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Kundenrezension

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die fast perfekte Fledermaus, 21. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Strauss: Die Fledermaus (Gesamtaufnahme) (Audio CD)
Um ganz ehrlich zu sein: Sobald ich das Wort "Operette" höre, setzt bei mir ein starker Fluchtinstinkt ein. Operette verbinde ich mit einem Höchstmaß an Kitsch, sinnfreier Handlung, belangloser Musik, sowie einem abgesungenen Rudolf Schock und einer gackernden Erika Köth. Unterhaltung für die Massen aus Zeiten, in denen es noch kein Internet und kein Privatfernsehen gab.
Eine rühmliche Ausnahme bildet "Die Fledermaus". Bei dieser Operette stimmt einfach alles: Das Textbuch ist witzig und schwungvoll, bewegt sich auf der Ebene einer sehr guten Komödie (woraus das Libretto auch entstanden ist). Die Figuren haben zwar allesamt keinen sonderlichen Tiefgang, sind aber liebevoll gezeichnet und lebensnah und versinken nicht allzu sehr im Klischee und Johann Strauss' Musik erhebt das Werk zusätzlich über all die anderen Operetten (mit Ausnahme einiger weniger anderer Werke), die im 19. und frühen 20. Jahrhundert geradezu in Massenproduktion entstanden. Jede Musiknummer aus der "Fledermaus" ist ein Volltreffer, für die Sänger eine dankbare und nicht zu unterschätzende Aufgabe, und besitzt eine unwiderstehliche Ohrwurmqualität. Zwar war auch der "Fledermaus", wie so vielen anderen Meisterwerken, bei der Uraufführung kein triumphaler Erfolg beschieden (der Börsenkrach 1873 hatte eine Wirtschaftskrise ausgelöst und den Wienern die Feierlaune verdorben), aber das Werk eroberte sich im Laufe der Zeit seinen festen Platz in den Spielplänen, selbst die elitäre Wiener Hofoper nahm es ins Repertoire auf und deklamierte es zur "komischen Oper", um keine Reputation einzubüßen. Wann immer das Publikum erheitert werden soll, eine "Fledermaus" - Inszenierung ist eine sichere Bank.
Eine nicht ganz einfache Aufgabe ist es, eine wirklich gute Aufnahme zu finden. Entweder ersteht man eine Aufnahme mit zwar guten Sängern, aber schwachem Dirigat (ein Placido Domingo beispielsweise sollte sich meiner Meinung nach vom Pult fernhalten), oder man bekommt eine grandiose orchestrale Fassung (wie bei der DG unter Carlos Kleiber) mit sehr diskutabler Sängerauswahl (unwienerischer als Hermann Prey und Julia Varady geht es wohl kaum, über Ivan Rebroff sei der gütige Mantel des Schweigens gebreitet). Diese Probleme hat man mit dieser Einspielung wahrlich nicht. Herbert von Karajan dirigiert die wie immer hervorragenden Wiener Philharmoniker (die das Werk wahrscheinlich auch im Schlaf noch spielen könnten, das aber lobenwerterweise nicht tun) schwungvoll und mit viel Esprit. Das Sängerensemble besteht zum größten Teil aus aufeinander eingespielten Mitgliedern der Wiener Staatsoper, für noch die kleinste Rolle hat man hier die Idealbesetzung gefunden.
Waldemar Kmentt, lange Jahre der lyrische Tenor schlechthin und vom Charakterfach bis zur Operette überall einsetzbar, ist ein hervorragender Eisenstein, der die nicht eben anspruchslose Partie voll ausfüllt. Gesanglich befand er sich im Vollbesitz seiner Kräfte (er war gerade mal 31) und gibt dem Eisenstein sowohl die nötige Arroganz, als auch die Anzüglichkeit, ohne dabei jedoch unsympathisch zu wirken.
