Kundenrezension

42 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mozart aus Perm, 14. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Le Nozze di Figaro (Audio CD)
Es klingt wie ein Märchen: Im Reiche des mächtigen und gar despotischen Zaren Wladimir des Großen lebt über 1000 km vom Zarenhof entfernt in der östlichsten Stadt Europas am Fuße eines mächtigen Gebirges ein gütiger Gouverneur, der die Kunst über alles liebt. Aus zauberhaften Quellen hat er Geld und möchte es für die schönen und wahren Dinge des Lebens ausgeben, also nicht für Eishockey oder Fußball. Ein hochbegabter, aber mittelloser Zauberkünstler aus dem ebenso mittelosen Athen hat es über seine Studien ins ferne Sibirien verschlagen und eben diesen Zauberlehrling ruft sich der Gouverneur an seinen Hof. Respektlos fordert er gleich noch ein Orchester aus den gebildetsten Musikern des Landes und gute Sänger für einen Chor – und bekommt es! Und auf das sich der Ruhm aus dem fernen Osten weit über die Welt verbreite, will man auf Tonträgern die unbestritten göttlichsten Werke der Opernwelt, die drei Mozartopern komponiert auf Texten des Lorenzo da Ponte, bannen. Und nicht als verhusteten Mitschnitt einer Theateraufführung, nein zwei Wochen lang darf der Zauberlehrling mit seinen Musikern, die sich den schönen Namen „ewige Musik“ gegeben haben, im Theater des Gouverneurs proben, tüfteln, aufnehmen, seine unbescheidene Vision verwirklichen: einfach die beste Aufnahme dieser Opern zu machen!
Da staunt man im Land der Dichter und Denker schon, da wo Provinzgouverneure Orchester auflösen, pardon fusionieren, wo Rechnungshöfe solch sittenwidrigem Treiben in einem Opernhaus betriebswirtschaftlich schnell den Garaus machen, wo aber auch wohlbestallte Orchestermusiker ihre Probenzeiten äußerst ungern über den Tarifvertrag hinaus verlängern lassen. Und nun liegt es vor, in eleganter Buchform, das Wunder von Perm, in die Welt verschickt nun nicht von einem kleinen armen, aber leidenschaftlichen Verleger, nein dann doch von einem japanischen Riesenkonzern. Das Märchen scheint aber damit noch nicht zu Ende, soll doch die aus dem schönen Sachsen stammende schöne Sängerin der Gräfin gar zum orthodoxen Glauben des Zauberlehrlings übergetreten sein (Rondomagazin) und in der zauberhaft winterlich verschneiten Stadt wird weiter mit Leidenschaft aufgenommen, so verspricht es poetisch ein Videoclip. Subtiler und raffinierter kann Marketing ja auch nicht sein.
Das Wunder von Perm also - wird das Unvergleichliche Ereignis? Ja, eindeutig und das trotz der hohen Latte eines René Jacobs. Teodor Currentzis, der auf dem Bild im Buch jugendlich wie der deutsche Zauberjazzer Michael Wollny wirkt, und sein „Musikaeterna“ lassen Mozart wirklich so spannungsvoll vibrieren, dass man 3 Stunden gebannt zuhört, auch die Rezitative nicht vorzippt. Das klingt dermaßen rhythmisch, energiegeladen, immer wieder neu, aber nie manieriert und stellt so selbst Jacobs noch ein wenig in den Schatten. So drängt sich mir hier nochmal der Vergleich zu dem genialischen Jazz-Improvisator Michael Wollny auf. René Jacobs setzt manchmal noch größere Akzente im Blech, der Streicherklang des Concerto Köln ist dann aber dünner und alles wirkt, nach erstem nächtlichen Vergleichshören, fast vordergründig effektvoller. Wer bei Karl Böhm oder gar Karajan hängen geblieben ist, wird sicher einen Schock bekommen, andererseits hier eingestiegen erspart er sich manche Irrungen und Wirrungen der historisch informierten Spielweise (Harnoncourt, Östmann, Gardiner, Norrington). Trotz des vorherrschenden Extremismus klingt die Nozze unter Currentzis niemals übertrieben sondern auf schwer beschreibbare Weise organisch von der ersten bis zur letzten Note. Auch der von René Jacobs gesetzte Standard beim Begleiten der Secco-Rezitative durch das Hammerklavier, das sich auch in die Arien einbringt, wird noch mal leicht getoppt, durch knappes, witziges Improvisieren. Das wirklich schöne ist, das Currentzis nichts über einen Kamm schert, der Musik auch Ruhe und Atmen lässt („Canzonetta sull’aria“, „dove sono“). Ein kleines Wunder ist so die Arie der Barbarina zu Beginn des 4. Aktes, ganz ernst gesungen von Natalya Kirillova, da steht der tolle Tag einfach still.
