Kundenrezension

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4.0 von 5 Sternen Warum noch ein Buch über das Kapital?, 26. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Sieg des Kapitals: Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen (Gebundene Ausgabe)
„Warum noch ein Buch über das Kapital?“ Mit dieser Frage begann Ulrike Herrmann kürzlich eine Präsentation ihres Buches, der ich beiwohnte. Dieser Einstieg bestätigte meine ursprüngliche Skepsis, denn ich hatte schon meine Zweifel, ob es angesichts der Flut von Büchern über den Kapitalismus und seine Krisen noch irgendetwas Neues zu sagen gibt. Und in der Tat hat mich die Autorin in ihrem knapp 40-minütigen Vortrag auch weniger mit frischen Inhalten zum Kauf des Buches verleitet als vielmehr durch ihre Gabe, komplexe Sachverhalte einfach, aber im Kern richtig und prononciert darzustellen.

In Teil I beschreibt Ulrike Herrmann warum der Kapitalismus gerade in England Ende des 18. Jahrhunderts entstand, nicht aber im römischen Reich, obwohl es dort auch schon Geld und Fernhandel gab. Das haben schon unzählige Historiker vor ihr getan, z.B. David Landes in „Wohlstand und Armut der Nationen“ und wer sein Buch gelesen hat, findet im ersten Teil von „Der Sieg des Kapitals“ wenig Neues. Auch dass Deutschland (ähnlich wie übrigens die USA) im 19. Jahrhundert plagiiert und kopiert hat wie ein Weltmeister, ist bekannt. Da dies die heute führenden Industrieländer aber nicht wahrhaben wollen und den Entwicklungsländern dieser Aufholweg vor allem durch das Patentrecht und Recht auf geistiges Eigentum verwehrt ist, schadet es angesichts des China-Bashings nichts, diesen Punkt zu betonen.

Die in Teil II beschrieben Irrtümer über das Kapital sind ebenfalls ein alter Hut. Ja: Märkte gab es Jahrtausende bevor der Kapitalismus entstand, die Globalisierung ist nicht neu und Kapitalismus ist nicht das Gegenstück zum Staat – ganz im Gegenteil, er benötigt ihn zu seiner Entfaltung. Wer nicht zum ersten Mal ein Buch über Wirtschaftsgeschichte zur Hand nimmt, erfährt in den ersten beiden Teilen wenig Neues. Alle anderen erhalten aber eine kurze, erhellende und wohlfundierte Einführung in den Kapitalismus.

In Teil III lernt man vieles über den Zusammenhang von Geld und Kapital, was durchaus nicht das Gleiche ist. Das wissen zwar die Ökonomen, die meisten Nichtökonomen tappen hier aber ziemlich im Dunklen. Der Autorin gelingt eine knappe und dennoch verständliche Darstellung dieser komplexen Zusammenhänge, auch wenn ich ihre Meinung nicht teile, dass das "Wunder von Wörgel" nichts mit dem in der Gemeinde verwendetet "Schwundgeld" zu tun hat. Denn die monatlich stattfindende automatische Abwertung der Geldscheine machte das Sparen unattraktiv und um sie zu verhindern, musste das Geld entweder ausgegeben werden (und so den Wirtschaftskreislauf ankurbeln) oder durch eine zu kaufende Wertmarke vor der Entwertung gerettet werden (was aber die Kosten der Geldhaltung erhöht).

Die immer wiederkehrenden Krisen des Kapitalismus und ihre Ursachen und Auslöser beschreibt Ulrike Herrmann in Teil IV. Mit Ausnahme des Kapitels 18 zur Eurokrise steht auch hier nichts, was nicht schon in anderen Büchern ausführlich erörtert wurde.
Interessant - und in dieser Form noch kaum verbreitet - ist ihre Interpretation der Eurokrise, die für die Autorin eigentlich aus vier Krisen besteht:
1. Die Staatsschuldenkrise, vor allem der Länder Griechenland, Portugal, Spanien Italien und Irland.
2. Die Ansteckungskrise, die sich aus der Fehlkonstruktion der Eurozone ergibt, eine Währung aber 17 verschiedene Staatsanleihen zu haben.
3. Die auf der Agenda 2010 basierende, von Deutschland ausgehende Wettbewerbskrise, das mit seiner Politik des Nullwachstums bei den Reallöhnen einen Wettbewerbsvorteil auf den Auslandsmärkten erreicht und somit durch seine Exportüberschüsse die Staatsverschuldung der anderen Eurostaaten mitverursacht.
4. Die Managementkrise des Euro, die darin besteht, dass die Politiker eine Reihe von dramatischen Fehlentscheidungen getroffen haben.

Nach so vielen Krisen muss sich der Ausblick natürlich mit der Frage beschäftigen, ob der Kapitalismus eine Überlebenschance hat und wenn ja, in welcher Form. Für Ulrike Herrmann ist es wahrscheinlich, „dass der Kapitalismus an den Umweltproblemen scheitert, die er selbst erzeugt.“ Was nach ihm kommt, weiß noch niemand. Denn: „Wo der Mensch ist, ist das Ende offen.“

Insgesamt ist „Der Sieg des Kapitals“ sicher kein innovatives Buch, sondern eine auch für Laien gut nachvollziehbare Geschichte der Entstehung des Kapitalismus, Irrtümer über ihn und die von ihm verursachten Krisen, was aus meiner Sicht vier Sterne rechtfertigt.
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