Kundenrezension

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Lachen bleibt einem im Halse stecken, 18. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Moderne Zeiten (DVD)
1935/36 unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und der Massenproduktion im Zeichen des Taylorismus gedreht, entwirft "Moderne Zeiten" ein Bild von einer Welt, in der der Mensch mehr und mehr zum Rädchen einer unbarmherzigen und technokratischen Gesellschaft wird. Ich persönlich halte "Moderne Zeiten" neben "Der große Diktator" für den besten Chaplin-Film.

Die Geschichte ist einfach: Der kleine Tramp arbeitet in einer Fabrik inmitten grotesk anmutender Maschinen, wobei gar nicht deutlich wird, was dort eigentlich hergestellt wird. Als er eine Maschine ausprobieren soll, mit der den Arbeitern zum Zwecke der Produktionssteigerung in einer Viertelstunde ihr Mittagessen eingeflößt werden kann - Taylorismus in Reinkultur - erleidet er einen Nervenzusammenbruch und wird entlassen. Zu allem Überfluß hält man ihn aufgrund eines absurden Zwischenfalls für einen kommunistischen Agitator und sperrt ihn ins Gefängnis. Nachdem er wieder auf freien Fuß gesetzt worden ist, verbindet sich sein Schicksal mit dem eines jungen Mädchens (Paulette Goddard, Chaplins damalige Ehefrau - ich hätte sie auch geheiratet), das in den Wirren der Wirtschaftkrise seine Familie verloren hat. Zwar finden beide Arbeit in einem Restaurant, doch wird das Mädchen dort von seinem gesetzlichen Vormund aufgespürt, und sie und der kleine Tramp müssen wieder hinaus, um einer verheißungsvollen, aber ungewissen Zukunft entgegenzusteuern.

Dieser Film ist eine bittere Satire auf die Verdinglichung des Menschen durch den Kapitalismus. Während des Vorspannes sehen wir lediglich eine große Uhr, eines der effektivsten Sozialdisziplinierungsinstrumente der Neuzeit, eingeblendet, und auch ein kurzer Schnitt auf eine Schafherde, kurz bevor wir die Menschen zur Arbeit strömen sehen, zeigt, wohin die Reise geht. Diese Szene dürfte auch die Macher der Simpsons zur ersten Folge der zweiten Staffel inspiriert haben, in der wir Homer - als einzigen in einem rosa Hemd gekleidet - inmitten einer Herde von Weißhemden auf dem Weg zur Arbeit sehen, kurz bevor er von einer Überwachungskamera herausgepickt und von seinem Chef ins Irrenhaus verfrachtet wird. In Chaplins Vision der Maschinenwelt sind die Fließbänder und Maschinen übermächtige Wesen, die Arbeitstempo und -bewegungen vorgeben und die Menschen zu gedankenlosen Zombies machen. Als der kleine Tramp an den unmenschlichen Bedingungen seiner Arbeitswelt irre wird, weist man ihn ebenfalls in eine Nervenheilanstalt ein - hier finden wir die Medizin als eine Institution, mit deren Hilfe abweichendes Verhalten und Besinnung auf die ureigensten menschlichen Bedürfnisse pathologisiert und im schlimmsten Falle "geheilt" werden.

Auch die Polizei ist allgegenwärtig - ich kann gar nicht zählen, wie oft der kleine Tramp in diesem Film in die Grüne Minna gepfercht wird -, denn der Widerstand gegen die Erfordernisse der modernen Welt muss gebrochen werden. Kaum haben sich der Tramp und das Mädchen einmal an den Straßenrand gesetzt und von einer kleinen Zukunft zu träumen begonnen, taucht hinter ihnen auch schon dräuend ein Polizist auf, und die beiden suchen instinktiv das Weite.

Man weiß nicht, was schlimmer ist: Arbeitslosigkeit oder die Arbeit in den Fabriken, in denen in diesem Film immer wieder Menschen durch kaltes mechanisches Räderwerk gedreht werden, und nur das Ende, eine weite Straße unter freiem Himmel, lässt schließlich Erleichterung aufkommen.

Das alles ist übertrieben? Wer einmal beobachtet hat, mit welcher Selbstverständlichkeit wir im Schnellrestaurant unser Tablett zurückbringen oder brav eine Pfandflasche nach der anderen in meist defekte Automaten einführen oder im Supermarkt unsere Einkäufe selbst an der Kasse einscannen, der weiß, wie perfekt wir bereits diszipliniert und dressiert worden sind. Damit erleichtern wir anderen Menschen ihre Arbeit? Nein, damit nehmen wir anderen Menschen ihre Arbeit weg. Damit sparen wir Zeit und Geld? Vielleicht, aber wozu nutzen wir diese mickrigen Sekunden, und die paar Cent, um die wir unsere Einkäufe billiger haben, fehlen tausendfach am Ende jenen, deren Arbeitsstellen durch besagte Mechanismen wegrationalisiert wurden.

Trotz des ernsten Hintergrunds von "Moderne Zeiten" enthält der Streifen einige der besten Chaplin-Szenen, etwa das von ihm dargebrachte Kauderwelschlied - eine Satire auf den Tonfilm - und die Gefängnisszene, in der der kleine Tramp zum unfreiwilligen Drogenkonsumenten wird. Auch leidet der Film nicht unter der mir perönlich an Chaplin so oft missfallenden zuckrigen Rührseligkeit blinder Blumenmädchen.

Kurz gesagt: "Moderne Zeiten" ist eine moderne Satire, in der Chaplin seine wahre Größe zeigt.
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Kommentare


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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 29.09.2009 09:01:46 GMT+02:00
Ein atemberaubender Film und eine atemberaubende Analyse des Rezensenten!!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.08.2010 10:59:30 GMT+02:00
Norbert R. meint:
Ich finde die Rezension schon zu lang,
(wie auch eine weitere unten)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.08.2010 00:17:56 GMT+02:00
@ Norbi Waldtier:

Den Schuh, den Sie mir da hingestellt haben, muß ich mir als eine Maßanfertigung zweifellos anziehen, denn meine Rezensionen geraten oft ein wenig länger - da haben Sie recht.

Ein Wort der Erklärung sei mir aber gestattet: Zum einen glaube ich, mit etwas detaillierteren Ausführungen mehr über einen Film sagen zu können, als wenn ich nur mit Schlagworten mein Geschmacksurteil skizziere. Nun könnten Sie entgegnen, ich solle dann eben lernen, kurz und dennoch differenziert zu schreiben. Zum anderen, und das wäre dann mein Gegenargument, habe ich einfach Spaß daran, einen Film, den ich schätze, ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen und dabei die Pferde mit mir durchgehen zu lassen. Würde ich mich mehr in Richtung Kürze disziplinieren, so würde mir der Spaß an der Sache fehlen, und ich denke, daß dadurch dann meine Rezensionen leiden würden.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen meinen Standpunkt klar machen. Übrigens finde ich es nett von Ihnen, daß Sie meine Rezension nicht wegen ihrer Lange negativ geklickt haben.

Beste Grüße, T.S.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.08.2014 13:30:38 GMT+02:00
muvimaker meint:
Guter Mann, dann lesen Sie sie eben nicht. Sie können ja auch nicht "Krieg und Frieden" auf 50 Seiten reduzieren, nur weil es Ihnen zu lang ist.
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