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Im Strudel des Romans untergegangen und ein netter Zufall, 2. Januar 2005
Rezension bezieht sich auf: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. SZ-Bibliothek Band 26 (Gebundene Ausgabe)
Auf der Rückseite jedes Buches der alles in allem beachtlichen Reihe der Süddeutschen Zeitung steht „50 große Romane des 20. Jahrhunderts". Nun ist die Definition des Begriffes „Roman" nicht ganz leicht. Meine ganz persönliche Definition wäre gewesen, dass mir ein Roman entweder eine Geschichte erzählt, wie das die allermeisten Romanciers zu tun pflegen, oder aber eine Botschaft übermittelt, eine Aussage trifft, selbst wenn die Geschichte, die Handlung auf ein Minimum reduziert ist. (Wie bei Samuel Beckett beispielsweise.) Beides vermag der Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" nicht zu tun. Ich war geneigt, ihm die Zugehörigkeit zur Gattung Roman zu versagen. Nun las ich im Brockhaus die Definition für einen „Roman" nach und lese: „Der Roman zeigt, im Gegensatz zum Epos, mehr die individuell gestaltete Einzelpersönlichkeit, die einer problematisch gewordenen Welt gegenübertritt." Das wiederum trifft auf Rilkes Werk zu. Dennoch: Eine bis aufs Äußerste reduzierte Handlung und keine für mich erkennbare Aussage oder Botschaft, bis auf das Deutlichmachen des Aufeinanderprallens eines Individuums, Malte Laurids Brigge, mit einer problematisch gewordenen Welt, Paris , macht das Lesen eher zur Arbeit als zum Vergnügen. Im Kommentar zu diesem Buch auf dem Umschlag steht: „Bald droht der übergenaue Beobachter im besinnungslosen Strudel der Großstadt unterzugehen." Ich muss gestehen , dass in meinem Fall der Leser im besinnungslosen Strudel des Romans untergegangen ist. Warum drei Sterne? Zum einen ist die Sprache Rilkes großartig. Auch wenn man, aufgrund des fehlenden Handlungsstrangs sich von Satz zu Satz hangeln muss. Man entdeckt brillante Formulierungen und Begriffe, wie man vielleicht an folgenden Beispielen sehen kann: - „... aber ich überhübe mich, wollte ich ihnen gleich sein", welch ein Konjunktiv; - „Dann leuchtete einer vor, und da erst entdeckten sie die jäsige Wunde auf seiner Brust, in die das eiserne Amulett eingesunken war, ...; nun stand es tief in ihm, fürchterlich kostbar, in einem Perlensaum von Eiter wie ein wunderbarer Rest in der Mulde des Reliquärs." - „Und er zweifelte nicht, dass sie atemlos waren und von derselben weiten Erwartung, wie sie einmal ihn an jenem jünglinglichen Jagdtag überfiel, als das stille Gesicht, äugend, aus den Zweigen trat. Zum anderen ist mir eine sehr amüsante Geschichte passiert. Jeder kann sich einmal fragen, wie oft sie oder er in einem Roman eine längere Beschreibung eines anderen Romans gelesen hat. Ich kann mich nicht an einen Fall erinnern. Nun begann ich den Rilke zu lesen, legte ihn aufgrund der beschriebenen Schwierigkeiten zur Seite und las Louis Begleys „Der Mann, der zu spät kam". Und ab Seite 94 beginnt mit dem Satz „Und wieder einmal las er die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge." Und dann beginnt eine ausführliche Reminiszenz genau an das Buch, das ich verzweifelt unterbrochen hatte. Dieser vergnügliche Zufall ist einen weiteren Stern wert.
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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. SZ-Bibliothek Band 26 3937793275
Rainer Maria Rilke
Süddeutsche Zeitung / Bibliothek
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. SZ-Bibliothek Band 26
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Im Strudel des Romans untergegangen und ein netter Zufall
Auf der Rückseite jedes Buches der alles in allem beachtlichen Reihe der Süddeutschen Zeitung steht „50 große Romane des 20. Jahrhunderts". Nun ist die Definition des Begriffes „Roman" nicht ganz leicht. Meine ganz persönliche Definition wäre gewesen, dass mir ein Roman entweder eine Geschichte erzählt, wie das die allermeisten Romanciers zu tun pflegen, oder aber eine Botschaft übermittelt, eine Aussage trifft, selbst wenn die Geschichte, die Handlung auf ein Minimum reduziert ist. (Wie bei Samuel Beckett beispielsweise.)
Beides vermag der Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" nicht zu tun. Ich war geneigt, ihm die Zugehörigkeit zur Gattung Roman zu versagen. Nun las ich im Brockhaus die Definition für einen „Roman" nach und lese: „Der Roman zeigt, im Gegensatz zum Epos, mehr die individuell gestaltete Einzelpersönlichkeit, die einer problematisch gewordenen Welt gegenübertritt." Das wiederum trifft auf Rilkes Werk zu.
Dennoch: Eine bis aufs Äußerste reduzierte Handlung und keine für mich erkennbare Aussage oder Botschaft, bis auf das Deutlichmachen des Aufeinanderprallens eines Individuums, Malte Laurids Brigge, mit einer problematisch gewordenen Welt, Paris , macht das Lesen eher zur Arbeit als zum Vergnügen. Im Kommentar zu diesem Buch auf dem Umschlag steht: „Bald droht der übergenaue Beobachter im besinnungslosen Strudel der Großstadt unterzugehen." Ich muss gestehen , dass in meinem Fall der Leser im besinnungslosen Strudel des Romans untergegangen ist.
Warum drei Sterne? Zum einen ist die Sprache Rilkes großartig. Auch wenn man, aufgrund des fehlenden Handlungsstrangs sich von Satz zu Satz hangeln muss. Man entdeckt brillante Formulierungen und Begriffe, wie man vielleicht an folgenden Beispielen sehen kann: - „... aber ich überhübe mich, wollte ich ihnen gleich sein", welch ein Konjunktiv; - „Dann leuchtete einer vor, und da erst entdeckten sie die jäsige Wunde auf seiner Brust, in die das eiserne Amulett eingesunken war, ...; nun stand es tief in ihm, fürchterlich kostbar, in einem Perlensaum von Eiter wie ein wunderbarer Rest in der Mulde des Reliquärs." - „Und er zweifelte nicht, dass sie atemlos waren und von derselben weiten Erwartung, wie sie einmal ihn an jenem jünglinglichen Jagdtag überfiel, als das stille Gesicht, äugend, aus den Zweigen trat. Zum anderen ist mir eine sehr amüsante Geschichte passiert. Jeder kann sich einmal fragen, wie oft sie oder er in einem Roman eine längere Beschreibung eines anderen Romans gelesen hat. Ich kann mich nicht an einen Fall erinnern. Nun begann ich den Rilke zu lesen, legte ihn aufgrund der beschriebenen Schwierigkeiten zur Seite und las Louis Begleys „Der Mann, der zu spät kam". Und ab Seite 94 beginnt mit dem Satz „Und wieder einmal las er die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge." Und dann beginnt eine ausführliche Reminiszenz genau an das Buch, das ich verzweifelt unterbrochen hatte. Dieser vergnügliche Zufall ist einen weiteren Stern wert.
Th. Leibfried
2. Januar 2005
- Insgesamt:
5

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Ort: Deutschland
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