Kundenrezension

78 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Zu 100 Prozent tödlich" - Das Ende der Bohème, 7. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Arbeit und Struktur (Gebundene Ausgabe)
Die Neugier auf das Leben und Sterben der Schriftsteller ist ein altes Phänomen. Bei literarischen Märtyrern wie Kleist oder Kafka ist die Biographie posthum ein auratischer Teil des Gesamtwerks geworden. Bei Wolfgang Herrndorf hat diese Aufladung noch zu Lebzeiten stattgefunden, unter der Regie des Autors selbst, der seine Krankheit zum öffentlichen Ereignis gemacht und damit auch ein Genre bedient hat (siehe Schlingensief und viele andere Sterbensberichte bzw. Krebsbücher)

Es beginnt im März 2010 mit heftigen Kopfschmerzen und neurologischen Ausfällen: Tasse Tee über die Computertastatur gekippt, neben den Stuhl gesetzt, im Badezimmer hingefallen und nicht mehr hochgekommen; zum Telefon gerobbt, Notarzt gerufen. Kurz darauf wird bei Wolfgang Herrndorf der bösartige Hirntumor diagnostiziert –„zu hundert Prozent tödlich“. Es ist das Ende der Bohème von Berlin Mitte, das Ende der Bummeljahre eines Schriftstellers, der zuvor schon seine altmeisterliche Malerei aufgegeben hatte.

Nach der ersten Krebsoperation aber schreibt Herrndorf wie entfesselt im Wettlauf mit dem Tod. Die Trilogie, die dabei entsteht, ist so vielfältig wie nur möglich: ein postmodern verschachtelter, ins Brutale verliebter Thriller („Sand“), ein Jugendbuch, das die Freundlichkeit der Welt lehrt und in kürzester Zeit ein Klassiker wurde („Tschick“), und dieses Tagebuch, das den Alltag mit der Krankheit zum Tode stabilisieren hilft. Die Gefühle der Verzweiflung, die Herrndorf in Schach halten musste, werden vor allem in den Kapiteln „Rückblende“ deutlich: Panikattacken, Todesangst, Zusammenbrüche. Dann wieder Euphorien und nie gekannte Arbeitsschübe. Und schwarzer Humor, wenn es zum Beispiel um die Vorteile des radikal verkürzten Lebens geht: „nie wieder Steuererklärung…“

Drei Monate nachdem Herrndorf den Tumor in seinem Schädel mit dem Revolver erledigt hat, ist das Blog nun als Buch erschienen. Und liest sich nun im Zusammenhang noch einmal anders, eher wie ein „klassisches“ Tagebuch. Wo vorher das offene Ende war, die Todesdrohung, da ist die Lektüre nun bestimmt von der Gewissheit. Statt Präsens im Internet – das Buch als Aufbewahrungsort für die Reflexionen eines Verstorbenen.

Man liest beeindruckt, wie Herrndorf in der Maschinerie der Krebsmedizin Herr über sein hinschmelzendes Restleben bleibt. Man liest beklemmende Details aus dem Alltag eines Todkranken, der bis auf weiteres noch Fußball spielt und bei (fast) jedem Wetter im Plötzensee schwimmt. In seiner schäbigen Berlin-Mitte-Hinterhofwohnung lässt er sich – inzwischen Erfolgsautor – quälen vom Techno-Gebummer des dumpfen Nachbarn: „Musik. Gehe zum Nachbarn und schlage vor, ihn umzubringen. Oder die Musik leiser zu drehen. Eine friedliche Möglichkeit. Eine unfriedliche. Biete an, wenn es am Geld liegen sollte, ihm die teuersten, drahtlosesten, luxuriösesten Kopfhörer zu kaufen, die es gibt. Aber er will gar keine Kopfhörer. Die störten auf dem Kopf, und er wolle einfach nur seine Bumsmusik hören.“

Manchmal wirkt Herrndorf wie eine Hiobsgestalt. Als wärs mit dem Hirnkrebs und den epileptischen Anfällen noch nicht genug, wird er am 4.Januar 2012 noch von einer Autofahrerin auf dem Fahrrad übersehen und zu Boden gerammt: „Schultereckgelenksprengung“, wieder Mordsschmerzen, Krankenhaus, man will ihn zunächst nicht operieren, „lohnt ja nicht mehr“. An dieser Stelle war ich einen Moment fassungslos.

