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5.0 von 5 Sternen Nicht nur Kommen, Sehen und Siegen, 2. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: GEO Epoche 50/11: Rom - Die Geschichte der Republik 500 v. Chr, - 27 v. Chr. (Broschiert)
Rom - das ist für denjenigen, der noch in den 80er Jahren Lateinunterricht genossen hat, eine eher verwirrende, manchmal auch ermüdende Geschichte, die in erster Linie aus Feldzügen, großen Männern an der Spitze großer Armeen und aus Kriegen, die durch die lateinischen Texte dermaßen gefiltert waren, daß man das Geschrei der abgeschlachteten Männer und der erbarmungslos niedergemetzelten oder auch - Caesar ist ja ein gutes Beispiel dafür - ausgehungerten Frauen und Kinder, all die unangenehmen, gemeinhin unter den Tisch fallenden Begleiterscheinungen großer Taten eben, nicht mehr wahrnahm. Wir im Lateinunterricht nannten diese Art der Geschichtsbetrachtung damals res gestae und deklinierten sie nicht selten mit eben so großer Mühe, wie sie uns durch ihre Lektüre abverlangt wurde.

Das GEO-Epoche-Heft Nr.50, "Rom. Die Geschichte der Republik: 500 v. Chr. - 27 v. Chr.", beschränkt sich glücklicherweise nicht auf die res gestae, die aus einem Caesar einen mit Milde handelnden Staatsman und aus einem Octavian einen Erhabenen machen, während beide doch nur selbstsüchtige Massenmörder waren - der eine sogar noch mehr von einem hohlen Ehrbegriff und schalem Ruhmdurst getrieben als der andere. Nein, dieses Heft nimmt nicht nur die Taten einzelner in den Blick, sondern versucht auch, sie in den weiteren kulturellen und sozioökonomischen Kontext einzubetten, um ein ihnen angemessenes Verständnis zu ermöglichen.

So wird beispielsweise von Martin Paetsch in dem Artikel "Die Geburt einer Weltmacht" anschaulich dargestellt, wie sich aus einer unscheinbaren und ärmlichen Siedlung auf den Tiberhügeln nach und nach die antike Macht Rom entwickelte, die sich zunächst einmal ihre unmittelbaren Nachbarn und dann einen Großteil der Mittelmeerwelt unterwarf. Paetsch führt aus, daß die Triebfeder des Handelns eines typischen Angehörigen der damaligen Oberschicht im Streben nach Ruhm und Anerkennung lag, daß also die Expansion weniger einem Gefühl der Bedrohung von außen oder dem Erwerb von Ressourcen, sondern vielmehr einer Art institutionalisiertem Wettbewerb der Eitelkeiten geschuldet war. Dieser Punkt scheint ein roter Faden in der vorliegenden GEO-Epoche zu sein, denn ob nun Sulla (vgl. den Beitrag von Insa Bethke) oder Caesar (vgl. Jörg-Uwe Albig) oder Octavian (vgl. Johannes Strempel) - jeder dieser vermeintlich großen Männer wurde von persönlichem Ehrgeiz umgetrieben, dem er ohne großes Federlesen das Wohl und Wehe ganzer Völkerscharen unterordnete, und im Falle Caesars wirkt dieser Umstand um so scheußlicher als er wirklich keinerlei über seine persönliche Ruhmsucht hinausgehenden politischen Zielsetzungen hatte. Rhetorische Frage an meine alte Lateinlehrerin, die ich wirklich sehr schätzte: Gibt es immer noch Lateinbücher, auf denen das Bild dieses soziopathischen, völkermordenden Egomanen prangt?

Sind vor allem die letzten Artikel, wie die obige Aufzählung gezeigt hat, eher personenzentriert - Mathias Mesenhöllers Darstellung Ciceros wäre noch hinzuzufügen -, so erfahren wir dennoch viel über die Struktur der römischen Republik, und dies nicht nur im Zusammenhang mit den Taten grober Männer. So befaßt sich Johannes Schneider im Beitrag "Wasser für Rom" mit dem Bau von Aquädukten und den Errungenschaft der römischen Ingenieurskunst, die zwar kaum je mit bahnbrechenden Erfindungen aufwartete, ihre Größe jedoch darin zeigte, daß sie vortrefflich in der Lage war, Technologien anderer Völker aufzugreifen und zu verbessern.

Aber nicht nur die technischen Errungenschaften anderer Völker wurden rezipiert und römischen Bedürfnissen angepaßt. Ähnlich erging es auch den Göttern der von Rom unterworfenen Kulturen. Gesa Gottschalk zeigt in ihrem Beitrag über den Bacchus-Kult, was geschehen konnte, wenn eine solche Adaption schiefging und aus dem Ruder zu laufen drohte. Die sozialen Ungerechtigkeiten, die im Laufe der Zeit entstanden und die in der späteren Zeit der Republik auch dazu führen sollten, daß sich einfache Soldaten durch unbedingte Loyalität gegenüber ihrem Imperator noch am ehesten ein persönliches Auskommen erhoffen konnten, was wiederum Tür und Tor für Staatsstreiche öffnete, werden unter anderem in Ralf Berhorsts Artikel "Zwei Brüder gegen den Senat" in den Blick genommen, in dem es um die Gracchen geht, deren politisches Engagement zum Teil eben auch persönlichem Machtkalkül entsprochen haben dürfte.

Wie diese Beispiele zeigen, wartet GEO-Epoche Nr. 50 mit einer Fülle an Informationen auf - so darf beispielsweise natürlich auch die epochale Auseinandersetzung mit Karthago nicht fehlen -, die u.a. durch einen kurzen Überblick über die wichtigsten römischen Ämter ergänzt werden. Sympathischer sind mir die Römer auch nach der Lektüre dieses Heftes nicht geworden, aber ich kann nun besser verstehen, warum gerade diese Stadt die Geschicke der antiken Welt in solch maßgeblicher Weise bestimmen und warum sie schließlich ins Chaos sinken sollte.
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