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Kundenrezension

4.0 von 5 Sternen Europaeisches Projekt mit universellem Anspruch, 27. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Aufklärung: Das europäische Projekt (Kindle Edition)
Aufklärung, so Geier, richtete sich gegen geistige Bevormundung durch Institutionen, sei es Kirche oder Staat, durch vermeintliche oder selbst wirkliche Autoritäten. Wahrheit muss sich dem Einzelnen in der redlichen Auseinandersetzung erweisen. Vernunft und Gewissen sind dabei die Richtschnur. Der Autor macht deutlich, dass Aufklärung richtig verstanden mehr ist als eine vom 17.-19. Jh. währende Epoche. Sie hatte ihre historischen Vorläufer immer dort, wo Menschen begannen, das althergebrachte kritisch zu hinterfragen und sie ist und bleibt eine Aufgabe von zentraler Bedeutung in Gegenwart und Zukunft.

Aufgeklärtes Denken schloss Gott und Transzendenz keineswegs aus, sondern fast immer mit ein, wohl aber eine unreflektierte Dogmatik. Geier lässt das deutlich werden an einer Auseinandersetzung, die als "Pantheismusstreit" in die Geistesgeschichte einging. Mendelssohn wurde hier nach dem Tod des eng befreundeten Lessing von Jacobi darauf hingewiesen, dass der Dichter der "Ringparabel" sich zum Spinozismus bekannt hätte. Für Mendelssohn kam das einer Katastrophe gleich und er war nicht bereit, dem Glauben zu schenken. Der Spinozismus wurde schon damals als Quasi-Atheismus betrachtet und stand von daher in Verruf. Lessing hatte zwar die Fragmente des Reimarus, der als ein Begründer der historisch-kritischen Methode gilt, herausgegeben, sich aber ansonsten eher als liberaler Christ, der dem Vernunftgehalt der biblischen Botschaft zur Geltung verhelfen wollte erwiesen. Gegen die Orthodoxie grenzte er sich ebenso ab, wie gegen Deismus und Neologie.

Mendelssohns Haltung zum Judentum entsprach in etwa der Lessingschen zum Christentum. Jacobi, ein Freund Lavaters, stand wie dieser dem Pietismus nahe. Für beide waren die Versuche, Gott mit dem menschlichen Verstand zu erfassen, so erfolgversprechend, wie der Versuch Sandkörner am Meeresstrand zu zählen. Es gibt für sie keinen Weg vom Menschen zu Gott, sondern nur in Form einer persönlichen Offenbarung von Gott zum Menschen. Gemeinsam war allen Beteiligten jedoch die Überzeugung, das Vernunft und Atheismus nicht vereinbar seien.

Der Aufklärung ging es darum, die Reichweite der Vernunft auszuloten und Kategorien zu klären: "Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen?", so heißt es in Kants Programmatik. Wie weit reicht die Ratio? Was ist der Ratio nicht zugänglich, sondern bestenfalls durch Offenbarung? Wo ist intersubjektive Vergewisserung möglich und wo nur subjektive? Was können wir überhaupt von der Welt außerhalb von uns erkennen/aussagen? Welche Fragen können wir beantworten und wo müssen wir offene Fragen bzw. eine Diversität der Antworten aushalten?

Mit dem Pluralismus der sich so ergab, entstand auch die Frage nach einer gesellschaftlichen Organisation, die verschiedene, z.T. sogar konträre weltanschauliche, politische, sozialethische Standpunkte integrieren konnte. Dass dies schließlich in Gesellschaften deren Majoritäten zumindest in ihren religiösen Grundüberzeugungen außergewöhnlich homogen waren (und mit sich im Schnitt sich zu zwei Dritteln zum Christentum bekennenden Populationen immer noch sind), möglich wurde, ist in der Weltgeschichte einmalig.

