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5.0 von 5 Sternen Ganz wichtiger Meilenstein auf dem Weg hin zu einer therapeutischen Seelsorge..., 13. Mai 2012
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Rezension bezieht sich auf: Psychoanalyse und Moraltheologie, Bd.3, An den Grenzen des Lebens (Taschenbuch)
In der 3-bändigen Reihe sind Aufsätze des Paderborner Theologen und Psychotherapeuten versammelt, die sich um eine Synthese der theologischen und psychotherapeutischen Seelsorge bemühen. Der dritte und letzte Band "An den Grenzen des Lebens" enthält Veröffentlichungen von 1981 bis 1984, bis dahin unveröffentlichte Manuskripte und ein Interview.

Der 1. Aufsatz "Der verlorene Ursprung und die verheißene Hoffnung" beschreibt Geschichte als nicht linear, sondern oft zyklisch im Erleben der Menschen. Diese Sichtweise könne Gelassenheit geben und Alter und Tod auch als notwendige Prozesse im Leben akzeptieren helfen. Das zeige sich bereits bei der Religion der Indianer, Reste davon erleben die Christen in der ewigen Wiederkehr der Feste des Jahreskreises.

Im Artikel "Von Krankheit, Kränkung und Verwandlung" geht es um Verletzungen und ihre zersetzenden psychischen Folgen. Kapitän Ahab aus Melvilles großem Roman "Moby Dick" beispielsweise will sich rächen an dem Wal, der ihn zum Krüppel gemacht hatte. Wie hält man es aus, als ein behinderter Mensch "nur" Mensch statt Gott zu sein? Was eine organische Störung bedeutet, hängt dabei sehr von dem jeweiligen Erleben der sie betreffenden Person ab. Sigmund Freud stellte als den Kern der Neurose die Urverletzung, das Trauma der "Kastration" heraus. Behinderung wird damit psychologisch herausgestellt als das Problem eigentlich jedes Menschen. Im Grunde lautet die Frage archetypisch: wie ist es möglich trotz der offenbaren Mängel der eigenen Existenz eine absolute Daseinsberechtigung zu bekommen? Bei der eigenen "Behinderung", dem eigenen Unvollkommen-Sein geht es nicht um Medizin oder Psychologie, sondern ganz und gar um Glauben, um Religion. Jeder Mensch - metaphysisch betrachtet - ist ein Mangelwesen. Das erkennt der körperlich Behinderte oft viel schneller als der Gesunde, der sich über die Grundlagen seines Lebens eher twas vormacht. Aber alle leben von einer unverdienten Gnade Gottes, das müssen auch die vermeintlich Gesunden lernen in ihrem Leben.

"Laßt sie erfahren, dass das Reich Gottes nahe ist. Eine christliche Begründung der Arbeit mit alten Menschen." ist der Titel des nächsten Aufsatzes. Für Drewermann ist eindrücklich, dass nur der Mensch im Zuge der Verlängerung seiner Lebenserwartung überhaupt erst ein Alter kennenlernt. Fast 30-40 Jahre stellen sich die Fragen von Alter, Krankheit und Tod dem jungen Menschen gar nicht. Je älter wir aber werden, desto mehr müssen wir uns darein schicken und halten Bilanz. Nur der, der nicht alles aufs "Machen" setzen muß, sondern in Gott ruht, kann mit Verfehlungen rückwärts betrachtend dennoch gut abschließen und in den Tod gehen. Hier können wir von Laotse lernen, zu sein und sich zu sammeln, statt zu machen und sich zu zerstreuen.

Im nächsten Beitrag "Suchtstrukturen, Süchte und ihre fast unmögliche Behandlung" schildert Drewermann, wie Süchte entstehen und welche Suchtformen oft mit welcher Neuroseform angetroffen werden. Dabei wird deutlich, welche enormen Schwierigkeiten oft der Heilung von Süchten entgegenstehen. Beim Alkoholismus zum Beispiel gibt es nur in 5% keinen Rückfall in die Sucht. Und nur selten gibt es Spontanheilungen wie z.B. bei Dostojewski's Spielsucht.

Ein weiterer sehr interessanter Aufsatz widmet sich dem "Problem des Selbstmords oder: von einer letzten Gnade der Natur." Darin widerlegt Drewermann drei oft von der christlichen Moraltheologie gegen den Selbstmord vorgebrachte Argumente: 1. Man dürfe an den Endlichkeiten des irdischen Lebens nicht verzweifeln, weil man doch als Christ die Unendlichkeit glaube. - Tatsächlich aber kann bei allen Menschen jederzeit eine ganz konkrete Lebenssituation ausweglos erscheinen. 2. Selbstmord sei verboten, weil ein Akt widergöttlicher Eigenmächtigkeit. - Aber gerade die Ohnmacht des Ichs gegenüber dem Es, dem Über-Ich und der äußeren Realität führt ja den Verzweifelten in den Suizid. 3. Eine objektive Ausweglosigkeit könne es für den gläubigen Christen nicht geben. - Aber man kann an Gott glauben und dennoch an aussichtlosen Situationen scheitern. Es gibt eben immer wieder tragische Momente im Leben. Der Essay besticht auch durch viele konkrete Beispiele der Literatur von Selbstmördern und Gefährdeten, vor allem in den Romanen Dostojewskis.

