Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Boulez' "Jahrhundertring" - endlich in einer Box erhältlich, 3. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Ring des Nibelungen (Ga) (Audio CD)
Lange hat sich Philips geziert, die schon immer einzeln erhältlichen Teile dieser Einspielung in einer Box herauszubringen. Jetzt ist es endlich soweit! Es handelt sich dabei um Aufnahmen der von 1976 bis 1980 mit großem Erfolg gespielten 'Jahrhundertinszenierung' von Patrice Chéreau, die 1979 (Götterdämmerung, diese noch analog) und 1980 (digital) im Bayreuther Festspielhaus aktweise ohne Publikum aufgezeichnet wurden. (Zugegeben: Bei der Beurteilung dieser Einspielung gänzlich objektiv zu sein, fällt mir nicht leicht, denn mit der Fernsehausstrahlung der von der Unitel und dem Bayerischen Rundfunk produzierten Aufzeichnung Anfang der 80er Jahre in der ARD begann meine bis heute anhaltende Begeisterung für die Musik Richard Wagners. Das Nostalgiesternchen zusätzlich möge man mir daher verzeihen...).

Was bleibt gut 25 Jahre später von dieser bei ihrer Premiere hochumstrittenenen und später fast ausnahmslos gefeierten Inszenierung übrig, zumal dann, wenn sich die Beurteilung wie im vorliegenden Fall zwangsweise nur auf die Musik konzentrieren muss? Boulez'' Dirigat gehört neben dem von Karl Böhm (1966/67) zu den schnellsten, die bis heute gespielt worden sind. Definitiv ein Pluspunkt, da es zu keinem Zeitpunkt unpassend wirkt, sondern an den richtigen Stellen die Dynamik der Handlung hervorhebt. Als Beispiel sei der Botenbericht der Waltraute genannt (Götterdämmerung, 1. Aufzug, 3. Szene): Dass die Botin abgehetzt und ihre Nachricht dringlich ist, wird von vielen Dirigenten (am schlimmsten bei Knappertsbusch) zu Lasten einer überdimensionierten Entfaltung der Waltraute-Partie schlichtweg ignoriert. Dieser Gefahr erliegt Boulez zu keinem Zeitpunkt. Die Besetzung der Gesangspartien ist nicht durchgängig von herausragender Qualität. Zwar gibt es keine Totalausfälle, doch gehört Donald McIntyre sicherlich nicht in die allererste Liga der Bayreuther Wotan-Interpreten. Er bringt die Verzweiflung und Zerrissenheit Wotans insbesondere in der Walküre hervorragend zur Geltung, insgesamt ist die Stimme jedoch einfach zu schwach, und auch in seinen späten Bayreuth-Jahren litten seine Darbietungen zu sehr unter seinem starken englischen Akzent. Manfred Jungs Siegfried ist ebenfalls keine Offenbarung: Sein Vortrag ist von inbrünstiger Intensität, aber letzlich muss auch ein Heldentenor mehr als nur laut und kraftvoll sein. Auf der Plusseite zu verbuchen sind auf jeden Fall der damals am Anfang seiner Karriere stehende Siegfried Jerusalem, der Frohs in diesem Fall leider viel zu kleine Partie mit glasklarer Stimme intoniert. Peter Hofmann stand Anfang der 80er im Zenit seiner (leider viel zu kurzen) Karriere als Wagner-Tenor: Sein Siegmund gehört ebenfalls zu den Glanzlichtern der Aufnahme und wird durch Jeannine Altmeyers großartige Sieglinde und Matti Salminens perfekten Hunding kongenial ergänzt, was insbesondere den ersten Aufzug der Walküre zum Höhepunkt der Aufnahme macht. Herausragend ist aber vor allem Heinz Zednik in seiner Paraderolle als Mime im Siegfried und als wohl bester Loge, der jemals den Weg auf einen Tonträger gefunden hat. Seine Interpretation des Feuergottes als mephistophelischer Schalk ist bis heute unübertroffen. Doch hier zeigt sich gleichzeitig auch die Krux dieses Rings bei seiner Reduzierung auf die Musik: Wie kaum ein anderer war er als MusikTHEATER konzipiert, will sagen: Auf die schauspielerischen Leistungen aller Mitwirkenden wurde von Chereau großen Wert gelegt, und sie sind größtenteils hervorragend; selbst die durchschnittlichen Gesangsdarbietungen von McIntyre oder Gwyneth Jones (Brünnhilde) werden dadurch deutlich aufgewertet. Wer diesen Ring in Gänze würdigen will sollte daher ein paar Euro mehr investieren und zu den bei der Deutschen Grammophon erschienenen DVDs greifen, welche die eingangs erwähnte Fernsehaufzeichnung enthalten. Der Ton ist 5.1 remastered worden, und der einzige Wermutstropfen ist die unterirdische NTSC-Bildqualität.

Fazit: Auf meiner persönlichen Favoritenliste von Bayreuth-Einspielungen belegt der Boulez-Ring Platz 3: Zwar weit hinter dem (erst 2006 von dem kleinen englischen Label Testament veröffentlichten!) 55er Ring unter Joseph Keilberth, aber schon knapp hinter Böhms Ring von 1966/67. Und da ich allgemein Live-Aufnahmen Studioeinspielungen vorziehe (aber das ist keine qualitative Aussage, sondern reine Geschmackssache) und eine ordentliche Tonqualität für mich ein Muss ist (es ist sicher richtig, dass Furtwänglers Scala-Ring eine musikalische Sternstunde war,' ihn sich anzuhören ist aufgrund der grausamen Qualität trotzdem mehr Arbeit als Vergnügen!), liegt der Boulez-Ring auch insgesamt auf einem der vorderen Plätze.
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