Kundenrezension

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine gute und leicht verständliche Interpretation des Lessing-Werkes, 8. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Nathan und seine Kinder: Roman (Gebundene Ausgabe)
Kurzbeschreibung:
Jerusalem, zur Zeit der Kreuzzüge um 1192: Die Christen haben die Heilige Stadt an Sultan Saladin verloren. Von den gefangenen Kreuzfahrern begnadigt er nur einen einzigen: den jungen Tempelritter Curd von Stauffen. Die gute Tat zieht eine weitere nach sich: Der Tempelritter rettet das Mädchen Recha aus den Flammen ihres Hauses. Sie ist die Tochter des jüdischen Kaufmanns Nathan, den man den Weisen nennt.
Während Recha und ihr Lebensretter, die Jüdin und der Christ, einander zunächst verkennen und verfehlen, braut sich über Nathans Kopf Unheil zusammen. Sultan Saladin befiehlt ihn zu sich und stellt ihm die schwierigste aller Fragen: Welche Religion ist die einzig wahre?
Nathan antwortet mit dem berühmten Gleichnis von den drei Ringen - doch wird das den Sultan zufriedenstellen? Außerdem ahnt Nathan nicht, dass ihm inzwischen der christliche Patriarch von Jerusalem und ein moslemischer Hauptmann nach dem Leben trachten...

Zur Autorin:
Mirjam Pressler, geboren 1940, lebt in Landshut. Sie ist eine der renommiertesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen, ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet, darunter die berühmten Romane "Bitterschokolade", "Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen" und "Malka Mai". Zuletzt erschienen von ihr die Romane "Golem stiller Bruder" und "Shylocks Tochter". Für ihr literarisches Gesamtwerk wurde sie mit der Carl-Zuckmayer-Medaille und dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet. "Nathan und seine Kinder" war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 nominiert. Mirjam Pressler selbst erhielt den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises 2010 für ihr Gesamtwerk.

"Es fehlt ihm wohl noch an der Erfahrung, die jeder Mensch mit Vernunft irgendwann macht, nämlich dass Edelmut und Menschlichkeit nicht von der Religion abhängen. Es gibt in jedem Volk gute und ehrliche Menschen, egal zu welchem Gott sie beten, so wie es überall auch böse und grausame Menschen gibt." (Seiten 104/105 )

Rezension:
Mirjam Pressler erzählt in "Nathan und seine Kinder" das wohlbekannte Stück "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing in einer variierten Form. Sie orientiert sich zwar größtenteils an Lessings Werk, erweitert und verändert es aber in einigen Teilen, z.B. durch neue Personen.

Nathan lebt mit seiner Tochter Recha und seinen Bediensteten, wie z.B. Daja (Rechas Gesellschafterin), Elijahu (der Verwalter) und Jakob (Gehilfe Nathans) im Jerusalem des ausgehenden 12. Jahrhunderts. Als Nathans Haus brennt, wird seine Tochter Recha vom Tempelritter Curd von Stauffen aus den Flammen gerettet und Recha verliebt sich in ihn. Obwohl der Tempelritter und Nathans Familie zwei verschiedenen Glaubensrichtungen angehören, er Christ, die anderen Juden, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Nathan und Curd.

Sultan Saladin, der Curd von Stauffen als einzigen Tempelritter am Leben ließ und der sich unter seinem Schutz befindet, zitiert Nathan eines Tages in seinen Palast, da er an Nathans Vermögen interessiert ist. Hier stellt er ihm die berühmte Frage, welche Religion die einzig wahre ist und Nathan antwortet mit der nicht minder bekannten Parabel über die drei Ringe.

Erzählt werden die Kapitel jeweils aus der Ich-Perspektive von verschiedenen Charakteren: Geschem, dem Waisenjungen, der in Nathans Haus lebt, Daja, Rechas Gesellschafterin, Elijahu, dem Gutsverwalter Nathans, Recha, der Tochter, dem Tempelritter Curd von Stauffen, Al-Hafi, einem Derwisch, der in Saladins Diensten steht, Sittah, der Schwester Saladins und Abu Hassan, dem Hauptmann Saladins. Einzig Nathan wird hier außen vor gelassen, über ihn wird nur durch die Erzählung der anderen berichtet, nie aus seiner Blickweise.

Etwas überrascht war ich vom Ende der Geschichte, da diese nicht gut ausgeht, sondern mit einem Mord. Die eigentliche Aussage des Textes, nämlich dass verschiedene Religionen nebeneinander und miteinander leben können, geht mit diesem anderen Schluss des Buches leider verloren.

Trotz dieses Mankos ist Mirjam Pressler mit "Nathan und seine Kinder" eine, obwohl in historischer Zeit angesiedelte, moderne Erzählung gelungen, denn Verbrechen und Kriege im Namen der verschiedenen Religionen finden leider heutzutage noch genauso statt und ein Zusammenleben gestaltet sich nach wie vor als sehr schwierig.

Zur Gestaltung des Buchs: Die Aufmachung hat mich sehr begeistert. Ein stabil gebundenes Buch in einem dunkelroten Einband, ausgestattet mit einem Lesebändchen. Das Cover ist in einem hellen Gelb gehalten, am oberen Rand ist eine Granatapfelblüte abgebildet, am unteren Rand die Stadtansicht Jerusalems. Am Beginn des Buches werden die einzelnen Personen aufgeführt, beendet wird das Buch durch eine Zeittafel, einen Zitatnachweis und einem informativen Glossar.

Fazit: Ich vergebe ein "Empfehlenswert" für alle interessierten Leser, die "Nathan der Weise" einmal in einer Variation lesen möchten, die überaus fundiert ist, was die historischen Begebenheiten anbetrifft, aber mit einem anderen Ende der Geschichte aufwartet. Aber auch für Leser, die "Nathan der Weise" eventuell als zu "trocken" empfinden oder das Stück noch nicht kennen, ist "Nathan und seine Kinder" ein guter, leicht verständlicher Einstieg.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 10.02.2014 20:29:27 GMT+01:00
Abdelazar meint:
So überaus fundiert sind die historischen Begebenheiten nun auch wieder nicht, und sonst von Lessing übernommen. Eine kleine historische Peinlichkeit leistet sich die Autorin allerdings: Im Buch wird im Jerusalem des 12. Jahrhunderts ein Getränk mit Vanille gewürzt. Dabei kam die Vanille erst mit den ersten Amerika-"Entdeckern" in unsere "alte" Welt Europa, Afrika, Asien, also erst etwas über 200 Jahre später.
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