Die Festschreibung individueller, weltanschauungsübergreifend begründeter Rechte wurde zu einem zentralen Thema. Es ging, so Geier, "um die Rechte jedes Menschen [...], der als solcher kein Ding ist, sondern eine mündige Person mit ihrer eigenen Würde. Die Aufklärung versucht philosophisch zu begründen und praktisch zu verwirklichen, was jedem Menschen von Natur aus zukommt. Sie versteht dieses Naturrecht als ein Bündel von Menschenrechten, auf die alle Menschen ein Anrecht haben. Ihr Zentrum bilden geistige und politische Freiheit, körperliche Unversehrtheit und Recht auf Eigentum. "

Zum wohl prägendsten Vordenker des westlichen Gesellschaftsmodells wurde dann John Locke, der sich interessanter Weise von den neuen Idee der unabhängigen Gemeinden, insbesondere den von ihnen in Neuengland praktizierten politischen Modellen inspirieren ließ. Unter William Penn etwa - Begründer der Kolonie Pennsylvania, etablierte sich ein Regierungssystem, dass auf christlicher Brüderlichkeit und Freiheit beruhen sollte und sich durch integrative Offenheit für Siedler aller religiösen Colleur und gegenüber den Indianern auszeichnete. Mit seinem ungewöhnlich liberalen Wahlrecht und der vollen Religionsfreiheit setzte der Quäker Penn neue Maßstäbe. John Locke, der an der Verbalinspiration der Heiligen Schrift festhielt und dessen Schriften sich wie elaborierte bibelexegetische Arbeiten lesen, wurde im "Pariser Salon", in dem sich die wenigen Atheisten, die - insbes. durch ihr enzyklopädisches Werk - einen nachhaltig konstruktiven Beitrag erbrachten, versammelten(Diderot, Holbach ...) hoch geschätzt, und er war auch einer der Lieblingsphilosophen Jeffersons. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung der USA, der französischen Verfassungsentwurf von 1791 sowie die gesamte Entwicklung des bürgerlich-liberalen Staatstheorie bis in die Gegenwart fußen maßgeblich auf Lockes Gesellschaftsphilosophie.

Der linksliberale Historiker H.A. Winkler ("Geschichte des Westens") bringt es wie folgt auf den Punkt: „Der Kampf der Aufklärung gegen die Kirche verstellt nur zu leicht den Blick auf das,was die Aufklärung mit dem Christentum verbindet. Ohne Aufklärung keine Erklärung der Menschenrechte, kein Rechtsstaat, keine Demokratie, kein Liberalismus: Dieser historische Zusammenhang ist unbestritten. Aber wenn die Aufklärung ohne ihre christliche Vorgeschichte nicht zu erklären ist, dann trifft das auch für die politischen Folgerungen zu, die Ende des 19. Jahrhunderts aus der Aufklärung gezogen wurden – erst in den nordamerikanischen Kolonien der britischen Krone und dann in Frankreich. Die Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 waren sich dessen bewußt, als sie die „selbstverständlichen“ Wahrheiten verkündeten, „daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“. Auch das „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution, so Winkler, speiste sich aus dem „revolutionären Potential der christlichen Botschaft“

Olympe de Gouges berief sich in ihrer "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin" auf die "Weisheit des Schöpfers", dessen Plan Harmonie zwischen den Geschlechtern und nicht Hierarchisierung, Benachteiligung und Unterdrückung sei. Geier schildert den Werdegang dieser mutigen Frau, die sich selbst unter den progressiven Geistern ihrer Zeit letztlich kein ausreichendes Gehör verschaffen konnte, ausführlich. Geboren als Tochter eines Metzgers, mit 14 verheiratet, mit 20 verwitwet, schaffte sie es, sich zu den gehoberenen Pariser Schichten Zugang zu verschaffen und machte sich als Schriftstellerin und Dramaturgin einen Namen. Fasziniert von den Idealen der Revolution, wurde sie politisch aktiv, stand den Girondisten nahe. Als die Jakobiner diese 1793 stürzten, wurde Olympe de Gouges verhaftet und schließlich vom Revolutionstribunal zum Tod verurteilt. Sie starb unter der Guillotine.

