eine volksetymologische Umdeutung ist. Entsprechend gehorcht auch verbläuen nicht wirklich dem Stammprinzip. Aus Götzes Bertelsmann-Rechtschreibung wird zitiert: 'Hier wird jetzt konsequent das Stammprinzip angewendet' usw. Ihre Schlußfolgerung aus den umständlichen Erörterungen: 'Das Verständnis der Duden-Grammatik von 'Stammprinzip' hilft den Benützern/-innen des RS-Bertelsmanns nur begrenzt, da es zu eng ist. Denn der RS-Bertelsmann geht von einem Stammprinzip sowohl nach sprachgeschichtlichen als auch nach volksetymologischen Kriterien aus.' (S. 205)
Man sieht hier, wie sehr Mayrs Erörterung neben der eigentlichen Sache liegt. Der Bertelsmann vollstreckt doch nur die von Augst in die Reform eingebrachte Orientierung an willkürlich ausgewählten Volksetymologien. Heranzuziehen wären also die amtlichen Regeln. Götzes Zutat ist die sachlich falsche Propagandaformel von der 'konsequenten' Anwendung des Stammprinzips. Was soll hier die Dudengrammatik? Sie verficht als wissenschaftliche Grammatik natürlich den wissenschaftlichen Begriff von Etymologie und Morphologie; Volksetymologie gehört in ein anderes Kapitel der Sprachwissenschaft. Der eigentlich bedeutsame Sachverhalt ist die Augstsche Gewaltsamkeit mitsamt ihren verhängnisvollen Folgen für die sprachliche Bildung, nachzulesen in reformierten Sprachbüchern (und in meinem Buch 'Regelungsgewalt'). Darauf geht die Verfasserin aber gar nicht ein. Stattdessen stellt sie die irreale Frage, ob ein Benutzer der Bertelsmann-Rechtschreibung in der Dudengrammatik erfährt, wie das Stammprinzip auszulegen ist. So hat das ganze Buch etwas Gespenstisches.
Die Germanisten haben die Rechtschreibreform gleichmütig hingenommen ('Das interessiert uns nicht!' sagte einer der bekanntesten). Auf der Suche nach Promotionsthemen fallen ihnen die skurrilsten Fragestellungen ein: der 'Diskurs über die Rechtschreibreform' oder eben die unterschiedlichen Grammatikkenntnisse, die von den unverbindlichen Regelformulierungen längst überholter Wörterbücher vorausgesetzt werden. Was wird von dieser uninteressierten Seite noch kommen?
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Grammatikkenntnisse für Rechtschreibregeln?: Drei deutsche Rechtschreibwörterbücher kritisch analysiert 3484312734
Sabine Mayr
Niemeyer, Tübingen
Grammatikkenntnisse für Rechtschreibregeln?: Drei deutsche Rechtschreibwörterbücher kritisch analysiert
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Gegenstandslos
Aus der Einleitung:
'Ich habe mich für die 'alte' Rechtschreibung nach dem RS-Duden, 20. Aufl., entschieden, da ich sie trotz ihrer Schwächen (z. B. zu wenig generelle Varianten im Bereich der Fremdwortschreibung) für eine Norm halte, die insgesamt lesefreundlicher ist und dem Sprachsystem des Deutschen und seiner Entwicklung besser gerecht wird als die reformierte Rechtschreibung.' (6)
Der erfreulichen Orthographie steht leider eine gar nicht lesefreundliche Störung des Leseflusses durch feministische Formeln gegenüber: 'Daher erwartet der Benützer/die Benützerin, wenn er/sie schon nicht die fertige Lösung präsentiert ...' usw. Dieses vollautomatische 'Sichtbarmachen' des weiblichen Teils der Menschheit bei jedem Vorkommen von Personenbezeichnungen ist ungemein lästig.
Beschwerlich wirkt auch die dissertationstypische Explizitheit, die Banalstes aussprechen und auch noch mit Zitaten belegen zu müssen glaubt:
'Der Unterschied zwischen Fachleuten und Laien besteht generell darin, daß letztere 'in einem bestimmten Fach bzw. in einem bestimmten Sachbereich über ein signifikant niedriges Wissensniveau' verfügen, erstere aber 'über ein signifikant hohes Wissensniveau' (Wichter 1994: 54).' Wer hätte das gedacht! Fachleute wissen mehr als Laien - dazu muß man keinen Gelehrten zitieren, man muß es eigentlich gar nicht aussprechen.
