Kundenrezension

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3.0 von 5 Sternen Halbgarer Neuanfang, 17. Oktober 2013
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Rezension bezieht sich auf: Steelhammer (Ltd.Digipak) (Audio CD)
Gleich zwei gravierende Abgänge müssen U.D.O. im Vorfeld ihres 14. Studioalbums "Steelhammer" (2013) verkraften. Zum einen verlässt Lead-Gitarrist Igor Gianola die Band. Insgesamt 14 Jahre prägt er den Sound der Truppe um Ex-Accept Sänger Udo Dirkschneider maßgeblich mit gefühlvollen Soli und krachenden Riffs. Aus kreativer Sicht noch einschneidender ist allerdings das Ausscheiden von Mastermind Stefan Kaufmann. Der Solinger ist seit 1978 musikalischer Partner von Udo, zunächst als Schlagzeuger bei Accept, später als Rhythmusgitarrist, Komponist und Produzent bei U.D.O. Ende 2012 muss er aus gesundheitlichen Problemen seine Karriere beenden. Kaufmanns stampfende Power-Riffs sind seit jeher das markanteste musikalische Element der Band.

Es ist also eine Art Neuanfang für Udo Dirkschneider (Gesang), Fitty Wienhold (Bass) und Francesco Jovino (Schlagzeug). Andrey Smirnov (u.a. Everlost, Paul di'Anno und Blaze Bayley) und Kasperi Heikkinen (u.a. Merging Flare und Amberian Dawn) heißen die neuen Mitglieder. Vielen Fans noch recht unbekannt, liefert das Gitarren-Duo aber gleich einen prägnanten Einstand ab. Insbesondere nachzuhören auf der Vorab-Single "Metal Machine". Die Riffs donnern und sägen in bester Kaufmann-Manier und Udos Reibeisenstimme raspelt gewohnt schneidig. Dazu ein Headbang-Refrain mit gebellten Gangshouts - fertig ist das wohlschmeckende Oldschool-Süppchen. Könnte auch aus den 1980ern stammen. Leider gerät nicht das ganze Material des Albums derart überzeugend.

Im Titelsong "Steelhammer" regiert zwar der Selbige, doch der geleierte Refrain geht einem mit der Zeit auf die metallverstärkten Testikel. Da hatten U.D.O. in der Vergangenheit schon wesentlich spritzigere Ideen. Zweifellos heavy, aber etwas zu vorhersehbar.

Die bitterböse Finanzkrisen-Abrechnung "A cry of a Nation" vermag hingegen zu packen. Schwere Riffs im mittleren Tempo und harmonische Melodie-Strukturen - gute Kombination. Dirkschneider und Wienhold schreiben die meisten Songs und produzieren das Album auch und das tut dem Sound gut. Die Zeiten der sterilen Bassdrum sind glücklicherweise endlich vorbei, alles klingt organischer und natürlicher.

Ungewöhnlich wird es im rein spanischen "Basta ya!". "Wir haben genug" ist der Schlachtruf vieler Demonstranten in Udos Wahlheimat Spanien, wenn sie gegen die Krise aufbegehren. Gemeinsam mit seinem Duettpartner Victor Garcia von Warcry ist eine klassische Metal-Hymne für alle Unterdrückten und Benachteiligten entstanden. Eigentlich ist der Titel als Ballade geplant, funktioniert aber mit rollenden Stakkato-Riffs deutlich besser.

Eine Ballade haben U.D.O. nämlich anschließend im Gepäck. Das traurige "Heavy Rain" wird getragen von Piano und gefühligen Streichern. Hier verarbeitet Dirkschneider das Ende seiner 25-Jährigen Beziehung. Sehr ergreifend und vom Soundbild eher bei den Beatles als im Metal zu verorten. Solche Experimente tun jederzeit gut und sorgen für die nötige Abwechslung, die im Folgenden leider etwas verloren geht.

"Devil's bite" beginnt mit danceartigen Keyboard-Licks, ehe die Gitarren aufmarschieren. Ganz nette Nummer, mehr nicht.

