Kundenrezension

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Albtraum-Klänge zu christlichen Rand-Themen, 24. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Ceremony (Audio CD)
Pierre Henry hatte Mitte der Sechziger Jahre einige erfolgreiche Platten wie "Messe pour le temps présent" gemacht hatte, sich aber 1968 mit der albtraumhaften Synthesizer-Vertonung der "Apokalypse des Johannes" in ein künstlerisches Ausseits manövriert.

Solcherlei Infos über Pierre Henry war offenbar der Aufmerksamkeit der aufstrebenden Band "Spooky Tooth" entgangen. "Spooky Tooth" hatte wenige Monate vorher ihr bestes und bis heute erfolgreichstes Album "Spooky Two" aufgenommen, das die besten Elemente von ELP und Uriah Heep in einem stark keyboardlastigen Sound zwischen Heavy, Choral und Melancholie vereinigte.

Doch wer mit dieser "Two"-Erwartung "Ceremony" erwarb, erlebte eine böse Überraschung und wurde nachhaltig von den schrägen Klängen um ausschliesslich christliche Rand-Themen verwirrt. Die Band hatte scheinbar nicht in "Apocalypse de Jean" reingehört. Ein Mammutwerk, wo Henry in vielen Stunden Vinyl das letzte Kapitel der Bibel mit ungeniessbaren hyper-experimentellen Synthesizerklängen in Französisch vorlas, selbst Stockhausen hört sich dagegen wie Hitparade an. Und Henry kannte dieses (selten gelesene) neutestamentarische Randthema des Johannes auch sehr genau, im Gegensatz zu Spooky Tooth, welche sich vorher offenbar etwas zugängliches wie "My sweet Lord" (Jesus-Rock war gerade in) vorstellten.

Offenbar ist die Klassik, der Jazz und moderne Avantgarde doch um einiges experimentierfreudiger und mutiger als selbst progressive Bands des Rock wie Spooky Tooth. Und Pierre Henry hatte diesen Mut, in Auftrag von Radiosendern, Kirchen oder Fernsehen ganz unkommerzielle Dinge zu liefern, die sich als LPs nicht verkaufen liesen. Er wollte nur seine momentanen Vorstellungen durchsetzen, Kommerzialität war ihm offenbar völlig egal.
Doch nicht die Rockmusik, deren Plattenfirmen auch im Falle Frank Zappa oder Pink Floyd sehr nach Verkäuflichkeit orientiert sind, Anspruch hin - Anspruch her.

Mit "Ceremony" zerstörten "Spooky Tooth" sich eine weitere Karriere, da die Platte fast überall negativ aufgenommen wurde. Sie wurde lediglich Kult in oberflächlichen Drogenkreisen, wo sie als Höllen-Trip galt.

In Frankreich war man besonders in kirchlichen Kreisen gespannt auf das Resultat von "Ceremony". Pierre Henry verkehrte oft in geistlichen Kreisen. Es herrschte in der katholischen Kirche der Sechziger durchaus eine Aufgeschlossenheit gegenüber neuer Musik und neuer Kunst:

Aber als Papst Paul VI. "Ceremony" anhörte, war er entsetzt. Ebenfalls geistliche Orden von Mönchen und Nonnen, denen Pierre Henry je ein Exemplar zukommen lies. Die ganze Platte hindurch herrscht eine beängstigende Atmosphäre, die ich bisher erst einmal in der Gesamtheit durchgestanden hatte.
Besonders erschreckend hört sich "Jubilation" an. Obwohl sowohl Pierre Henry wie Spooky Tooth eigentlich niemandem übel gesinnt waren und die Texte streng katholische Gebete wie das "Vater Unser" etc. rezitierten. Die unterschiedlichen Elemente der Avantgarde-Elektronik von Pierre Henry und die orgellastige Musik von Spooky Tooth passten irgendwie nicht zusammen, auch Pierre Henry war von dem Resultat mit dem abstossenden Nagel-Cover alles andere als angetan. Selbst wenn "Ceremony" einsam alllein ein (unbeachtetetes) sehr schönes Juwel mit "Prayer" aufwies, das in die "Best Of" von Spooky Tooth integriert werden sollte. Der Rest ist schlicht ungeniessbar mit elektronischen Schreien, Wimmern und den Hammer-Nägelgeräuschen der Kreuzigung. Heute dürfte die Platte das Interesse der Gothik-Welle haben, die solch ein mutiges Werk meines Wissens noch nicht annähernd abgeliefert hat ...

Aber drei Sterne dennoch wegen des schönen langen Songs "Prayer" und den (in Rock-Kreisen seltenen) Mut, ein christliches Thema experimentell anzugehen. Spooky Tooth und Pierre Henry waren leider zwei Elemente, die gut für sich alleine sind, aber nicht zusammenpassten. Anmerkung: wer ein totales Schockerlebnis möchte, der höre mal in "Apokalypse de Jean" von Pierre Henry rein, dagegen klingt sogar "Ceremony" noch zugänglich.

Wem das religiöse Thema allgemein zusagt: Weitaus zugänglicher ist "Mass in F-Minor" von den Electric Prunes, ein christlicher Psychedelic Klassiker, der auch in "Easy Rider" als Soundtrack verwendet wurde.
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