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Kundenrezension

16 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Why Thomas Nagel is almost certainly wrong (German), 15. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Mind and Cosmos: Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature is Almost Certainly False (Gebundene Ausgabe)
Nagel bezieht sich auf das Axiom der meisten Naturwissenschaftler, demzufolge alle Phänomene, also auch Gefühle, Gedanken, Bewusstsein und Verhalten, vollständig erklärbar seien durch materielle Faktoren. Dieses Axiom hält er für "höchstwahrscheinlich falsch". Nagel hält den Wissenschaftlern vor, ihre Ideologie über den Wirklichkeitssinn zu stellen. Er hält es für unmöglich, dass sämtliche Phänomene des Geistes unter physikalische Konzepte subsumiert werden können. Die Evolutionstheorie sei nicht falsch, aber ungenügend. Er behauptet, aus dem Prinzip von Mutation und Selektion könne nicht erklärt werden, wie aus Anorganischem organisches Leben entstand, aus einfachen Systemen komplizierte wurden und Instinkt in Verstand und Bewusstsein mündete. Er behauptet, der Mensch habe nicht zufällig Bewusstsein. Er möchte die Lehre Darwins ergänzen durch teleologische Hypothesen, die er eine "kosmische Prädisposition der Entstehung von Leben, Bewusstsein und Werten" nennt. Teleologie heißt, dass alle Dinge in den vergangenen Jahrmilliarden geschahen, weil sie auf dem Weg zu diesem einem Ziel (des Bewusstseins) liegen.

Nagel konstatiert selbst, dass er nicht ernst genommen wird. Wie ich meine zu Recht. Nagels Folie, auf der er schreibt, ist ein Unbehagen am Materialismus. Seine Teleologie ist nicht gottesbasiert. Was ist sie dann? Es gibt nur zwei weitere Möglichkeiten, entweder ist sie materialistisch oder idealistisch. Den Materialismus lehnt er als unvollständig ab. Bleibt nur der Idealismus, und in der Tat ist Teleologie reines Wunschdenken. Nagel denkt selbst so, wie er es den Naturwissenschaftlern vorwirft.

Nagels Hypothesen funktionieren nur, weil er einen Popanz namens materialistische Naturwissenschaft aufbaut. Es mag ja einzelne Wissenschaftler geben, die auch Gefühle, Bewusstsein und Werte durch die materiellen Faktoren der Hirnphysiologie erklären wollen. Ihnen muss man keineswegs zustimmen und sie sind vielfältig und mit guten Argumenten kritisiert worden.

Zieht man diesen Popanz ab, bleibt von Nagels Argumentation nicht viel übrig. "Mind and Cosmos" ist weit davon entfernt, ein Alternativkonzept zum sogenannten psychophysikalischen Reduktionismus und zur Evolutionslehre zu sein. Den qualitativen Sprung von der Neurophysiologie und Molekularbiologie zu Seele und Geist will auch er nicht erklären. Nagel hält eine solche Erklärung für prinzipiell unmöglich, aber das wird sich vielleicht in den nächsten 20 oder 25 Jahren anders darstellen.

Die Evolutionstheorie ist keine Theorie, sondern eine Tatsache, ebenso wie beispielsweise die Gravitation. Die Mechanismen der Evolution wurden seit Darwin vielfältig beschrieben und haben deutliche Umwandlungen und vor allen Dingen Verfeinerungen und Ergänzungen erfahren. Es gibt durchaus Experimente und Hypothesen, wie aus anorganischer Materie organisches Leben entstanden sein könnte. Steven Jay Gould und andere Darwinisten und Evolutionsbiologen haben vielfältige Belege dafür gesammelt, dass die Entstehung des Menschen auf einer Reihe von völlig unwahrscheinlichen Zufällen beruht. Nagels These, es gebe eine kosmische Disposition zur Entstehung von Bewusstsein, darf klar widersprochen werden. Die Evolution ist nicht auf Vervollkommnung und Höherentwicklung angelegt. Es gibt keine Teleologie in der evolutionären Entwicklung. Wenn es ein klares Ziel der Evolution gibt – den Geist und die Werte –, warum hat sich die Evolution dann damit so lange Zeit gelassen? Und woher will Nagel wissen, dass „Geist“ die letzte Stufe der Evolution ist? Könnte es nicht noch weiterführende teleologische Ziele der Evolution geben, von denen wir keine Vorstellung haben?

Nagels Kritik an der Evolutionstheorie basiert wiederum auf einem Popanz, nämlich dem, Evolution könne "alles erklären". Es gibt keinen Evolutionsbiologen, die dies behaupten würde, und wenn es jemand täte, repräsentiert er allenfalls eine Minderheitenmeinung. Die Evolutionstheorie ist wie jede Theorie (einschließlich Nagels) unvollständig; es ist aber ein gedanklicher Kurzschluss daraus zu folgern, sie sei „mit ziemlicher Sicherheit falsch“. Es gibt nach wie vor Lücken in den materialistischen Naturwissenschaften. Diese Lücken sind unter den Fachleuten bekannt. Der gute Wissenschaftler ist sich der Grenzen seines Fachgebietes bewusst.

Nagel ist durchaus ein seriöser Philosoph, aber d.h. nicht, dass seine Thesen oder Hypothesen höhere Plausibilität genießen als die seiner Widersacher. Er glaubt, die Wirklichkeit besser darstellen zu können als die Naturwissenschaftler. Das ist anzuzweifeln. Es gibt keinerlei Beweise für seine theologische Sichtweise außer seiner Gutgläubigkeit. Sein Gedankengebäude hat ebenso große Lücken wie die der materialistischen Wissenschaft. Er problematisiert scharfsinnig die Naturwissenschaften, aber umgekehrt könnte man seine Teleologie ebenso scharfsinnig auseinander nehmen. Er ist insofern kein rundum guter Wissenschaftler, als er die Gegenargumente nicht mit den seinigen abcheckt. Er bleibt damit ein Provokateur, den man nicht allzu ernst nehmen muss.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.03.2016 18:16:20 GMT+01:00
Ceebulon meint:
"Die Evolutionstheorie ist keine Theorie, sondern eine Tatsache, ebenso wie beispielsweise die Gravitation." - Allein dieser Satz beweist die Notwendigkeit des Buchs von Nagel. Denn natürlich ist die Evolutionstheorie zuerst eine Theorie. Und Theorien sind bekanntlich keine Tatsachen, sondern beschreiben diese. Weil Sie das verwechseln, haben Sie vielleicht das Thema von Nagel verpeilt: Ob die Evolutionstheorien Bewußtsein erklären können. Oder der Materialismus bzw. Naturalismus. Und hier zeigt Nagel sehr deutlich, dass das prinzipiell nicht geht. Und damit kommt er zur Schlüsselfrage: Wie muss eine Theorie des Kosmos aussehen, die das Bewußtsein erklären kann?
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