Kundenrezension

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Heiliger Hörschaden!, 17. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Tinnitus Sanctus (Audio CD)
Heiliger Hörschaden!

Anleitende Vorworte für diese Rezension:

Attention! Dieses Schriftwerk dient der Wahrheitsfindung, d.h., ich werde sämtliche Anpreisungsorgien und Marktschreiereien vermeiden und meine Meinung ganz bewusst in den Urlaub schicken, damit der Leser eine objektive Beschreibung des zu besprechenden Werkes erhält. Bloß weil ich eventuell einen 'heiligen Hörschaden' erleide, muss dies nicht zwangsläufig für jeden Interessenten gelten.
Attention 2! Ich bin mir sehr wohl der Tatsache bewusst, dass sie für eine Rezension in einem Internetkaufhaus recht lang ausgefallen ist. Schieß [sic! hehe] drauf! Erstens liest man heutzutage sowieso zu wenig und zweitens brauche ich zumindest ein wenig Luft, um meine Punkte ein wenig ausführen zu können.

Die erste Kontaktaufnahme mit dem Tinnitus vollzieht sich beim (Platten)Dealer des Vertrauens selbstmurmelnd über das Artwork: Der Menschensohn himself, bekannt durch die legendären 'Kill your idol'-Shirts, blutet nicht wie seine Mutter aus dem Äuglein, sondern aus dem Gehörgang. Das lässt zwei Schlussfolgerungen zu:
Entweder ist J.C. kein Rocker, oder die Klanggewalt des neuen Albums bläst sogar den Sohn des Allmächt'gen um. Auf jeden Fall muss man eine gewisse Portion (Selbst)Ironie und Bereitschaft zum Lachen mitbringen. Die angeschnittenen Themen Religion/Versuchung und Humor werden im Laufe des Albums weiterhin unsere Wege kreuz(ig)en.

Nachdem mit Rocket Ride, einem bunten Feuerwerk hardrockender akustischer Aromen, und Crimson Idol meets Faust a.k.a. The Scarecrow bereits eine Abkehr der Edguys vom puritanischen Power/Speed Metal-Glauben stattfand, blieb abzuwarten, ob diese 'Blasphemie' sondergleichen fortgesetzt wird. Daher befindet sich Tinnitus sanctus momentan in den Fängen der rezensorischen Inquisition, die die möglicherweise ketzerische Platte ob ihrer Konfession ausquetscht.
Die Reformationspläne anno domino [sic!, hehe] 2008 lauten: Catchy Melodien, Ohrwurmpotential, simple und daher eingängige/effektive Strukturen sowie eine RAUere Produktion als die Stimme unseres Ex-Präsis. Apropos Stimme, auch Señor Sammet verkehrt nicht mehr in astronomischen Regionen, sondern bevorzugt heuer erdiges Terrain.

Dabei hörte der hessische Hohepriester des Hardrock wohl wie Jeanne d'Arc diverse heilige Stimmen, die ihn auf seiner Mission inspirierten: Man(n) verwendet Accept-ables Teutonen-riffing (Ministry Of Saints), riskiert eine dicke Lippe a la Aerosmith (Sex Fire Religion, vgl. das Intro zu Love In An Elevator & Tyler'schen Slang), zaubert mit Magnum'scher Epik & Chören (Dragonfly), und rockt nach traditioneller Krokus-Schule (Dead Or Rock). Nichtsdestotrotz zeichnet sich jedes Stück durch einen typischen 'Touch of Edguy' aus.

Ein paar Up-Tempo-Stücke erinnern wage an alte Zeiten, z.B. The Pride Of Creation inklusive radikalem Bruch zum Mid-Tempo, welches nach der Brücke zum Roadrunner-Modus zurückkehrt und das Album von einer dynamischen Seite präsentiert. Wette, dass sämtliche Erdferkel das Lied fortan als ihre ewige Hymne betrachten... Wake Up Dreaming Black (Tempo: Out of vogue) wird durch kleine dynamische Breaks aufgelockert und vernichtet ganze Heerscharen von Engeln im Refrain. Soll heißen, man kann ihn entweder als eingängig oder penetrant bezeichnen. Das Opus Speedhoven (7:40 min.) stellt man sich wie Devil In The Belfry pt. II, extended version, vor, ergänzt durch sakrale Orgelklänge. Spielt als längeres Stück nicht in derselben Liga wie Theater Of Salvation oder The Seven Angels, will es allerdings auch nicht. Textlich rechnet der Geist des eponymen Komponisten mit den Stimmen der Vergangenheit ab. Speedhoven und seine Schreie werden diejenigen heimsuchen, die um der wahren Musik willen gekommen sind, aber ihre eben noch hochgehaltenen Ideale vergessen, weil nicht mehr das vorhanden ist, was sie haben wollten. In der Brücke stirbt der Künstler schließlich in das selbst geschaffene Paradies, in dem ausschließlich seine Kunst zählt, die zu bestimmen niemand außer ihm selbst ein Recht hat.

Nine Lives und 929 (keine Position aus dem horizontalen, sondern eine Zimmernummer, also bloß der Ort, wo...) werden von verspielten Keyboards dominiert und bringen Van Halen-Frische, aber auch deren simplen Aufbau mit. Die obligatorische Herzschmerzballade mit einer gehörigen Portion Pathos fehlt natürlich nicht (Thorn Without A Rose), wobei mich interessieren würde, ob Poison mit Every Rose Has Its Thorn als Taufpaten dabei waren. Zum Abschluss wird's noch mal richtig unanständig, d.h., COUNTRY, UUUUAAAARRRRGGGHHHHH!!!! Aren't You A Little Pervert, Too?!? ist glücklicherweise bloß eine schweinische Parodie mit politischem Seitenhieb.

Ihr habt's überstanden: Ich hoffe, ich konnte andeuten, dass Tinnitus Sanctus eine Entwicklung in den Hardrock/Melodic Metal-Bereich ist und nur noch an einem seidenen Faden hängt, was die Power/Speedwurzeln betrifft. Dafür erhält man eingängige, zeitgemäße Titel, die zusammen allerdings keine (!) homogene Mischung ergeben. Begründung folgt: Die meisten Titel sind, wie gesagt, moderne Hardrocker. Speedhoven nicht, Dragonfly nicht, Pervert genauso wenig. Sie beackern inhaltlich wie äußerlich ein komplett anderes Feld und machen es unmöglich, von einem in sich geschlossenen Werk zu sprechen. Dies ist keine Kritik, sondern eine Feststellung (Können wir aber gerne drüber diskutieren). Ich vermeide es ferner, dieses Album besser oder schlechter als irgendwas zu bezeichnen, da ich solche Vergleiche mit Vorgängern für unfair halte. Es gibt in meinen Augen kein 'besser' oder 'schlechter', lediglich 'anders'.

Zur Punktevergabe: Ich gebe die volle Punktzahl, weil ich eine abgeben muss. Ich halte ein solches System für falsch, weil man darüber ein Werk nicht aussagekräftig bewerten kann. Ich denke, dafür bedarf es Worte, und derer sind genug gefallen. Es geht mir auch nicht darum, euch irgendein Produkt aufzuschwatzen. Ich hoffe bloß, ausreichend Fakten wiedergegeben zu haben, die euer Interesse geweckt haben, so dass ihr der Platte im Laden durch Antesten eine Chance gebt, aber nicht blind kauft, bloß weil ein bestimmtes Etikett drauf klebt.

Danke für die Aufmerksamkeit! Hey, aufwachen...aufwachen, hab' ich gesagt...
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