Über die 'prekäre Lage von Analphabeten/-innen': 'Sie haben aufgrund ihrer eingeschränkten Lesefähigkeit nicht einmal ausreichenden Zugang zu schriftlicher Information.' (S. 299) So ist das eben bei Analphabeten: sie können nicht lesen. In den ausufernden Fußnoten werden Lesefrüchte mitgeteilt, von denen die Verfasserin sich nicht trennen konnte, auch wenn sie nicht zum Thema gehören. Aus der Verlagsankündigung:
'Welche Rechtschreibregeln verlangen weniger Grammatikkenntnisse von Schreibenden - die "alten" oder die reformierten? Sabine Mayr untersucht die Regelverzeichnisse dreier gängiger "alter" und "neuer" Rechtschreibwörterbücher (Duden, 20. Aufl. 1991 und 22. Aufl. 2000; Bertelsmann 1999) darauf hin, welche grammatischen Fachausdrücke sie als bekannt voraussetzen, wo Verständnisprobleme liegen und ob bzw. wie diese gelöst werden können (z. B. welche Grammatik weiterhilft). Der Vergleich zeigt, dass mit der Reform die Regelverständlichkeit etwas verbessert worden ist.'
Hier zeigt sich schon die Prolematik der Arbeit: Wen interessieren die Regelformulierungen der Wörterbuchredakteure? Es geht doch um den Vergleich der traditionellen und der reformierten Rechtschreibung. Außerdem sind die drei Wörterbücher inzwischen mehrfach überholt, aber die Verfasserin begnügt sich mit dem Hinweis in einer Fußnote, die Revision habe an den Dudenregeln nichts Wesentliches geändert. Es wird gar nicht berücksichtigt, daß die Dudenredaktion gegen ihren Willen und gegen ihr besseres Wissen aus den amtlichen Regeln etwas machen mußte, was in etwa den bisherigen Gepflogenheiten des Duden entsprach: 'Richtlinien' zu formulieren, weil man offenbar nicht von der Vorstellung loskam, so etwas gehörte zu einem ordentlichen Rechtschreibwörterbuch dazu. (Entgegen einer von Mayr mitgeteilten Auskunft der heutigen Dudenredaktion kann das traditionelle 'R' im alten Duden nur als Abkürzung von 'Richtlinie' und nicht von 'Regel' verstanden werden, vgl. die Benutzungshinweise in den älteren Ausgaben!)
Die Verfasserin versteht unter Rechtschreibung oder Orthographie die 'explizite, kodifizierte Norm der Schreibung einer Sprache' (1). 'Kodifiziert ist die Rechtschreibung als 'externe' Norm in schriftlich aufgezeichneten Regeln, die als Handlungsanweisungen dienen.' (2) Selbst wenn man die 'Regeln' so weit faßt, daß auch schlichte orthographische Wörterverzeichnisse darunterfallen, ist das eine willkürliche Einengung. Orthographie hat es als lehr- und lernbare Fertigkeit lange vor jeder Kodifizierung gegeben, und verbindliche Regelwerke gibt es noch heute in vielen Kultursprachen nicht, die durchaus großen Wert auf Orthographie legen.
Die behauptete Abwertung von Menschen, die schwach in Rechtschreibung sind, ist nicht wirklich belegt. Stickel übertreibt wahrscheinlich stark, wenn er sagt: 'Wer vor einem erweiterten Infinitiv kein Komma setzt, gilt nicht nur als dumm und ungebildet, sondern wäscht sich vielleicht auch nicht regelmäßig.' Die 'Pervertierung der Rechtschreibung zum Mittel der sozialen Selektion und Diskriminierung' wird zwar oft behauptet, aber selten empirisch nachgewiesen, zumal für die Gegenwart. Bekannt ist Gerhard Augsts Berufung auf vierzig Jahre alte Beispiele. Daß Arbeitgeber auf Rechtschreibung einen gewissen Wert legen, ist ja nicht abwegig. Warum sollten Rechtschreibfehler in Bewerbungen weniger ins Gewicht fallen als Fettflecke und Eselsohren?
