Kundenrezension

62 von 72 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Blue Moon (reine Filmrezension), 7. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Blue jasmine [FR Import] (DVD)
Now, I'm no longer alone
Without a dream in my heart
Without a love of my own

Cate Blanchetts Auftritt als Jasmine im neuen “Woody Allen” ist fulminant. Knapp 100 Minuten dauert ihr Parforceritt aus der Welt der Superreichen, die über der Upper East Side schweben, bis hin zum glanzlosen Aufenthalt im kleinbürgerlich-schnuggeligen Appartement ihrer bis zur Blödheit großzügigen Schwester, bei der sie flügellahm unterkriecht und in etwa so gut hinpasst wie ein zerzauster weißer Schwan, den man den natürlichen Lebensraum entzogen hat. Immerhin hat ihr Mann Schwester und Exschwager um viel Geld gebracht, wenn auch 200.000 Dollar für den Millionenbetrüger nur Peanuts waren. Häufige Rückblenden zeigen ihre parasitäre Existenz in New Yorks Penthäusern mit Blick auf das Grün des Central Parks oder in Hamptons-Villen, wo man sich mit Seinesgleichen mit einem Drink, immer mit einem Drink, am Pool räkelt, reitet und Kunst sammelt, vielleicht auch Oldtimer oder beides, bis das Interesse erlahmt und Neues angesagt ist. Soziales Engagement als Feigenblatt ist die Sache der Ehefrauen, das Business der Charity-Ladies. Auf den Bühnen von Benefizveranstaltungen haben sie einmal mehr Gelegenheit, in exklusiven Klamotten, erworben auf Shoppingtouren in Paris und anderswo, zu glänzen. Nun, für Jasmine ist auch das vorbei. In ihren mit Monogrammen verzierten Louis-Vitton-Koffern befinden sich noch ein paar Chaneljäckchen und andere Klamotten, die jede haben kann, wenn sie die richtige Kreditkarte in die Fingerchen bekommt und jeder stehen, die das passende oder passend gemachte Figürchen dafür mitbringt. Und schon macht man etwas her, das Auge dominiert gerne über den Verstand. Jasmine ist nichts und war jahrelang nichts weiter als ein hohles Anhängsel ihres Mannes, eines Finanzhalunkens, der mit heißen, gierigen Händen Schneebälle aus veruntreuten Geld formte und damit jonglierte, bis sie schmolzen und er sein Leben lieber wegwarf als die Zeche zu bezahlen. Wer will schon 150 Jahre im Gefängnis zubringen, unkomfortabel und auf einer Fläche, die dem Gärtner noch nicht einmal fürs Gartengerät ausreichend erschienen wäre? Pech für Jasmine, die nicht erkannte, nicht erkennen wollte, dass ihr goldener Mond nur eine Scheibe Blech war, die fernes Licht reflektierte. Aber ohnehin war der aalglatte Gatte schon vor dem Zusammenbruch aus den üblichen Gründen auf dem Sprung in ein anderes Leben, was seinen Absturz nur beschleunigte. Bis zu diesem Punkt war die goldfarbene Jasmine eine banale Gestalt. Dass sie zu Blue Jasmine wurde, zur tragischen Figur, hat sie der Persönlichkeit und der facettenreichen Kamerapräsenz Cate Blanchetts zu verdanken und Woody Allen, dass sein Film nicht ins Tragisch-Kitschige abrutscht. Die klischeebefrachtete Handlung hätte das durchaus hergegeben.