Auch viele gute Gedanken über Literatur sind im Tagebuch zu lesen. „Ich halte den Roman für den Aufbewahrungsort des Falschen. Richtige Theorien gehören in die Wissenschaft, im Roman ist Wahrheit lächerlich.“ Zum Roman gehören: „das Unglück, die neurotische Persönlichkeit, das falsche Weltbild, das falsche Leben.“ Wie richtig ist das gesagt! Herrndorf preist seine Lieblingsbücher, darunter ein vergessenes Werk der Jugendliteratur, „Pik reist nach Amerika“ aus dem Jahr 1927, aber er äußert auch drastische Antipathien. Martin Walser hält er „für den senilsten Sack der deutschen Literatur“. Ganz schlimm erwischt es den Kritiker Weidermann.

Kurz: ein Blog, ein Buch. Wille und Werk. Eine große Passionsgeschichte. In „Arbeit und Struktur“ geht es ums Ganze, um das Leben, um den Tod.
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Kommentare


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1-9 von 9 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.12.2013 22:44:05 GMT+01:00
Falk Müller meint:
Hallo Bücher-Bartleby,

eine sehr gute Rezension. Sie haben genau die richtige Mischung aus literarischer Einordnung, Inhaltsangabe, treffenden Zitaten und eigener Interpretation gefunden. Besser kann man es kaum machen. Vielen Dank.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.12.2013 13:25:49 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 10.12.2013 13:26:20 GMT+01:00
Hallo Falk Müller,

danke für das Lob - das von jemandem kommt, der selbst viele und gute Rezensionen schreibt, und zwar über BÜCHER, nicht über Staubsauger und Meisenknödel.

Veröffentlicht am 11.12.2013 21:35:56 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.12.2013 21:50:23 GMT+01:00
Nevermore meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.12.2013 00:31:18 GMT+01:00
DVD-Brenner meint:
@Nevermore
Jeder Nutzer von http://amazon.de, der das Angebot "Arbeit und Struktur" von Wolfgang Herrnhaus anschaut weiss, dass Sie das Buch nicht mögen. Das ist kein Grund dies nun in vielen Rezensionen anderer Rezensenten kundzutun und diese Rezensenten auffordert deren Gedanken zu rechtfertigen, weil Sie nicht in der Lage sind, die Vielfalt des Lebens und der Menschen zu akzeptieren. Dies wirft ein negatives Licht auf Ihre eigene Rezension in Gestalt, dass Ihre eigene Rezension eine persönliche Abneigung gegen den Autor darstellt und somit literarisch unbrauchbar ist.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 15.12.2013 13:54:42 GMT+01:00
Nobodaddy meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.12.2013 21:49:21 GMT+01:00
Nevermore meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 21.12.2013 00:14:44 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.12.2013 00:18:32 GMT+01:00
chayenne meint:
an @Nevermore
Ihr letzter Kommentar an DVD-Brenner ist unverschämt, beleidigend und inakzeptabel. Meiner Meinung nach sollten Sie sich für ihre unadäquate Äußerung bei DVD-Brenner entschuldigen. Dann würde vielleicht irgendjemand ihren Standpunkt/Meinung einfach stehen lassen können. Wie bei jeder anderen Kunst liegt es auch hier im Auge des Betrachters/Lesers wie er den Inhalt beurteilt. Bei einem Nichtverstehen braucht man Andersdenkende nicht in der Art zu diskreditieren wie Sie es tun. Wenn Sie ihre Meinung bereits in einer Rezension kundgetan haben, sollte dies ausreichend sein.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.12.2013 19:17:04 GMT+01:00
Nevermore meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.01.2014 13:18:14 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 06.01.2014 14:49:56 GMT+01:00]
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