Der weitere Unterschied zu Jacobs Aufnahme ist der Gesangsstil, der bei Jacobs dann doch mit Sängern wie Keenlyside, Gens und Kirchschlager, die auch große Häuser füllen, noch weit „opernhafter“ ausfällt. Obwohl konsequent mit wenig Vibrato gesungen wird, klingt das nicht aseptisch, wie bei manchen älteren Aufnahmen der „Alten-Musik-Szene“. Das schon angesprochene „Dove sono“ der Gräfin Simone Kermes, die gar nicht die Barockfurie herauskehrt, lässt einen im Übergang zur Wiederholung schon den Atem anhalten. Das bleibt sicher Geschmackssache, gerade bei Frau Kermes. Und wohl auch kein Dogma, die Männer dürfen sich eher ausleben. Die mir bisher völlig unbekannten Sänger ließen sich vom Dirigenten anstecken und gehen voll in ihren Rollen auf. Andrei Bondarenko ist ein viriler Graf, immer Edelmann, immer auch charmant (Duettino mit Susanna: „Crudel…“), angemessen auftrumpfend im „hai gia vinta la causa“, das schon berühmtere Sänger in Atemnot gebracht hat. Christian Van Horns Figaro unterscheidet sich von der Stimmfarbe nicht so sehr vom Grafen, gibt kraftvoll den großspurigen Möchtegernrevoluzzionär, möchte wohl gerne Graf anstelle des Grafen sein. Susanna und die Gräfin unterscheiden sich dagegen stärker, Simone Kermes eher dunkel herb, wie immer intensiv, wird doch von Fanie Antonelou fast in den Schatten gestellt. Rein stimmlich gesehen kann man den Grafen da schon verstehen, dass er sich diese Susanna nicht entgehen lassen will und sie führt ihn auch mit einer abgefeimten Unschuld und Raffinesse auf’s Glatteis. Mary-Ellen Nesi ist ein viel dunklerer Cherubino als Angelika Kirchschlager, sehr schön. Witzig der polternde, abgrundtiefe Antonio von Gerry Agadzhanian. Muss man sich diese Sängernamen merken, werden sie im knallharten Opernbusiness bestehen, in riesigen Staatsopern gegen das Orchester kämpfen? Fast wünscht man ihnen, dass sie lange in dieser Zauberwelt bleiben können.
Nur die Studioaufnahme an sich schafft noch keine Meisterleistungen, das zeigt die Schallplattengeschichte in teils ernüchternder Weise. Teodor Currentzis hat aber die märchenhaften Bedingungen genutzt, intensiv gearbeitet und damit doch ausgerechnet in Perm ein kleines Wunder vollbracht, dass man als Opernfan unbedingt gehört haben muss. Und vielleicht führen die rockige Rhythmik und der klare, sehr angenehme Gesang auch junge Menschen mal zur Oper? Dabei bleibt bei aller rhythmischen, „rockigen“ Unerbittlichkeit, allem Furor doch die unergründliche Mozartsche Leichtigkeit, aber auch Doppelbödigkeit gewahrt. Dem „Contessa perdono“ kann man sich eh nicht entziehen, Currentzis und seine Sänger machen das ganz ruhig, in sich gekehrt – Mozart, „Balsam für die Seele“, wie das altgediente Klassikfans immer gerne sagen.
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.02.2014 18:21:27 GMT+01:00
Gregor Nagler meint:
Ihrer superben Rezension ist im Grunde nichts mehr hinzu zu fügen. Ich bin nur nicht so sicher, ob ich Currentzis Version der von Jacobs vorziehe. Das ist aber auch egal: Die Aufnahme ist "zum Heulen" schön, eine Möglichkeit, Mozart heute (nach Harnoncourt und Jacobs) zu spielen, eine Ensemble-Großtat. Da hätte es die Selbstbeweihräucherung des "Dirigenten-Divo" im wunderbar gestalteten Begleitbuch gar nicht unbedingt gebraucht...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 15.02.2014 10:49:07 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 01.03.2014 21:17:57 GMT+01:00]
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Thomas Barisch
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