'Zwar schreiben Erwachsene vieles unbewußt normgemäß, doch können sie dann, wenn sie bei einer Schreibweise unsicher sind, aber normkonform schreiben müssen oder wollen, nicht immer vermeiden, sich mit Rechtschreibregeln auseinanderzusetzen. Diese sind aber ohne grammatisches Wissen weder erschließbar noch aufstellbar.' (1)
Das ist unrealistisch. In den Dudenregeln wurde gerade von professionell Schreibenden, etwa Sekretärinnen, praktisch nie nachgeschlagen. Man schlug und schlägt im Wörterverzeichnis nach. Die Regeln, genauer 'Richtlinien', waren immer etwas für Kenner und Liebhaber (Lehrer). Die Verfasserin spricht selbst von 'oft nicht einmal wahrgenommenen Teilen' des Rechtschreibwörterbuchs, wozu sie auch die Regelteile zählt. (7) Nach ihrer Vorstellung sollte aber, wie ja auch Augst und andere Reformer meinen, der Regelteil in Zukunft eine größere Rolle spielen. Deutlicher ausgedrückt: Während die Richtlinien des alten Dudens weitgehend redundant und unbeachtet waren, sollen die Regeln der reformierten Rechtschreibung geradezu das Kernstück der Norm bilden, von dem die Einzelwortschreibungen abzuleiten seien. Diese erhoffte größere Bedeutung der Regeln nimmt die Verfasserin gewissermaßen vorweg, sonst wäre ihre Arbeit noch unwichtiger, denn wen kümmert die Qualität von Regelformulierungen, die er nie zu Rate zieht?
Die Regeln in den reformierten Wörterbüchern sind auf das amtliche Regelwerk von 1996 bezogen, von dem die Verfasserin ausdrücklich nicht handelt. (Die seltsame Begründung steht auf S. 21: es sei nicht beworben worden und nicht mehr lieferbar. Lieferbar sind die Wörterbücher inzwischen auch nicht mehr, und das Regelwerk war kein kommerzielles Erzeugns, sondern ein Erlaß der Kultusminister, wurde daher nicht beworben! Das amtliche Regelwerk ist aber immerhin der einzige noch verbindliche Text, man kann es nicht einfach aussparen.) Demgegenüber waren die alten Dudenregeln längst ohne Bezug zur amtlichen Regelung von 1901; es handelte sich um ' inzwischen alphabetisch angeordnete ' 'Richtlinien', die kaum mit der systematischen Darstellung im amtlichen Regelwerk von 1996 und später verglichen werden können.
Die Reformer sahen sich vor der selbstgestellten Aufgabe, die neue Rechtschreibung von erst noch aufzustellenden Regeln abzuleiten, zugleich aber das schriftliche Erscheinungsbild deutscher Texte nicht allzu stark zu verändern ' und zwar einzig aus taktischen Erwägungen der politischen Durchsetzbarkeit, denn die Reformer selbst hätten auch gegen radikale Veränderungen nichts einzuwenden gehabt, wie ihre Reformvorschläge der späten achtziger Jahre zeigen. Diese Konstellation wird ebenso wie die besondere Situation der alten Dudenredaktion von der Verfasserin zu wenig berücksichtigt.
Mayr präpariert aus den Regelformulierungen jeweils die Grammatik heraus, die dem Wörterbuch implizit zugrunde liegt, und vergleicht diese Grammatiken dann. Es wäre sinnvoller gewesen, die den Wörterverzeichnissen implizit zugrundeliegende, von den Redaktionen aber nur teilweise korrekt beschriebene Grammatik zu vergleichen. Noch sinnvoller wäre es gewesen, die grammatischen und sonstigen linguistischen Grundlagen der tatsächlich üblichen Schreibweisen mit denen zu vergleichen, die von den Reformern in die neuen Regeln gefaßt und von dort in die neuen Schreibweisen hineindeduziert worden sind. Aber die tatsächlich im Deutschen üblichen Schreibweisen und ihre verborgene intuitive Grundlage in grammatischen, textsemantischen und lesepsychologischen Interessen hat bisher niemand dargestellt - außer mir, der ich zuerst das Nächstliegende unternommen habe: ein Wörterbuch der wirklich üblichen Schreibweisen anzufertigen; erst dann konnte versucht werden, diesen Befund auf deskriptive 'Regeln' zu bringen. Ich hätte nicht ungern einmal erfahren, wie es um die Verständlichkeit meiner eigenen Regelformulierungen bestellt ist. Aber so etwas liegt ganz außerhalb des Gesichtskreises von Frau Mayr, die mein Wörterbuch (in der früheren Fassung von 2000) immerhin im Literaturverzeichnis anführt.