Keine Frage, Woody Allen hat ein Händchen für seine Besetzungen, insbesondere für seine weiblichen Hauptdarsteller. Und, klar, schon lange hat er die Qual der Wahl. In einem Interview bekannte Cate Blanchett, dass sie sofort zusagte, als Woody Allen bei ihr anrief, ohne auch nur eine Ahnung vom Drehbuch zu haben. Woody Allen und seine Frauen, das bedeutet oft, nicht immer, großes Kino. Et voilà, dies ist Kate Blanchetts Show. Alle anderen, durchweg gut besetzte Rollen, sind dazu da, ihr den Ball zuzuspielen. Und sie ist die Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die mit viel Alkohol und Psychopharmaka ihr total aus dem Ruder gelaufenes Leben unbeholfen zu meistern versucht. Cate Blanchetts Darstellung der Jasmine ist sehenswert. Die Bandbreite reicht von der schönen Gastgeberin über die Furie bis hin zu einer so zerbrechlich wirkenden Frau, dass man es nicht einmal wagen würde, sie mit dem Finger anzutippen. Ihr Gesicht leuchtet, ist schön und fotogen und dann wieder matt und durchsichtig bis zur Unscheinbarkeit. Sie ist die Frau, die das Leben, das sie hat, nicht meistern und das Leben, das sie hatte, nicht bezahlen kann. Noch nie konnte, den Jasmines Fähigkeiten stehen in keinem auch nur annähernd vernünftigen Verhältnis zu ihren Ansprüchen. Früher genügten fatale Unterschriften auf Verträgen, mit denen ihr Mann ihr beiläufig vor der Nase herumwedelte und gefällige Repräsentation der Luftschlösser, in denen sie lebte. Nicht nur sie kokettiert mit ihrem Unwissen über die finanziellen Machenschaften ihres smarten Tycoons, das tun die anderen Weibchen auch, aber sie trifft es und puff – ist das edle Umfeld verschwunden, als ob es nie existiert hätte. Noch einmal scheint sie Glück zu haben, schafft es beinahe, sich mit Lügen, Anmaßung und Selbstverleugnung einen ehrgeizigen Diplomaten zu angeln, der vermögend und noch dazu jung und charmant genug ist, darüber hinaus Witwer und kinderlos. Noch einmal scheint sie das große Los gezogen zu haben, das sie von den Zumutungen der realen Welt schützen kann. Aber natürlich wird daraus nichts, das hätten wir Woody auch fürchterlich übel genommen. Wie die Zukunft von Jasmine aussieht, wissen wir nicht. Vielleicht kommt sie durch, vielleicht auch nicht. Woody Allen und wir verlassen sie, als sie, immerhin noch in Edelklamotten, aber mit wirrem, nassem Haar, auf einer Parkbank sitzt und wieder einmal redet und redet. Aber es ist niemand da, der ihr zuhört. Sie ist alleine und hat noch nicht einmal sich selbst.

Mit diesem Film ist Woody Allen nach Amerika zurückgekehrt, das für ihn immer New York ist. Virtuos verlagert er in seiner Figur Jasmine die Upper East Side, die auch er bevölkert, an die Westküste Amerikas. Das hat Charme und das gelingt ihm ausgesprochen gut. Seine Ironie ist in kleinen Details versteckt. Die Golden Gate Bridge ist da, aber die Perspektive ist nicht die übliche. Man sieht sie aus einem touristisch ungewöhnlichen Blickwinkel, halb verdeckt von Felsen, gleicht sie einer Fata Morgana. Der Stadt wird keine dominierende Rolle eingeräumt. Hübsch auch das Bücherregal in der Partyszene, in dem ein Buch über Alfred Hitchcock auffällig präsentiert wird. Eine elegante Verbeugung vor einem ebenbürtigen Kollegen. Allens latent fatalistischer Blick fällt zeitgeistgemäß auf die Schicht der Superreichen, die bereits im negativem Focus seines Publikums steht. Hier kann er sich seiner Zustimmung sicher sein, falls das für ihn noch wichtig ist. Die Anspielung auf den Fall Madoff, der einst auch in der Gesellschaft der Upper East Side mitmischte, dürfte gewollt sein, wenn auch Madoff sich nicht das Leben nahm, (wohl aber sein Sohn). Dieser tiefe Fall in unmittelbarer Nachbarschaft dürfte für manche Erschütterungen in den Penthäusern gesorgt haben. Es fällt schwer, Woody Allens diesbezüglichen Dementis Glauben zu schenken.

Was zudem auffällt, ist eine gewisse pittoresk anmutende Sozialromantik oder auch nur Unbedarftheit im Hinblick auf die Stilisierung der „Unterschicht“, von der Allen gewiss nur ein paar wolkige Vorstellungen hat. Aber vielleicht wollte er seine Jasmine dann doch nicht dahin schicken, wo alleinerziehende Supermarkt-Verkäuferinnen tatsächlich wohnen. Es ist eben doch nur Kino, aber unterm Strich eben lohnenswertes.

Helga Kurz
7. Januar 2014
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.03.2014 00:44:30 GMT+01:00
Bitti68 meint:
Das ist eine verdammt gute Rezension, inhaltlich und sprachlich auf höchsten Niveau.

Veröffentlicht am 26.03.2014 15:52:19 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 26.03.2014 15:52:44 GMT+01:00
Das ist mit Abstand einer der besten Kritiken die ich je über einen Film gelesen habe. Ich denke, besser hätte das auch kaum jemand von der FAZ oder der Süddeutschen hinbekommen.. Super Sprache und inhaltlich 1 A.. Ich ziehe meinen Hut (wenn ich einen hätte:-))

Veröffentlicht am 07.08.2014 12:03:15 GMT+02:00
Ray Banana meint:
Eine fantastisch formulierte Rezension, die hervorragend zum Film passt. Klasse!

Veröffentlicht am 08.02.2015 12:22:20 GMT+01:00
Die Rezension ist fulminant. Ich kenne den Film nicht,aber jetzt ist er sofort auf meinem Wunschzettelgelandet.

Viiiiiiiiielen Dank! Ich kann mich Joachim Guischards Kommentar nur anschließen. Absolut top!

Doc Halliday
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