Kundenrezension

25 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Studioaufnahme=technisch perfekt, dramatisch unbefriedigend?, 21. Dezember 2002
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Rezension bezieht sich auf: Wagner: Der fliegende Holländer (Gesamtaufnahme) (Wien 1992) (Audio CD)
Der Disput, ob Opern auf Tonträgern nur im Studio oder nur als Liveaufnahme genießenswert sind, tobte vor einigen Jahrzehnten, in den Frühzeiten der Stereophonie. Beide "Lager" hatten gute Argumente: nur Studioaufnahmen seien in der Lage, ein ausgewogenes Klangbild ohne Störgeräusche zu liefern, sagten die einen, während die anderen davon überzeugt waren, nur in einer Liveaufnahme würde die Athmosphäre der Aufführung bewahrt, nur hier hätten Sänger wie Orchester die Chance, die Handlung auch akustisch überzeugend darzustellen. Der Streit indes ist verstummt, seit sich viele Produzenten und Dirigenten von Studioaufnahmen um "Live-Athmosphäre" bemühen (s. Soltis "Ring") und spätestens im Zeitalter der Digitaltechnik Liveaufnahmen technisch nicht nachstehen müssen.
Warum dieser Exkurs? Weil wir es hier mit einer Studioaufnahme zu tun haben, die, obwohl in den 90er Jahren entstanden, im Verdacht steht, die meisten alten Vorurteile über Studioaufnahmen zu bestätigen. Ein Rundfunkorchester mit einem Chor aus einem anderen Lang kombiniert, keine parallele Live-Aufführung des Werkes, und einige Solisten, die in ihren Rollen eher dramatisch eher unerfahren sein dürften. Darf man also eine Studioaufnahme erwarten, die "steril" klingt und dem dramatischen Geschehen nur unzureichend Rechnung trägt?
Das trifft zumindest für das Dirigat von Pinchas Steinberg zu. Handwerklich kann man ihm und dem ORF-Orchester kaum Vorwürfe machen, doch vom musikalischen Charakter des "Holländers" sind sie Lichtjahre entfernt: Statt düsterer Schauerromantik und dem Aufblitzen von Wagners "Zukunftsmusik" hören wir einen Hang zum Schönklang, der jeder Operettengala zur Ehre gereichen würde. Schon in der Ouverture trauen sich die Blechbläser kaum, ihre Instrumente beim Holländer-Motiv mal richtig verzerren zu lassen, alles klingt sanft, zurückhaltend und weich. Das geht in den "volkstümlichen" Passagen des Werkes noch in Ordnung, aber bei den großen Szenen mit dem Holländer und Senta fehlt es komplett an dramatischer Glaubwürdigkeit und Spannung. Das gilt auch für den Chor, mit dem die Zusammenarbeit ansonsten erstaunlich gut funktioniert, hier werden mehr richtige Noten abgesungen als den Gehalt des Werkes zu transportieren.
Leider haben sich auch die Solisten davon anstecken lassen: Alfred Muff hat stimmlich ausreichendes Format für die Partie des Holländers, aber zu einer Charakterisierung der Person, zu einer glaubwürdigen Darstellung seiner Verzweiflung, dringt er an keiner Stelle der Aufnahme vor, selbst in "Die Frist ist um..." und im Duett hören wir Schöngesang, allzu sehr bedacht auf Meisterung der technischen Finessen inkl. Tiefen und Höhen. Ingrid Haubold leistet sich ebenfalls keine technischen Fehler, aber sie klingt als Senta unglaubwürdig, weil zu alt, und läßt mit starkem Vibrato ihre Stimme manchmal metallisch klingen. Erich Knodt gibt einen blassen Daland, trotz des Gefühls, er würde nur vom Blatt singen, ist er irgendwie unverständlich. Die einzige positive Überraschung in jeder Beziehung ist Peter Seiffert als Erik, der stimmlich wie von der Deklamation her in Höchstform ist und die wenigen Szenen mit seiner Mitwirkung zu Höhepunkten der Aufnahme werden läßt.
Technisch hingegen, und das bestätigt alte Vorurteile, ist die Aufnahme ohne Fehl und Tadel, klingt räumlich und klar bei immer guter Textverständlichkeit.
Empfehlen kann ich sie dennoch nicht, allzu schwer wiegt die Tatsache, daß hier an den Intentionen des Komponisten vorbeimusiziert wurde, wenn auch auf hohem Niveau. Zum Kennenlernen des Werkes für wagnerunerfahrene Hörer kann das ein Vorteil sein, aber führt auf Dauer in die Irre. Zumal starke Konkurrenz aufwartet, ich empfehle nur mal exemplarisch die (vor allem technisch gesehen absolut) historische Aufnahme unter Antal Dorati (die Besetzung London/Rysanek/Tozzi ist definitiv eine andere Liga), und die dramatisch gesehen IMHO packendsten unter Woldemar Nelsson (Bayreuth) und Leif Segerstam (mit Grundheber/Behrens/Salminen, leider nur als Video erhältlich). Da wird Wagners Frühwerk nicht durch die rosa Brille des Studio-Schönklanges gesehen, sondern bis in psychologische Tiefen dargestellt, ja scheinbar fast gelebt.
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