Ich habe mich übrigens nicht nur knapp in von Mayr zitierten Schriften über die Dudenregeln geäußert, sondern ausführlich in meinem Kommentar zum Duden von 1991, der im Internet steht. Mayr zitiert meinen Satz über den alten Duden: 'Alle Richtlinien sind allgemeinverständlich und in keiner Weise schwierig oder kompliziert zu lesen.' (S. 10) Sie findet das 'aus Laiensicht [nicht] nachvollziehbar'. Darüber kann man streiten, aber Mayr übersieht, daß ich gleichwohl die Problematik dieser scheinbar einfachen Richtlinien deutlich herausgearbeitet habe. Die Verfasserin zitiert mich oft und auch zustimmend (wie sie überhaupt Kritik an anderen Autoren meidet), aber ich bin darüber nicht immer ganz glücklich. Hier eines der wenigen Beispiele einer kritischen Wiedergabe: 'Im Gegensatz zu Ickler (2001: 292) bin ich der Meinung, daß nicht erwartet werden kann, daß nur diejenigen Entlehnungen benützen, die die Herkunftssprachen beherrschen. Ein Fremdwort wie Prognose dürfte z. B. bei vielen zum aktiven Wortschatz gehören, ohne daß sie auf Altgriechischkenntnisse zurückgreifen und den Wortaufbau bestimmen können.' (S. 211) Nun, so töricht oder versnobt, wie Mayr mich hier darstellt, bin ich nicht, und ich habe auch die legitime Verwendung griechischer Fremdwörter nicht von der Beherrschung des Altgriechischen abhängig gemacht, sondern gegen die Duden-Silbentrennung (im 'Großen Wörterbuch') an der betreffenden Stelle folgendes eingewandt: 'Besonders sinnvoll erschienen dem Duden: Anas-tigmat, Emb-lem, Emb-ryo, Emig-rant, E-nergie, E-pis-tyl, Lac-rosse, Me-töke, Monoph-thong, monos-tichisch, Pen-tathlon, Prog-nose, Katam-nese, Tu-ten-cha-mun und viele tausend ähnliche Trennungen, die man nicht einmal mehr als laienhaft bezeichnen möchte. Es ist unplausibel, daß jemand solche bildungs- und fachsprachlichen Wörter benutzen und zugleich so wenig von ihrem Aufbau wissen sollte, daß er sie nach Metzgerart zerlegen müßte.' (Wie man sieht, hat Mayr sich das gemeinsprachlich geläufigste meiner Beispiele herausgesucht.) Man muß kein Altgriechisch können, um die Bestandteile von Prognose wiederzuerkennen und eine im Sinne der Sprachkultur gepflegtere Trennung vornehmen zu können. Im Duden-Universalwörterbuch will die Redaktion bezeichnenderweise nichts von der neuen Trennung wissen. Man schlägt nach, um die beste Trennung zu finden und nicht irgendeine, die man sich auch ohne Wörterbuch hätte ausdenken können.
Die Forderung nach 'einfachen' Regeln wird in ihrer Problematik deutlicher, wenn man die gleichzeitig erhobene Forderung danebenstellt, die Wortschreibungen müßten aus den Regeln ableitbar sein. Wenn man auf Begriffe bringt, was normalerweise intuitiv getan wird, kann die Formulierung ungemein kompliziert ausfallen. Man denke an Fertigkeiten wie das Binden eines Schlipses oder das Radfahren. Wer könnte ausschließen, daß die Intuitionen, die unserer Rechtschreibfertigkeit zugrunde liegen, ähnlich komplex erscheinen, wenn man sie in begriffliche Form zu bringen versucht?
