Kundenrezension

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ich denke oft an Piroschka, 14. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Grande Beune (Gebundene Ausgabe)
"Die Grande Beune" ist ein Kurzroman von Pierre Michon, einem zeitgenössischen Schriftsteller, der seine Geschichte 1961 in der Dordogne angesiedelt hat. Der dorthin in ein Dorf am Fluss Grande Beune abgeordnete Junglehrer (und Ich-Erzähler) verzehrt sich in unerfülltem, ihr gegenüber kaum angedeuteten Verlangen nach der örtlichen Tabakverkäuferin. Sie und ein einheimischer Jungbauer auf einem nahen Gehöft unterhalten eine Liaison mit wohl sado-masochistischer Note. Zu ihm geht sie zu Fuß über Feldwege und kehrt stolz mit Striemen und Bissmalen ihrer Züchtigung nach Hause zurück. Außer beim Kauf von Zigaretten kommt es auch auf offener Flur zu regelmäßigen Blickbegegnungen zwischen dem Schullehrer und der Schönen, zu er er entflammt ist; so weiß er seine Spaziergänge durch die als düster und klamm geschilderte Landschaft so zu arrangieren, dass sich ihre Wege wie zufällig kreuzen.

Eigentlich hat der Pädagoge ja eine moderne Freundin aus der Großstadt, eine Studentin mit Namen Mado, die ihn in ihrem Renault Dauphine dann und wann in dem abgelegenen Nest besuchen kommt. Mit ihr pflegt er sozusagen eine medizinisch und sozial vernünftige Sexualität. Die Rückbank ihres PKW wird regelmäßig zur Stätte, da sie ihren Trieb stillen. Doch geschieht derart Gymnastisches nicht, weil es ihnen einen Extrakitzel verschaffte, sondern wohl eher aus Raumnot, denn die Pension, in der unser Lehrer unterkam, ist eine Räuberhöhle am Abhang zur Grande Beune mit wortkargen Trinkern und Flussfischern an rohen Holztischen: In seinem Zimmerchen überm Gastraum dieses "Wirtshauses im Spessart" kann er nur schwerlich die Moderne, die Aufklärung, die Zivilisation, ja Liberté, Egalité, Fraternité in Gestalt seiner studentischen Freundin Mado installieren. Ich glaube, nicht von ungefähr erzählt Michon eine Geschichte gerade aus dem Jahr 1961; diese Jahreszahl assoziiert jeder in Frankreich sofort mit dem Höhepunkt des (im Roman mit keiner Silbe erwähnten) Algerienkrieges, als in der nordafrikanischen Kolonie die Werte der Grande Nation geradezu tobend hochgehalten werden sollten und just darum in rasender Gewalt kollabierten. So sieht sie also aus, Eure Moderne!

Den Gegenpol, der sich dazu in diesem Roman formt, ist ersichtlich das "Archaische". In der Dordogne, der Gegend, wo unserer Geschichte handelt, finden sich bekanntlich altsteinzeitliche Höhlen wie etwa in Lascaux, in denen atemberaubend schöne Felszeichnungen aus dem Paläolithikum Zeugnis geben vom Leben der Menschen aus einer Zeit bis zu 20.000 Jahre vor der unseren. Eine dieser Stätten bildet in dem Buch von Michon den Schauplatz der Schlüsselszene: Hier lässt der Jungbauer und Lover der Tabakverkäuferin dem Lehrer und dessen schicker Freundin eine Führung nach Art des Fremdenverkehrs durch eines dieser Höhlengewölbe zuteil werden, in das man von der Scheune seines Gehöfts aus einsteigt.

Mit solchen Kontrasten - hier die üppige Yvonne mit ihren Striemen, dort die Studentin im Renault - arbeitet aber auch die Trivialkunst, etwa in dem rührenden Film "Ich denke oft an Piroschka" (1955), wo der Herr Student auf ländlichem Ungarnurlaub den derben Lockungen des patenten Puszta-Mädels erliegt, das mit nackten schmutzigen Füßen die Gänse hütet. Seine gebildete und aseptische Braut indessen, die feine Greta aus dem fernen Berlin, würde ganze provinzielle Bahnhofsstation Hódmezövásárhelykutasipuszta und seine Bewohner nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen wollen.

Statt Welten derart aufeinanderprallen zu lassen, die unvereinbar erscheinen, wäre es mir lieber gewesen, Michon hätte die These illustriert, wie wenig uns von den Steinzeitjägern und -künstlern aus Altamira, Lascaux oder Cosquer trennt und wie ihre Welt und unsere heutige in jedem von uns unsichtbar ineinander verwoben sind. Das nämlich ist, wenn ich recht sehe, Thema des ebenfalls in der Dordogne angesiedelten, mit Anspielungen auf die dortige frühgeschichtliche Höhlen- und quasi "Unterwelt" unseres Bewusstseins gedrehten Films "Der Schlachter" von Claude Chabrol aus dem Jahr 1970. Dort erleben wir die die wunderbare Stéphane Audran in der Rolle einer Intellektuellen in Freundschaft und Liebe zu dem im Indochinakrieg traumatisierten Dorfmetzger und bestialischen Frauenmörder Paupaul. Chabrol sagt: Das Archaische ist in uns. Michon aber scheint sagen zu wollen: Das Archaische ist das Fremde, das Große Andere, in brennender Sehnsucht Unerreichte - und das glaube ich nicht.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

Schreiben Sie als erste Person zu dieser Rezension einen Kommentar.

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 


Details

Artikel

5.0 von 5 Sternen (3 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (3)
4 Sterne:    (0)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
EUR 12,90
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Ort: Heidelberg

Top-Rezensenten Rang: 201.422