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5.0 von 5 Sternen Über Menschen, deren Weltbild absolut gediegen, absolut schlüssig und absolut falsch ist. Rezension zu G K Chesterton "Ketzer", 15. November 2013
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Rezension bezieht sich auf: Ketzer: Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit (insel taschenbuch) (Taschenbuch)
"Das Wort >Rechtgläubigkeit< bedeutet nicht nur nicht mehr, dass man recht hat; es heißt praktisch, dass man im Unrecht ist." (G.K. Chesterton, "Ketzer" S.11)

Gilbert Keith Chesterton (1874-1936) ist nicht nur ein begeisternder Erzähler, wie wir ihn von den unvergleichlich scharfsinnigen Pater Brown Detektivgeschichten kennen und ein von Geist und Witz sprühender, begnadeter Essayist. Er war auch ein leidenschaftlicher Kritiker des Modernismus. (Der marxistische Philosoph Ernst Bloch sagte einmal, Chesterton sei einer der gescheitesten Männer, die je gelebt haben.) Indem Chesterton stets mit klarsichtigem Scharfsinn auf die Denkfehler der Moderne hinwies (Denkfehler, die in der Postmoderne noch offensichtlicher geworden sind), hat er uns auch heute viel zu sagen.

Wer G. K. Chesterton "Heretics, Ketzer" (erschienen 1905) zur Hand nimmt, darf kein "frommes", religiöses Buch über den ultramontanen christlichen Glauben erwarten (oder eine Abhandlung über die Inquisition), sondern viel mehr eine Analyse des Weltbilds moderner Schriftsteller, denen es offensichtlich nicht mehr gelingt, das Leben in seiner ganzen Fülle zu begreifen. Chesterton bedient sich hier, "erfüllt von der vagen Hoffnung etwas zustande zu bringen", eines geradezu experimentellen Kritikverfahrens, das heute leider zur Rechthaberei verkommen ist: der doktrinellen Methode des 13. Jahrhunderts. Als dogmatischer, unantastbarer Beurteilungsmaßstab dient ihm dabei der traditionelle vernunftgemäße Glaube an die Wirklichkeit des absolut Guten. Gleichzeitig erinnert er die Feinde der Religion an ihren "bescheidenen" dogmatischen Reduktionismus, denn auch deren Vorstellung von der Wirklichkeit ist weder rational, logisch oder naturwissenschaftlich zu beweisen: „Die einen vertreten das unbeweisbare Dogma von der Existenz Gottes; die anderen das nicht beweisbare Dogma von der Existenz des Nachbarn.“ (S. 257) (Eine gute Einführung in die Erkenntnistheorie siehe Reclamheft 8637, Was bedeutet das alles? , S. 9-17. Das Fazit des atheistischen Philosophen Thomas Nagel: "Wenn man nicht beweisen kann, dass außerhalb unseres Bewusstseins etwas existiert, darf man gleichwohl weiterhin an die Aussenwelt glauben?" S. 17) Chesterton folgert daraus, dass unter den Attacken christenfeindlicher Autoren, den Christen jetzt erst richtig bewusst werde, wie viel gesunder Menschenverstand im Mysterium des Christentums steckt. (S. 258) Religiöse Überzeugungen seien zwar gefährlich wie Feuer, doch gegen Bigotterie und Fanatismus könne man sich nur wirksam schützen, indem man sich „durchtränken lasse mit Philosophie und vollgesogen sei mit Religion“. (S. 253) Denn nur so könne man die immer lauernden gegenläufigen Gefahren – Bigotterie, eine blinde Wut ohne feste Meinung, und Fanatismus, eine allzu große Fixierung auf Ideen – bekämpfen. Chesterton macht klar (siehe auch Orthodoxie: Eine Handreichung für die Ungläubigen), dass wir den Anforderungen dieser Welt nur gerecht werden, wenn wir auf den gesunden Menschenverstand (Vernunft) vertrauen: mit Herz und Verstand, mit Nächstenliebe (Feindesliebe) und Humor, mit Logik und Empirie (Hinnahme der "dummen Tatsachen").