Außer den drei Wörterbüchern zieht die Verfasserin verschiedene Grammatiken heran, um herauszufinden, was die Wörterbuchbenutzer allenfalls an Grammatikkenntnissen mitbringen könnten. Hier kommt es zu wahrhaft abenteuerlichen Hypothesen. Zuerst nimmt Mayr an, daß die Ratsuchenden überhaupt den Regelteil der Wörterbücher benutzen, was schon sehr selten der Fall sein dürfte. Sodann nimmt sie an, daß ein Wörterbuchbenutzer, wenn er mit den grammatischen Begriffen des Regelteils nicht zurechtkommt, eine Grammatik zur Hand nimmt, und zwar der Dudenbenutzer vorzugsweise die Dudengrammatik, der Bertelsmannbenutzer die Bertelsmanngrammatik! 'Hier dürfte wie bei den Duden-Benützer/-innen die Markentreue bzw. die Annahme, Rechtschreibwörterbücher und Grammatik aus dem gleichen Hause ergänzten sich besonders gut, eine Rolle spielen.' (S. 29) Die Verfasserin macht sich also Gedanken, warum sich Wörterbuchbenutzer so verhalten, wie sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach praktisch nie verhalten!
Das Verfahren der Verfasserin läßt sich am Beispiel des Stammprinzips veranschaulichen. Hier weist sie zuerst mit entsprechenden Zitaten nach, daß Quäntchen eine volksetymologische Umdeutung ist. Entsprechend gehorcht auch verbläuen nicht wirklich dem Stammprinzip. Aus Götzes Bertelsmann-Rechtschreibung wird zitiert: 'Hier wird jetzt konsequent das Stammprinzip angewendet' usw. Ihre Schlußfolgerung aus den umständlichen Erörterungen: 'Das Verständnis der Duden-Grammatik von 'Stammprinzip' hilft den Benützern/-innen des RS-Bertelsmanns nur begrenzt, da es zu eng ist. Denn der RS-Bertelsmann geht von einem Stammprinzip sowohl nach sprachgeschichtlichen als auch nach volksetymologischen Kriterien aus.' (S. 205)
Man sieht hier, wie sehr Mayrs Erörterung neben der eigentlichen Sache liegt. Der Bertelsmann vollstreckt doch nur die von Augst in die Reform eingebrachte Orientierung an willkürlich ausgewählten Volksetymologien. Heranzuziehen wären also die amtlichen Regeln. Götzes Zutat ist die sachlich falsche Propagandaformel von der 'konsequenten' Anwendung des Stammprinzips. Was soll hier die Dudengrammatik? Sie verficht als wissenschaftliche Grammatik natürlich den wissenschaftlichen Begriff von Etymologie und Morphologie; Volksetymologie gehört in ein anderes Kapitel der Sprachwissenschaft. Der eigentlich bedeutsame Sachverhalt ist die Augstsche Gewaltsamkeit mitsamt ihren verhängnisvollen Folgen für die sprachliche Bildung, nachzulesen in reformierten Sprachbüchern (und in meinem Buch 'Regelungsgewalt'). Darauf geht die Verfasserin aber gar nicht ein. Stattdessen stellt sie die irreale Frage, ob ein Benutzer der Bertelsmann-Rechtschreibung in der Dudengrammatik erfährt, wie das Stammprinzip auszulegen ist. So hat das ganze Buch etwas Gespenstisches.
Die Germanisten haben die Rechtschreibreform gleichmütig hingenommen ('Das interessiert uns nicht!' sagte einer der bekanntesten). Auf der Suche nach Promotionsthemen fallen ihnen die skurrilsten Fragestellungen ein: der 'Diskurs über die Rechtschreibreform' oder eben die unterschiedlichen Grammatikkenntnisse, die von den unverbindlichen Regelformulierungen längst überholter Wörterbücher vorausgesetzt werden. Was wird von dieser uninteressierten Seite noch kommen?
Theodor Ickler
28. Februar 2008
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