Kundenrezension

104 von 112 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "In jedem von uns ist auch ein anderer, den wir nicht kennen." (Carl Gustav Jung), 17. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Inkognito: Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns (Gebundene Ausgabe)
Einst dachten wir, dass sich das ganze Universum um uns dreht. Doch dann mussten wir entdecken, dass wir nur ein unbedeutender Teil eines gigantischen Universums sind. Dann folgten noch viele andere Desillusionierungen. Von der jüngsten berichtet dieses faszinierende Buch. Unser Bewusstsein, so schreibt der Autor, macht nur einen kleinen Teil unserer Gehirntätigkeit aus. Schlimmer noch: Was wir als bewusste Entscheidungen empfinden, erweist sich oft bei näherer Überprüfung als Resultat im Dunkeln liegender Gehirnaktivität, auf die wir keinerlei Zugriff haben.

Eagleman beschreibt in seinem Text die Erkenntnisse von über hundert Jahren neurowissenschaftlicher Forschung ohne dabei wie andere Autoren der Versuchung zu erliegen, uns zu erzählen, welche Gehirnregionen aktiv sind, wenn wir irgendetwas tun. Im Gegenteil, solche Erklärungsversuche empfindet er als Blödsinn, weil er das Gehirn nicht für eine Art lebenden Computer hält, bei dem man nur die entsprechenden Programme finden muss, um es zu verstehen. Unser Gehirn arbeitet viel komplexer und leider auch überraschend anders, als wir uns das vielleicht vorstellen. Und darüber berichtet Eaglemans Buch.

Nachdem er im ersten Kapitel einige solcher Beispiele eindrucksvoll beschrieben hat, kommt er danach zu Sinnestäuschungen. Bei diesem Thema geht es ihm aber nicht darum, seine Leser zu beeindrucken, sondern um die Rolle und das Wechselspiel unserer Sinnesorgane und unseres Gehirns bei unserer Wahrnehmung. Wir sehen beispielsweise, so Eagleman, im Grunde nicht mit unseren Augen, sondern mit unserem Gehirn. Unsere Wahrnehmung funktioniert als Abgleich von eingehenden Daten mit den Erwartungen des Gehirns. So können Blinde, die nach einer Operation ihr Augenlicht zurückgewannen, in der Regel erst einmal nicht begreifen, was sie sehen, weil das Gehirn kein Muster zum Datenabgleich besitzt.

Eagleman interpretiert diesen Datenabgleich als weiterführendes Prinzip und schreibt, dass wir uns unserer Umgebung erst wirklich bewusst werden, wenn die eingehenden Daten unseren Erwartungen widersprechen. Besonders verblüffend sind seine Ausführungen zu unserer zeitlichen Wahrnehmung. Unsere Sinne sind in erheblichem Umfang manipulierbar, ohne dass wir dies wirklich bemerken: "Trauen Sie Ihren Sinnen nicht. Nur weil Sie meinen oder wissen, dass etwas wahr ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es sich tatsächlich so verhält." (S. 62/63)

Im 3. Kapitel ("Geistige Abgründe") befasst sich der Autor danach mit Fähigkeiten, die wir nur durch Beobachten erlernen, aber nicht erklären können. Seine hier angeführten Beispiele zeigen, wie wir mit unserem Unterbewusstsein Vorgänge oder Situationen viel früher und besser verstehen als uns das bewusst jemals gelingen würde.

Anschließend erklärt Eagleman im 4. Kapitel, dass "jedes Gehirn selbst bestimmt, was es wahrnimmt beziehungsweise wahrnehmen kann". Die Wirklichkeit ist also sehr viel subjektiver als gemeinhin angenommen (S.98). Völlig verblüffend ist in diesem Zusammenhang auch die von ihm als Beispiel demonstrierte Tatsache, dass unser Gehirn ein und dasselbe logische Problem unterschiedlich schnell und unterschiedlich gut lösen kann, je nachdem, in welchen Kontext es gestellt wird.