Kann der menschliche Geist Fortschritte machen? (Kapitel XX)

Wer nicht sicher ist, ob er dieses Buch lesen will, könnte zunächst mit dem Schlusskapitel XX beginnen. (Seite 242-256) Die "Schlussbemerkung: Warum ist Orthodoxie so wichtig?“ ist nämlich ein hinreißender Essay über die Bedingungen des menschlichen Geistes, der ja aus einer untrennbaren Einheit von Glauben (Ideen und Dogmen) und Vernunft lebt. Chesterton schreibt: „Die Frage, ob der menschliche Geist Fortschritte machen kann oder nicht, wird viel zu wenig diskutiert; denn nichts könnte riskanter sein, als unsere Sozialphilosophie auf die Theorie zu gründen, über die, obgleich sie strittig ist, nie gestritten wir. Einmal angenommen, in der Vergangenheit habe es tatsächlich so etwas wie Zunahme oder Höherentwicklung des menschlichen Geistes gegeben oder es werde sie in Zukunft geben, dann müssen wir wenigstens gegen die heutige Form dieser Höherentwicklung schärfsten Protest einlegen. Das Ungute an der modernen Vorstellung vom geistigen Fortschritt besteht darin, dass dieser durchweg mit dem Sprengen von Fesseln, dem Beseitigen von Schranken, dem Abschaffen von Dogmen assoziiert wird. Wenn irgend es aber geistige Entwicklung geben soll, dann muss sie eine Entwicklung zu immer mehr festen Überzeugungen, zu immer mehr Dogmen meinen. Das menschliche Gehirn ist eine Maschine, die den Zweck hat, Schlüsse zu ziehen; kann sie das nicht, ist sie eingerostet. … Der Mensch lässt sich kaum – wie es bei Carlyle geschieht – als Werkzeuge verfertigendes Tier definieren; Ameisen und Biber und viele andere Tiere fertigen gleichfalls Werkzeuge an, sie bauen sich eine Vorrichtung. Definieren lässt sich der Mensch hingegen als Dogmen verfertigendes Tier. In dem Maß, wie er Lehrsatz auf Lehrsatz und Schlussfolgerung auf Schlussfolgerung setzt, um die gewaltige Ordnung einer Philosophie oder Religion zu schaffen, wird er – in dem einzig legitimen Sinn, den das Wort haben kann – immer mehr zum Menschen.“ (S. 242f)

Chestertons "doktrinelle" Analyse der Moderne (Kapitel I)

Chesterton beginnt seine Verteidungsschrift für das Dogma mit der verblüffenden Feststellung, dass sich moderne Haeretiker für Aufklärer halten, obwohl sie nie geklärt haben, was sie da eigentlich ablehnen: „Die christlichen Dogmatiker wollten eine heilige Herrschaft errichten und bemühten sich deshalb vordringlich um die Feststellung, worin wahre Heiligkeit bestand. Unsere modernen Erziehungstheortiker dagegen streben nach Einführung religiöser Freiheit, ohne vorher geklärt zu haben, was Religion oder was Freiheit überhaupt ist. Wenn in alten Zeiten die Priester der Menschheit ein Dogma aufzwangen, dann gaben sie sich wenigstens vorher Mühe klarzustellen, wovon es handelte. Den Horden der Anglikaner und Nonkonformisten blieb es vorbehalten, den Stab über eine Glaubenslehre zu brechen, ohne auch nur zu klären, was sie beinhaltet.
Aus diesen und vielen anderen Gründen bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es not tut, aufs Grundlegende zurückzukommen. Das ist die leitende Idee, der sich das vorliegende Buch verdankt. Ich möchte mich mit meinen hervorragendsten Zeitgenossen auseinandersetzen, nicht auf persönliche Weise oder in bloß literarischer Form, sondern im Blick auf das wirkliche Lehrsystem, das sie vertreten. Mr. Rudyard Kipling interessiert mich nicht als lebendiger Künstler oder als kraftvolle Persönlichkeit; er interessiert mich als ein Häretiker – das heißt als ein Mensch, der die Dreistigkeit besitzt, eine Sicht der Dinge zu kultivieren, die von der meinen abweicht. Mr. Bernard Shaw interessiert mich nicht als jemand, der zu den brillantesten und ehrlichsten Menschen zählt, die es derzeit gibt; er interessiert mich als ein Häretiker – das heißt als ein Mensch, dessen Weltbild absolut gediegen, absolut schlüssig und absolut falsch ist. Ich kehre zu den doktrinellen Methoden des 13. Jahrhunderts zurück, erfüllt von der vagen Hoffnung etwas zustande zu bringen.“ (S.21)

