Kundenrezension

644 von 757 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Neues aus dem Krankenhaus, 7. März 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Feuchtgebiete (Broschiert)
Eigentlich ist das Buch gar nicht so schlecht. Dabei ist es überhaupt nicht erotisch. Zwar liest man viel über weibliche Geschlechtsorgane und alle Arten von Körperflüssigkeiten. Aber beim Lesen erinnerte mich das nicht an das Thema Sex, sondern an die netten Gespräche in der Mensa an der Uni, wenn meine guten Freunde aus dem Fachbereich Medizin wieder mal über eiternde Wunden, von Kieferchirurgen geklaute Köpfe und kuriose Sexunfälle sprachen, während sie sich eklig grünen Yoghurt reinlöffelten.

Tatsächlich spielt das Buch auch wirklich im Krankenhaus. Wir lesen von einer jungen Frau, die sich permanent mit ihrem Körper beschäftigt. Und dazu gehört auch die Beschäftigung mit den Dingen, die dieser Körper ausscheidet oder auf andere Weise verliert. Und immer wieder geht es auch um das Thema Sex, um den heißen Pfleger und Erfahrungen beim Rasieren von intimen Zonen. Schließlich hat eine gescheiterte Intimrasur den Krankenhausaufenthalt verursacht. Es bleibt aber nicht nur bei heute allgemein üblichen Badezimmerhandlungen. Es ist buchstäblich schmutzig, was wir hier lesen. So sehr, dass man nach einer Weile wirklich genervt ist. Denn die Traktate über einige der Körpersäfte wiederholen sich gelegentlich.

Leider gelangt man zur wirklichen Aussage des Buches, zu der eigentlich erzählten Geschichte, erst dann, wenn man sich trotzdem durchbeißt und weiterhin aufmerksam auf jeden einzelnen Satz achtet. Das fällt schwer. Bei Seite 130 war ich so weit, dass ich die Lust verlor. Aber weiter zu lesen und sich etwas zu quälen, war dann doch richtig. Denn die Autorin hat hier durchaus mehr untergebracht, als man zuerst vermutet. Es fällt auf, dass die soziale Umgebung dieser Patientin extrem beschränkt ist. Da gibt es Mutter und Vater, beide allerdings geschieden. Ein Bruder, der erst ganz spät im Buch zu Besuch kommt. Mitschüler gibt es wohl, aber sie kommen nicht im Krankenhaus vorbei. Von Männern hört man zwar in den Erzählungen der Protagonistin, aber sie bleiben blass wie unbewiesene Behauptungen. Besuche natürlich Fehlanzeige. Natürlich kein fester Freund. Und soviel hat der heiße Pfleger aus dem Krankenhaus auch nicht zu erzählen. Schrittweise und in wenigen, einzelnen Sätzen erfährt man dann das Drama hinter der Familie. Ein Selbstmordversuch. Der neurotische Katholizismus der Mutter. Die Scheidung. Die Sprachlosigkeit. Und man ahnt, welche Auswirkungen dies auf das Leben der Patientin hat. Schrittweise verwandelt sich der coole Umgang mit dem eigenen Körper in Selbstzerstörung.

Was hier erzählt wird, ist natürlich das Schicksal einer Patientin mit Borderline Syndrom. Nur das hier die Selbstverletzungen nicht mit Klingen sondern mit Keimen erfolgen. Da hilft es auch nicht, dass die Protagonistin sich selbst immer wieder als geile Schlampe darstellt. Denn das Buch ist zwar aus der Ich-Perspektive geschrieben, aber die Ereignisse sind doch zu klar, als dass man die Krankheit ignorieren könnte. Und selbstverständlich wird sie schlimmer im Verlauf des Buches. Bis zum Höhepunkt und Schluss hin. Die Ratio, das eigene Erleben und die Gefühlswelt hinter dem selbst verletzenden Verhalten der Patientin, ist hier wirklich überzeugend und schlüssig dargestellt.