Auch die beiden großen Frauenrollen kann man kaum besser besetzen. Hilde Güden war langjähriges Mitglied der Wiener Staatsoper, galt als ideale Mozart - und Strauss (Richard) - Interpretin und war für die Rosalinde geradezu eine ideale Besetzung. Sie wirkt zwar immer nobel und löst die großen Ansprüche der Partie mit Bravour, verliert aber nie die Bodenhaftung, die für die Rolle sehr wichtig ist. Eine große Rosalinde mit viel wienerischer Erdigkeit. Die vorhin von mir geschmähte Erika Köth befand sich zum Zeitpunkt der Aufnahme ebenfalls noch auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit, die koloraturlastige Partie des Stubenmädels mit höheren Ambitionen meistert sie hervorragend, ohne in das gefürchtete Gackern zu verfallen, das sich in späteren Jahren einschlich.
Walter Berry und Eberhard Waechter füllen die Rollen rachsüchtigen Notars Dr. Falke und des fidelen Gefängnisdirektors Frank sowohl schauspielerisch als auch musikalisch voll und ganz aus. Wunderschön vor allem Berrys "Brüderlein und Schwesterlein".
Als Orlofsky gibt es hier keinen abgesungenen Heldentenor oder Möchtegernrussen, wie in einigen anderen Aufnahmen, sondern die große Mezzosopranistin Resgina Resnik zu hören, die die nicht gerade anspruchsvolle, aber wichtige Rolle des zu Tode gelangweilten jungen Milliardärs ausgezeichnet interpretiert.
Komplettiert wird das Ensemble durch Giuseppe Zampieri als feurigem Alfred (ein kleiner Seitenhieb auf Karajans Besetzungspolitik, da er als künstlerischer Leiter der Wiener Staatsoper verstärkt auf Sänger aus dem Mutterland der Oper zurückgriff und die alten Stammkräfte mehr und mehr in den Hintergrund drängte). Daraus erklären sich auch die Abkanzelungen, die sich der italienische Sänger im Gefängnisakt von "Frosch" Erich Kunz, einem Staatsopernmitglied der Stunde Null nach dem 2. Weltkrieg, immer wieder gefallen lassen muss. Kunz überzeugt hier auch als reiner Sprecher, nur mit einer kurzen Gesangseinlage.
Als besonderen Leckerbissen fährt die DECCA während des Festes des Prinzen Orlofsky eine Vielzahl an Stars auf, die man damals unter Vertrag hatte. So kommt man in den Genuß von Kurzauftritten einiger der größten Sänger der damaligen Zeit, unter anderem Ljuba Welitsch, Renata Tebaldi, Leontyne Price, Birgit Nilsson, Joan Sutherland, Jussi Björling, Mario del Monaco und Ettore Bastianini. Besser geht es kaum.
Einen kleinen Wehrmutstropfen gibt es allerdings: Bei der digitalen Überarbeitung scheint einiges schiefgelaufen zu sein, da es noch ein recht deutliches Grundrauschen gibt und dafür die Sängerstimmen recht leise und hallig klingen, woran man sich erst einmal gewöhnen muss.
Trotz dieses Makels: Meiner Meinung nach noch immer die rundeste und lebendigste Fledermaus - Aufnahme auf dem Markt.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 01.02.2014 22:03:03 GMT+01:00
Saarwilly meint:
Nachdem ich diese Rezension gelesen habe, möchte ich doch mal einige Worte der Anerkennung "verlieren".
Ihre Einschätzung teile ich vollkommen. Es gibt kaum eine Einspielung die so "wienerisch" und besetzngshomogen ist. Es ist wirklich eine Sternstunde gewesen, als dieses Gesamtkunstwerk komponiert und auf diese Weise interpretiert wurde.
Die klangtechnische Beurteilung der digitalen Aufnahme kann ich auch nur bestätigen.
Ich besitze zusätzlich noch die analoge Gesamtaufnahme und was der Tonabnehmer dort den Rillen entnimmt und wiedergibt, ist wärmer, musikalischer, transparenter als die Digi-Version. Man fühlt sich als Hörer fast als Mitwirkender - einfach herrlich !
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