Das absolut Gute und die Zweifel der Skeptiker (Kapitel II - XIX)

In den folgenden 18 Essays überprüft Chesterton nun mit seiner "doktrinellen Methode" den "negativen Geist" der Moderne. Es geht ihm um das Wahre und absolut Gute. "Natürlich gibt es Wahrheiten bei Kipling und Wahrheiten bei Shaw und Wells. Erkennen können wir sie aber nur in dem Maße, in dem wir eine feste Auffassung von dem, was Wahrheit ist, in uns tragen. Es ist lächerlich zu behaupten, je skeptischer wir seien, desto mehr sähen wir das Gute in allem. Das Gute in allem sehen wir um so mehr, je sicherer wir sind, was das Gute ist." (S.249)

Ein Auszug aus dem II. Essay "Über den negativen Geist", möge dazu anregen, die weiteren Kapitel zu studieren. Chesterton geißelt hier die Sinnentleerung des modernen Werterelativismus und Utilitarismus, er führt drastisch vor Augen, dass Schlagworte wie "Wahrheit", "Gerechtigkeit", "Freiheit", "Fortschritt" und "Erziehung" nur dann mehr sind als Worthülsen, wenn man an die Realität des absolut Guten glaubt: „Jedes der gängigen modernen Schlagworte und Ideale ist ein Kniff, um der Frage auszuweichen, was gut ist. Wir reden gern von „Freiheit“; indem wir das tun, vermeiden wir, uns mit der Frage auseinanderzusetzen, was gut ist. Wir reden gern von "Fortschritt"; damit entziehen wir uns der Auseinandersetzung mit dem Problem, was gut ist. Wir reden gern von „Erziehung“; damit weichen wir der Auseinandersetzung mit dem Problem aus, was gut ist. Der Mensch der Moderne sagt: „Lassen wir all die willkürlichen Normen fallen und entscheiden wir uns für die Freiheit.“ Sinngemäß übersetzt, heißt das: „Entscheiden wir nicht, was gut ist, sondern erklären wir für gut, wenn darüber nicht entschieden wird.“ Er sagt: „Weg mit euren alten Moralvorschriften; ich bin für den Fortschritt.“ Sinngemäß übersetzt heißt das: „Kümmern wir uns nicht darum, was gut ist, sondern kümmern wir uns darum, dass mehr herausspringt.“ Er sagt: „Weder in der Religion noch in der Moral liegt die Hoffnung der Menschheit, sondern in der Erziehung.“ Klar ausgedrückt bedeutet das: „Wir können nicht entscheiden, was gut ist; überlassen wir die Sache unseren Kindern.“ (S. 30)

Fazit:

Chesterton stellt die Frage nach der Realität des absolut Guten, welches die Denker der Moderne aus dem Blick verloren haben. Wer unsere Welt verstehen will, sollte sich also auf G.K. Chesterton einlassen, denn nur wer die richtigen Fragen stellt, kann gute und vernünftige Antworten erhalten. Offensichtlich lebt jeder Mensch mit Herz und Verstand, mit stillschweigenden Annahmen aber auch mit Vorurteilen.
Und Chesterton resumiert: "Wahrheiten werden zu Dogmen, sobald über sie gestritten wird. ... Alles wird man bestreiten. Alles wird zu Glauben werden." (S.258)
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