Als Roman ist das Buch aus meiner Sicht dennoch gescheitert. Die Geschichte ist mir dann doch etwas einfach gestrickt. Eine gute Situations- und Charakterbeschreibung macht noch keinen Spannungsbogen. Und die Beschreibungen des scheinbar so coolen Umgangs mit dem eigenen Körper sind zu lang geraten und wohl auch für viele Leser missverständlich. Ich habe den Verdacht. dass dies nicht so sehr an der Intention der Autorin liegt, sondern an der Verkaufsstrategie des Verlages. Mit dem Schlampenimage verkauft sich das Buch einfach besser als über die psychische Erkrankung einer jungen Frau. So erhält man dann einen redaktionellen Artikel in der Zeit und in der Bildzeitung. Und auch die Aussage der Autorin, die Protagonisten sei zu 70% sie selbst, möchte ich mal vorsichtig ins Reich der Verkaufsstrategie verweisen. Denn erstens gönne ich der Autorin ein besseres Leben, und zweitens geht es im Buch um eine 18jährige Schülerin und nicht um eine Bücher schreibende Mutter von Ende 20 mit erfolgreicher Medienkarriere. Hätte man also einfach die scheinbar so coolen Sexpassagen gestrichen, hätte man ein kürzeres, intensiveres, klareres Werk vor der Nase gehabt. Allerdings wohl eher eine Kurzgeschichte als einen Roman.

Fazit: Wer in seinem Leben auf nichts anderes stolz sein kann als nur auf seine Orgasmen, der hat wirklich ein Problem. Und das gilt dann wohl auch für die Männer auf dieser Welt, oder?
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Kommentare

Von 3 Kunden verfolgt

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1-10 von 28 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 06.04.2008 11:06:30 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 06.04.2008 11:07:14 GMT+02:00
Genau der Begriff "Borderline" fiel mir auch ein, als ich die Linernotes zu dem Buch las.

Veröffentlicht am 06.04.2008 11:06:32 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 06.04.2008 11:07:29 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 06.04.2008 11:06:36 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 06.04.2008 11:07:36 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 29.06.2008 11:56:33 GMT+02:00
U. Becker meint:
endlich einmal eine kluge und fundierte rezension, hier hat einer mal richtig hingeschaut!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.06.2008 08:29:00 GMT+02:00
Ja, manchmal hilft es, wenn man ein Buch einfach gelesen hat, wenn man eine Rezension schreibt, statt nur die Berichterstattung in der Presse, den Klappentext oder die ersten 30 Seiten ;-)

Niclas

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.07.2008 22:55:19 GMT+02:00
Bloß schade, wenn in der Rezension gespoilert wird (ohne Kennzeichung).
Finde ich dann auch nicht hilfreich, wenn man die Rezensionen liest,
um sich die Kaufentscheidung zu erleichtern!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.07.2008 07:28:14 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 23.05.2010 02:03:41 GMT+02:00
Hallo Frau Möhrke,

ganz ehrlich gesagt, Sie haben das Buch wahrscheinlich auch nicht gelesen. Zumindest nicht aufmerksam bis zum Ende. Denn das Ende wird in meiner Rezension gerade nicht besprochen. Denn zum "Höhepunkt und Schluss" gäbe es sonst auch noch eine ganze Menge zu sagen. Ohne jetzt den von Ihnen vermuteten Fehler zu begehen (also Vorsicht, Spoiler): In welcher Form wird die Protagonistin denn das Krankenhaus verlassen? Wird sie es überhaupt verlassen? Und was wird jetzt aus der Geschichte mit dem Pfleger? Wie sieht der entlarvende Höhepunkt des selbstverletzenden Verhaltens aus? Tatsächlich sind die letzten Seiten schon ganz clever geschrieben. Für den aufmerksamen Leser jedenfalls. Und wie so oft kommt es bei diesem Buch auf die Perspektive an. Auch auf die Erzählperspektive. Vielleicht lesen Sie das Buch ja doch noch. Wenn ja, viel Spaß.

MfG

Grabowski

Veröffentlicht am 23.08.2008 18:20:21 GMT+02:00
[Von Amazon gelöscht am 24.08.2008 20:39:04 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 30.08.2008 00:41:05 GMT+02:00
MichaelBiehn meint:
Boa! Hut ab! So sieht ne Einser-Rezension aus...

Veröffentlicht am 06.09.2008 13:51:42 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 06.09.2008 14:09:56 GMT+02:00
Mamaleone meint:
Das ist mal eine intelligente und, ich denke objektive Rezension! Da das Buch auf der Bestsellerliste ganz oben steht, hatte ich schon überlegt, ob ich mir das antue. Jetzt weiß ich, dass ich mir das Geld für einen Besuch bei Starbucks spare und, dass ich mir in meiner knapp bemessenen Freizeit doch etwas mehr LITERATUR gebe!!! Herzlichen Dank, Niclas! Sie haben mir sehr geholfen!
Viele Grüße aus dem Norden
Carola
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