Obwohl die Aufklärung als geistesgeschichtliche Epoche schließlich in die Romantik mündete und damit endete leben - so Geier - viele der in dieser Zeit aufgebrochenen Diskurse fort. So wenn im sogenannten Positivismusstreit Popper und Albert der Frankfurter Schule zu bedenken geben, dass das Anliegen einer fundamentalen Umgestaltung der Gesellschaft, gefährlich sei; es vielmehr darum gehen müsse, die jeweils im gesellschaftspolitischen Geschehen auftauchenden konkreten Probleme einer Lösung zuzuführen. So wenn Hannah Arendt Sartres allzu leichtfertigen Ausführungen über die Unumgänglichkeit revolutionärer Gewalt Hegels Konzept einer gesellschaftlichen Evolution entgegen hält. So wenn Habermas mit Kants Vision einer auf internationalem Recht basierenden Völkerfamilie Robert Kagans von Hobbes inspirierten Vorstellungen von der USA als gutartigem Hegemon, der weltweit auch mit Gewalt Demokratie und Menschenrechte durchsetzt, entgegentritt.

Erwähnung findet schließlich auch Adorno/Horkheimers Aufklärungskritik. Auch sie verstehen unter Aufklärung mehr als eine historische Epoche; bezeichnen mit dem Begriff vielmehr einen fortlaufenden, die Menschheitsgeschichte begleitenden Prozess, bei dem die menschliche Vernunft versucht, sich die Realität verstehbar aber eben auch immer beherrschbarer zu machen. Doch dadurch, dass Vernunft versucht, die Realität in ein zweckmäßiges System zu zwängen, beschränkt sie gerade eine wirkliche Realitätserfassung. Gerade der Versuch, die Natur total zu beherrschen, bewirkt, dass der Mensch in diesem Prozess zum Sklaven der damit verbundenen ökonomischen Zwänge wird. Darin liegt eine fatale Dialektik, mit deren Sichtbarmachung die Autoren beabsichtigen, die Aufklärung vor sich selbst zu retten.

Aufgeklärtes, eigenständiges Denken zu kultivieren ist eine gesellschaftliche Aufgabe, deren Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Das gilt umso mehr, da es aktuell starke gegenläufige Tendenzen verschiedener Art gibt. Zum Einen sind es religiöse Strömungen, die meinen, vermeintliche oder tatsächliche Heilige Schriften gar nicht mehr zur Disposition stellen zu dürfen. Es wird dabei übersehen, dass deren Lektüre einen kritischen Gebrauch der Vernunft ebenso voraussetzt, wie ihre Verfassung und Kanonisierung. „Prüfet alles!“ - mahnt Paulus im NT. Wer sich nicht vernunftmäßig mit einem Text auseinandersetzt, kann nicht dazu kommen, ihn wirklich zu verstehen und innerlich von seiner Botschaft überzeugt zu sein. Zum Anderen gilt dies aber auch für einen sich vermehrt dogmatisch gebärdenden reduktionistischen Naturalismus, der die eigene allzu begrenzte, materialistische Weltsicht zur Norm für alle erheben möchte. Bereits klassisch idealistischen Standpunkten gegenüber, wie sie etwa von Einstein oder Planck vertreten und zur Grundlage der revolutionären Einsichten in der Physik am Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden, vertritt man mittlerweile – die Diskussion um das jüngste Buch des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel zeigt es – eine aggressiv-rigorose Abwehrhaltung.

"Im kulturgeschichtlichen Rückblick", so Geier, "zeigt sich Aufklärung als ein europäisches Projekt mit universellem Anspruch" Dies gehöre "zum Besten, was ein kosmopolitisches Europa zu bieten hat, das mehr sein will als ein bürokratisch geregeltes Wirtschaftsgeflecht, das von einer finanzpolitischen Krise in die nächste getrieben wird."
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