Kundenrezension

23 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gehörig Dreck an den Füßen, 25. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Alphatier (Ltd. Premium Edt. mit T-Shirt Gr. XL / exklusiv bei Amazon.de) (Audio CD)
Es geht nicht mehr um Zahlen. Es geht nur noch um Kunst, um die Geschlossenheit eines Albums als Kunstform, um ein klares Statement, ungeachtet der Kompatibilität mit dem Zeitgeist oder des Zuspruchs eines größtmöglichen Publikums. Und das nicht erst seit heute, nicht erst seit "Alphatier".
Man kann begründet darüber streiten, ob es glaubhaft ist, wenn Westernhagen nicht müde wird zu betonen, dass es ihm auch in der Über-Dekade von 1989 bis 2000 vorrangig um die Kunst ging, er die Kunstform der großen Stadion-Show ausloten wollte und beweisen, dass individuelle Mega-Inszenierungen aus Musik, Licht, viel Ego und Bühnenaufbauten von der Dimension einer Kleinstadt nicht nur Global Playern wie den Rolling Stones oder U2 vorbehalten sind. Den Beweis hat er erbracht. Dass sich sechs Alben dieser Jahre (ein Best of und ein Live-Album mitberücksichtigt) durchschnittlich jeweils 1,5 Millionen mal verkauften, schuf eine stabile Grundlage. Wenn sich auch in jenen Jahren nun die Kollegen Grönemeyer, Maffay, die Toten Hosen oder die Ärzte wahrlich auch nicht beschämt wegducken mussten, genoss er doch weidlich die mediale Inszenierung als Deutschlands größter Rockstar, unnötige Überhöhungen inklusive. Ob da nun wirklich nur die Kunst das treibende Motiv war oder nicht doch auch ein Berauschen an der eigenen Bedeutung, wie ihm zunehmend vorgeworfen wurde, sei dahin gestellt. Fakt ist: er selbst hat dieser riesenhaften Maschine mit Ankündigung nach der Tour'99 und dem Best of Album 2000 den Stecker gezogen.

Seither geht es ihm glaubhaft nicht mehr um Zahlen. Die jeweils unvorhersehbare und sehr unterschiedliche Ausrichtung der drei Alben seither belegt es. Alle drei wurden kontrovers diskutiert, große Teile der Besucher der Stadion-Rock-Konzerte wandten sich vorhersehbar ab (viele nicht ohne noch vorher ihren Unmut letztinstanzlich wie ein Fallbeil im Internet öffentlich zu verkünden); "In den Wahnsinn" wurde als zu sperrig, überladen und verkopft beschrieben, "Nahaufnahme" als viel zu still und introvertiert, und dass sich bei "Williamsburg" vor nun bald fünf Jahren die Wogen langsam wieder glätteten und abfällige Kommentare nachließen, lag wohl auch daran, dass sich das einstige Superhit-Publikum neue Helden gesucht hat (gehen die jetzt alle zu Helene Fischer?). Ungeachtet des persönlichen Geschmacks - es ist und bleibt bitteschön jedem frei gestellt, dass ihm auch ein noch so gutes Album ganz und gar nicht gefällt - kommt man nicht umhin, Westernhagen zuzugestehen, dass jedes der drei Alben einem weit höheren künstlerischen Ansatz gefolgt ist als alle Alben der 1990er Jahre zusammen. Dass sich alle drei Alben addiert etwa 800.000 mal verkauften und somit wiederum zusammen nur halb sooft wie ein einziges in den Neunzigern allein, ist eine wenig überraschende Folge.
Abgesehen davon, dass sich auch die neueren Zahlen immer noch auf einem Level befinden, von dem die allermeisten Musiker nicht zu träumen wagen, spricht es ungemein für Marius Müller-Westernhagen, dass er nicht die geringsten Zugeständnisse macht, um noch einmal solch rauschhafte Dimensionen zu erreichen.

"Alphatier" ist jetzt so was wie das Ausrufezeichen hinter den Vorsatz zu absoluter Kompromisslosigkeit, für jeden der bisher daran vielleicht noch zweifelte: Westernhagen will gewiss nicht zurück ins Stadion, will keinen Airplay-Hit! Denn radiotauglich ist an dem Album gar nichts - und das allein ist schon so wunderbar!
Was auch immer Sie für ein Klischee von Westernhagen im Kopf haben mögen, vergessen Sie's. Man erkennt ihn natürlich noch, aber in dieser Wucht und Heftigkeit kam noch keines seiner Alben daher; keines war so schroff, so kehlig, so wütend, so betont laut, allerdings auch so weitgehend frei von sofort ins Ohr gehenden Melodien. Wenn es überhaupt Anleihen auf diesem nun schon 19. Album zu früheren Werken gibt, dann tatsächlich zur 78-81-Trilogie (Mit Pfefferminz/Sekt oder Selters/Stinker), aber auch das nur vage. "Clown" und "Was ich will bist du" erinnern in Stil und Struktur zwar an diese (für viele bis heute beste) Phase und ihre temporeichen, klaren, schnörkellosen Rocksongs, haben aber ungemein mehr Druck auf dem Kessel als die Nummern von vor 35 Jahren.

