Kundenrezension

23 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einblick in die Weite improvisatorischer Möglichkeiten, 18. Juli 2006
Rezension bezieht sich auf: The Köln Concert (Audio CD)
Wer wäre nicht gern dabei gewesen am Abend des 24. Januar 1975 in der Kölner Oper, als sich Keith Jarrett zu diesem unvergesslichen Konzert ans Piano setzte?! Bereits im März und im Juli 1973 hatte Jarrett mit einzigartigen Solo-Konzerten in Bremen und Lausanne von sich reden gemacht, doch die hier eingespielten Improvisationen stießen den Hörern die Tür auf zu der ungeahnten Weite seiner immensen musikalischen Möglichkeiten.

Die Einteilung in vier Stücke folgt dem damals gebräuchlichen Format einer Doppel-LP und ich erinnere mich, dass dieses Album in meiner Umgebung während der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre eine große Verbreitung fand. Obwohl die CD der Vinylpressung eigentlich nicht nachsteht, habe ich mir die beiden Langspielplatten in dem mittlerweile sehr vergilbten Cover gut aufgehoben, weil ich das erste Stück eben doch gern ab und zu von der Platte höre.

Über dem ganzen Konzert liegt eine große Ernsthaftigkeit, so als seien sich alle Anwesenden dem Heraufziehen einer neuen Ära des Jazz bewusst. Tatsächlich war es aber wohl eher so, dass kaum jemand geahnt hat, was die Aufnahme dieses Konzertes auslösen würde und viele Versuche anderer Künstler, an Keith Jarretts verdienten Erfolg anzuknüpfen, mussten selbstverständlich vor seiner kraftvollen Virtuosität verblassen. Die überwältigenden Beifallsstürme nach jedem Stück zeigen an, mit welcher Konzentration und innerer Beteiligung die Konzertbesucher dem Pianisten gefolgt sind.

Auch nach etwa dreißig Jahren liegt für mich immer wieder ein eigenartiger Reiz darin, dem Künstler zuzuhören wie er ein Thema setzt, Töne gruppiert, eine Melodie-Linie anklingen lässt, sie verwirft oder entwickelt, lebhaft steigert, in der Abstraktion verliert, wieder aufgreift und weiterführt. Doch Keith Jarretts leidenschaftliche, intensive Improvisationen entziehen sich den Worten. Man muss ihm zuhören und ist dann überrascht von seiner Lebendigkeit.

Für viele markiert dieser Konzertmitschnitt ihren Zugang zum Jazz. Die Einflüsse von vielerlei Genres sind nicht zu verkennen - kein solches Werk ereignet sich so zu sagen im geschichtsfreien Raum - doch muss man sagen, niemand zuvor hat in gleicher Weise Piano gespielt. Darin liegt meiner Ansicht nach der Grund für die anhaltende Beliebtheit von "The Köln Concert".

Wenn ich mich recht entsinne, war dies die erste Produktion aus dem Hause ECM, welche eine solch große Aufmerksamkeit unter Musikfreunden gefunden hat. Es ist das unschätzbare Verdienst Manfred Eichers, mit seiner "Edition of Contemporary Music" die Arbeit vieler großer Künstler, die sich hergebrachtem Sparten-Denken weitgehend entziehen, in aller Welt bekannt und zugänglich gemacht zu haben. Seine ECM-Recordings haben die Aufnahmegeschichte des europäischen Jazz seit den Siebziger- und Achtzigerjahrensind in ganz besonderer Weise geprägt.

Das von Eicher verfolgte Klangideal wurde später einmal als "most beautiful sound next to silence" bezeichnet. Jenseits des gängigen Jazz-Sounds schuf er mit seinen einzigartigen Veröffentlichungen ein transparentes, eher minimalistisches Klangbild. Limitierte Finanzen mögen dazu beigetragen haben, dass Eicher sich dieserhalb vor allem nach jungen, hoffnungsvollen Talenten umtat. So gewann er neben dem Pianisten Keith Jarrett schon früh den für seine sehr elegischen Kompositionen bekannten Saxofonisten Jan Garbarek für seine Firma. Beide garantieren mit ihrem puristischen Klang bis in die Gegenwart für die Unverwechselbarkeit des Labels.

Heute sehr bekannte Künstler wie Pat Metheny, Gary Burton, Chick Corea, Egberto Gismonti und Ralph Towner reiften unter Manfred Eichers Ägide zu stilprägenden Instrumentalisten ihrer Generation heran. Dabei verstand er es stets, den Musikern sehr viel Freiraum zu lassen und sie zugleich in das klangliche Gesamtkonzept seines Labels zu integrieren. Musiker, die sich von ECM trennten, brauchten meist einige Zeit, bis sie an ihre früheren Erfolge anknüpfen konnten. Was die Entdeckung und Förderung junger Künstler anbelangt, haben inzwischen andere Firmen ECM den Rang abgelaufen. Manfred Eicher ist es jedoch gelungen, sich mit seinem Label auch im Bereich der Klassik zu etablieren und auch hier Aufnahmen von außerordentlich hohem klanglichen Niveau anzubieten.
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Kommentare


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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 04.10.2009 15:50:04 GMT+02:00
Glenn Silber meint:
"Wenn ich mich recht entsinne, war dies die erste Produktion aus dem Hause ECM." - Hmm, warum trägt die Scheibe nur die Nummer 64/65...?! Zum Zeitpunkt der Aufnahmen gab es die Firma ECM bereits über fünf Jahre!
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Ort: Bremen, Deutschland

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