Der Aufsatz "Von der Zerstörung der religiösen Rede" zeigt auf, wie am Anfang der Schöpfungsgeschichte in der Bibel noch ein wahrhaftes Bezeichnen der Dinge und Mitmenschen möglich war, dann aber über eine zunehmende Entfremdung im Feld der Gottesferne des Menschen die Sprache sich zersetzte, sinnfällig im Bild vom Turmbau zu Babel. In 5 Weisen zeigt sich diese Sprachzerstörung: 1. kompensatorische Rede lateraler Konkurrenz, 2. Sprache als Herrschaftsinstrument, 3. Sprache nur im Kollektiv, 4. im Ausfall des Gefühls und 5. in einer Meta-Sprache der Abstraktion, die besonders die Theologensprache kennzeichne. Kann aber eine Heilung zerstörter Sprache gelingen? Drewermann deutet Jesu Heilung des Taubstummen (Mk 7, 31-37): 1. er nimmt ihn abseits, also aus dem Kollektiv heraus, er gibt ihm einen Ort; 2. er küsst ihn und tauscht Speichel aus - will sagen, er bittet ihn zu sagen, was er fühle, wovor er Angst habe; 3. er schaut zum Himmel auf, zur Heimat, die gnädiger ist als die Sprachzensur der Menschen; 4. der Stumme nennt Bäume Bäume, d.h. innen und außen sind stimmig geworden, der Taubstumme versteht sich wieder und kann sich den Anderen verstehbar machen.

Ein ebenfalls interessanter bisher unveröffentlichter Aufsatz folgt mit "Ein Plädoyer für die Lüge". Drewermann grenzt Wahrheit und Lüge ab, wobei gleich deutlich wird, wie schwierig und nahezu unmöglich das im Einzelfall wird. Lüge, so zeigt sich, ist eigentlich unvermeidlich im täglichen Leben, oft aus Barmherzigkeit den Anderen gegenüber! Viele Lebensbereiche beruhen auf ihr. In vielerlei Hinsicht - ob öffentliches Leben oder privater Bereich - belügen wir uns selbst, z.B. beim Essen von Tieren, die wir nicht bereit sind, selbst zu töten. Wahrhaftigkeit setzte voraus, dass wir die Angst verlieren, die uns zur Lüge zwingt. Dazu bedarf der Mensch des Vertrauens in Gott.

Die Skizze "Kirche in der 2. Hälfte unseres Jahrhunderts" beschreibt den deutschen Katholizismus nach dem 2. Weltkrieg. Die Kirche hatte den Nationalsozialismus nicht verhindert, und in der Gier der goldenen 50er Jahre, dem Wirtschaftswunder, war sie außer zum Moralisieren nicht in der Lage, die Menschen innerlich tiefer zu erreichen. Die Jugend fragte kritisch nach, inwiefern nicht die bürgerliche Angepasstheit der Elterngeneration das 3. Reich überhaupt ermöglicht hatte. Dabei verliert die Kirche ihre geistige Führungsrolle, man sucht sich zunehmend Hilfe von Gurus und außerkirchlichen Beratungsstellen, nicht mehr von der Kirche selbst. Auch das religiöse Leben in den Familien findet nicht mehr statt. Im Ausblick benennt Drewermann, was sich ändern müsste in der Kirche, damit sie in Zukunft wieder ernst genommen werden kann.

Der Beitrag "Der Krieg und das Christentum" stellt eine zusammenfassende Betrachtung von Drewermanns gleichnamigem und 1982 veröffentlichtem Buch dar.

Den Band beschließt ein Interview mit Publik-Forum aus dem Jahre 1983, in dem Drewermann "Die Angst vor dem Durchbruch" beschreibt, den die offizielle Kirche gegenüber dem Einlassen des Unbewußten in ihre verkopfte Theologie nach wie vor hat. Er beschreibt, was Theologie und Psychoanalyse voneinander lernen können, und warum er selbst eine Synthese beider versucht.

Fazit: Das Buch ist ein ganz wichtiger Meilenstein auf dem Weg hin zu einer therapeutischen Theologie und Seelsorge bzw. einer die Theologie nicht ausklammernden Psychotherapie. (13.5.12)
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