Der Grundton des Albums ist krachend schnaubender Blues-Rock mit gehörig Dreck an den Füßen und einer demonstrativen >Es reicht!< Attitüde. "Schinderhannes" oder "Wir haben die Schnauze voll" vom letzten Album, sind vergleichsweise harmlos.
Völlig uncharmant stolpert Westernhagen mit seinen diabolisch wütend spielenden Musikern in das neue Album; "Hereinspaziert, hereinspaziert" beklagt wortgewaltig und lautstark holzend die Verschwachbirnung unserer Gesellschaft; nicht mit erhobenem Zeigefinger, eher mit ausgestrecktem Stinkefinger - die Marschrichtung wäre somit vorgegeben.

Hier soll nun kein Buch über "Alphatier" entstehen (auch wenn ich gerade glatt Lust dazu hätte) und darum auch nicht jeder der 14 (in der Standart-Ausgabe 12) neuen Songs besprochen werden, einige Stücke, die vom Grundton des Albums recht stark abweichen, sollen aber noch erwähnt sein.

So sehr das Album auch ganzheitlich quer durch die Tür will, gönnt es dem Hörer auch stille Momente. So beispielsweise im ersten Drittel von "Liebe (um der Freiheit Willen)". Ganz sacht und nur von einer Akustik-Gitarre begleitet, zwingt Westernhagen zum zuhören. Die Inklammersetzung im Titel deutet es schon an: das Lied ist im Grunde genommen ein Update des '87er Klassikers (und 1990 in der Live-Version zur Wiedervereinigungs-Hymne gewordenen Hits) "Freiheit". Nur was damals eine umarmende Piano-Ballade blieb, verharrt im neuen Lied nur die ersten etwa 90 Sekunden in erzählerischer Ruhe. Dann hebt der Song ab, wird mehr und mehr zu einem Aufschrei, zum Freiheitskampf, der mit sechseinhalb Minuten das thematisch verwandte kleine Lied nicht nur in der Spiellänge um mehr als das doppelte überragt. Ein besser/schlechter-Vergleich wäre völliger Unsinn, gar nicht nur des Superhit-Status des älteren Liedes wegen, aber eine überaus eindrucksvolle Weiterführung der damaligen Gedanken ist der neue Song mindestens, vielleicht sogar eine bitter nötige, in einer Zeit, in der immer unverhohlener die Freiheit wieder mit Füßen getreten wird, auch da, wo man sie in sicheren Händen glaubte. Wo "Freiheit" eine stille Mahnwache mit leuchtenden Feuerzeugen war, ist "Liebe (um der Freiheit Willen)" drohend empor gestreckte lodernde Fackeln.

Apropos Liebe: Das Thema wird auf der Platte natürlich nicht ausgespart, auch wenn es gegenwärtig natürlich boulevardeske Interpretationen schüren könnte; nein, wird. Da Westernhagen seit Jahrzehnten deutlich macht, dass seine Lieder bestenfalls hier und da autobiografisch umspült sind, in erster Linie aber Kunst und Fiktion (was in vielen Liedern ja auch überdeutlich so ist), sollte man hier nicht zu viel herum und hinein deuten. Für uns Hörer ist entscheidend, dass "Alphatier" mit "Engel, ich weiss..." und "Wahre Liebe", dem eigentlichen Charakter des Albums entgegengesetzt, gleich zwei wirklich große Liebeslieder parat hält, die früheren Vertretern dieser Spielart wie "Weil ich dich liebe", "Tanz mit dem Teufel" oder "Engel" mindestens ebenbürtig sind. Dass das Wörtchen Engel damals wie heute Verwendung findet, könnte im Privaten zwar zu Kränkungen führen... jetzt fang ich auch schon an... Es geht uns einfach nichts an. Die Lieder sind kitschfrei und schlichtweg schön - Punkt.

Alles in allem fällt auf, dass Westernhagen sich auf diesem Album weniger scheut gerade auch gesellschaftskritisch sehr konkret zu werden, weniger umschreibend oder allgemein, formuliert er klarer und ganzheitlicher als meinetwegen vor zwanzig Jahren bei dem zweifellos großartig im Stakkato wortgefetzten "Schweigen ist feige" oder "Krieg". "Kein Macht" z.B. ist eine direkte Reminiszenz an Rio Reiser und den Ton Steine Scherben Polit-Rock-Klassiker "Keine Macht für niemand". Ungewöhnlich deutlich und außergewöhnlich gut! Rhythmisch diffus und dennoch eingängig erinnert sich der neue Westernhagen-Song an Rios Worte von vor 42 Jahren: "... und es wird mir klar, was die Lösung war: Keine Macht..."