"Death Ride" brettert angenehm zackig und gehört zu den stärkeren Titeln. Heavy Metal in seiner urwüchsigsten Form. Richtig geil. Die Doublebass wird auf "Steelhammer" ansonsten eher selten eingesetzt im Vergleich zu vorherigen Veröffentlichungen. Hier und da hätte sie einigen Songs ganz gut getan.

Eventuell auch dem verunglücklichten "King of mean". Die Strofen sind noch ganz gut, für einen richtig starken Refrain hat es nicht mehr gereicht.

Den bekommt man dann tonnenschwer und brachial in "Timekeeper" serviert. Einer meiner Lieblingssongs des Albums. Kraftvoll, melodisch und zupackend. Stark!

Mit "Never cross my way" geht es zurück in die 80er. Trotz der satten Gitarren mehr Ballade als Rocker. Anno dazumal sicherlich ein Single-Kandidat, für die Neuzeit vielleicht etwas zu kommerziell. Sticht heraus, auch wenn der Refrain am Ende etwas zu häufig wiederholt wird.

"Take my Medicine" macht zwar ordentlich Rabatz, vom Hocker reißt es nicht wirklich.

Wesentlich besser lässt sich "Shadows come alive" an, der Bonustrack der Limited Edition. Sofort nickt der Kopf im Takt mit. Hell yeah! Genau das will man als Fan von U.D.O. hören. Kann vollständig überzeugen. Wieso das ein Bonustrack sein soll - keine Ahnung. Ist für mich neben "Timekeeper" der Höhepunkt der LP.

Meinetwegen hätte man lieber auf "Stay true" verzichtet. Traditionelles Metal-Geschwurbel ohne große Seele. Gefällt mir gar nicht.

"When love becomes a lie" geht hingegen klar. Ragt nicht besonders heraus, ist aber gut hörbar.

Zum Abschluss wird es mit "Book of faith" nochmal experimentell. Klingt anfangs wie der tangogetränkte Soundtrack eines klassischen Westerns und mutiert dann zum Hard Rock-Stampfer, der am Ende sogar mit Streichern auftrumpft. Muss man sich erst dran gewöhnen. Wird nach und nach aber immer interessanter.

Alles in allem ist "Steelhammer" ein zweischneidiges Schwert. Einerseits gilt es positiv zu vermerken, dass U.D.O. sich musikalisch weiterentwickeln wollen, was auf den letzten Alben deutlich zu kurz gekommen ist. Es gibt mehr Abwechslung und vielseitigere Arrangements, von Keyboard über Geigen ist alles dabei. Einheitsbrei war gestern. Allerdings ist der Qualitätsunterschied zwischen den einzelnen Songs teilweise frappierend und manches Material hat zu wenig Ruppigkeit und Durchschlagskraft. Die Düsternis der letzten LPs ist etwas verloren gegangen. Es entsteht nie wirklich ein homogenes, rundes Gesamtbild. Klingt eher wie eine Compilation mit einiger Ausschussware. Zwei, drei Songs weniger wären wohl angebracht gewesen. Immerhin hat man diesmal auf ein unpassendes Comic-Cover à la "Dominator", "Rev-Raptor" oder "Celebrator" verzichtet. Hier wurde zuletzt deutlich übertrieben. Die Faust ist eindeutiges Statement und Klischee zugleich. So wie auch die enthaltene Musik. Man muss die alten Tage des Metal schon mögen, um Udos Truppe und deren Sound gut finden zu können. Sicher, es gibt musikalisch versiertere Bands. Einen guten Job erledigen die Musiker und besonders die beiden neuen Gitarristen aber trotzdem. Schlägt sich auch in den Charts nieder. Dank offensiver iTunes-Promotion und ingesamt vier Singles geht das Album bis auf Platz 21 in Deutschland.

Wer mit 61 Jahren noch so aktiv und fit ist wie Udo Dirkschneider, der hat seinen Platz in der Metal-Welt mehr als verdient. Ein richtig schlechtes Werk kann er ohnehin nicht abliefern. Nächstes Mal aber darf es ruhig wieder etwas bissiger zugehen.
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