Forschungen zur Entwicklung einer künstlichen Intelligenz stagnieren seit langem. Eagleman verweist in diesem Zusammenhang auf die gewaltige Zahl instinktiver Handlungen intelligenter Lebewesen, hinter denen komplexe Unterprogramme stehen, auf die wir keinen Zugriff haben. Das Gehirn funktioniert eben nicht wie ein Fließband, sondern erweist sich als komplexes System konkurrierender und diskutierender Routinen mit zahlreichen Rückkopplungsschleifen.

Als Beispiel nennt er den erstmals von Kahneman und Tversky experimentell untersuchten Konflikt zwischen dem Drang nach unmittelbarer Belohnung und längerfristigen Interessen. Die im Gehirn offenbar gut funktionierende Mehrparteien-Demokratie hat auch noch den Vorteil, dass sich überschneidende Zuständigkeiten der verschiedenen Untersysteme dem Gehirn eine "kognitive Reserve" verschaffen, mit der Ausfälle kompensiert werden können.

Die Rolle unseres Bewusstseins in diesem System erscheint dagegen eher kläglich. Es wird lediglich hinzugerufen, wenn die verschiedenen Routinen nicht weiter wissen. Im Übrigen gibt unser Bewusstsein auch gerne an, schreibt Eagleman, denn es erfindet im Nachhinein Erklärungsgeschichten für Vorgänge, die es nicht begreift. Eaglemans Beispiele sind entlarvend.

In den letzten Kapiteln kommt der Autor dann ganz zwangsläufig zu ethischen Fragen, denn aus seinen Ausführungen ergibt sich schließlich die Frage, wie verantwortlich wir eigentlich für unser Handeln sind. Und natürlich diskutiert in diesem Zusammenhang auch das Problem des freien Willens. Erstmals hatte Benjamin Libet nachgewiesen, dass relativ lange bevor wir bewusst entscheiden ("Bewegen Sie Ihren Finger, wenn Sie den Impuls dazu verspüren!"), bereits eine Entscheidung physisch messbar ist.

Fazit.
Ein wirklich lehrreiches und die Sichtweise auf uns selbst veränderndes Buch. Es enthält viele eindrucksvolle Beispiele und ist für ein Sachbuch ungewöhnlich spannend geschrieben. Tatsächlich geht sein Inhalt viel tiefer als man das in einer kurzen Rezension beschreiben kann.
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Kommentare

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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 18.02.2012 20:12:30 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 18.02.2012 20:17:46 GMT+01:00
Huck Finn meint:
Das ist alles schön und gut, aber nicht neu (allenfalls für Descartes-Anhänger). Ist alles in der Philosophie bzw. der Psychoanalyse seit langem diskutiert worden. Nun erfinden die Neurologen das Rad neu. Die fügen dann aber ihre unsägliche Gehirnmythologie ("das Gehirn") dazu. Das (isolierte) Gehirn hat offenbar das cartesianische Ich beerbt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.02.2012 10:18:29 GMT+01:00
Vermutlich haben Sie das Buch nicht gelesen. Das angeblich bereits erfundene Rad, von dem Sie reden, kann es noch gar nicht gegeben haben. Vermutungen und philosophische Diskussionen sind qualitativ eine völlig andere Sache als wissenschaftliche Untersuchungen und gesicherte Kenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.02.2012 11:09:56 GMT+01:00
Vermutlich haben Sie auch nicht Descartes gelesen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.02.2012 12:22:06 GMT+01:00
Wenn Descartes schreibt, dass man seinen Wahrnehmungen nicht trauen sollte, weil der Körper oder der Geist bereits konditioniert sein könnten, dann war das eine reine Vermutung. Inzwischen kann man messbar beweisen, dass dies so ist. Und diese Erkenntnisse gehen in ihrer Konkretheit weit über allgemeine Vermutungen oder philosophische Axiome hinaus.

Man kann es als lustig oder je nach Stimmungslage auch als anmaßend empfinden, wenn die Ergebnisse der Neurowissenschaften als nicht neu im Verhältnis zu Vermutungen bezeichnet werden, die mehrere hundert Jahre zurückliegen.
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