Westernhagen wurde viel kritisiert, regelrecht angegriffen, manches war vielleicht sogar berechtigt. Qualitativ aber gab er sich keine Blöße, handwerklich waren alle Alben bestechend (schweigen wir an dieser Stelle bitte über die Mitte der Achtziger Jahre). Dass gerade die jüngeren Produktionen stilistisch polarisieren und nicht jedem gefallen, spricht für den Künstler, nicht gegen ihn. Bestand Ende der Neunziger vielleicht tatsächlich die Gefahr, dass er zum Dienstleister der Massenunterhaltung verkommt, hat er diese inzwischen gründlich gebannt und war bereit einen hohen Preis dafür zu zahlen. Das verdient Anerkennung. "Alphatier" wird von einigen - z.B. von mir - für eines seiner herausragenden Alben gehalten werden. Genauso sicher wird es einigen zu hart, zu wenig melodiös, zu dies und zu jenes und zu wasweissichdenn sein. Gut so!

------ Zusatz zur DVD-Edition und Premium-Box ------

Dass für die DVD bei der Deluxe-Edition nicht nur ein obligatorisches Making of von zehn Minuten und ein Videoclip zur ersten Single produziert, sondern beinah das ganze Album filmisch umgesetzt wurde, unterstreicht den insgesamt hohen Aufwand, den Westernhagen mit seinen Musikern und seinem Team für dieses Album betrieben hat.

Die Box ist dann die optisch absolut vollendete Erscheinung dieses Albums, wirklich wertvoll! Die stabile Kiste in LP-Format birgt neben der Deluxe-Edition mit 14 Titeln und der DVD auch die Doppel-Vinyl-Ausgabe (2x180g, ebenfalls alle 14 Songs) mit dem Cover-Motiv in 3D auf der Hülle als besonderem Hingucker, einem Poster (sechsfaches LP-Format, eigenes Motiv) und einem T-Shirt - kurz: für Westernhagen-ganz-besonders-gerne-haber eine wirklich schöne, fair kalkulierte Edition.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-10 von 10 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 25.04.2014 12:47:07 GMT+02:00
Paul Grass meint:
Ich finde Ihre Rezension, auch wenn ich eher bei 3 Sternen liege, nachvollziehbar und überdies auch sehr schön geschrieben! :-)

Veröffentlicht am 25.04.2014 14:12:26 GMT+02:00
WHU meint:
Klasse Rezension!

Veröffentlicht am 25.04.2014 14:38:14 GMT+02:00
mediahead meint:
Büschen lang vielleicht, aber dennoch im Ganzen auf den Punkt. Wann darf Herr M.M.W. endlich mal er selbst sein, wenn nicht hier und jetzt. Ganz generell sollten "Fans" (insbesondere die im Sinne von "FANatikern" endlich aufhören, von Künstlern etwas "zu erwarten". Diese Menschen sind Künstler, weil Sie uns etwas eigenes mitteilen wollen und nicht, weil Sie unsere Erwartungen erfüllen wollen. Menschen, die Letzteres tun, nennen sich Manager. ;-)

Veröffentlicht am 25.04.2014 14:39:52 GMT+02:00
BluesMichi meint:
Seltsam??!!
Am Tag des VÖ eine solche Rezi ins Netz zu stellen.....klingt unglaubwürdig bei 5 Sternen....

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.04.2014 15:45:37 GMT+02:00
Paul Grass meint:
Amazon-Kunden haben das Album doch schon gestern bekommen... Ich auch.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.04.2014 23:35:49 GMT+02:00
Album ist schon seit Tagen online hörbar, wenngleich nicht in dieser Qualität.

Veröffentlicht am 26.04.2014 22:11:03 GMT+02:00
Quark meint:
"Bestand Ende der Neunziger vielleicht tatsächlich die Gefahr, dass er zum Dienstleister der Massenunterhaltung verkommt, hat er diese inzwischen gründlich gebannt und war bereit einen hohen Preis dafür zu zahlen."

Was denn für einen hohen Preis? Solch eine Heroisierung millionenschwerer Luxusschwelger verkennt Lebenswirklichkeiten.
Q.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.04.2014 02:03:33 GMT+02:00
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die negativen Kritiker eher diejenigen sind, die hier bewusst nur draufhauen. Offenbar, weil sie Marius eigentlich nie mochten, und jetzt Gelegenheit dazu haben.

Ansonsten kann man eigentlich gar nicht so verbiestert gegen Rockmusik sein. Oder ?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.04.2014 13:39:11 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.04.2014 15:18:31 GMT+02:00
Erst einmal vielen Dank allen, die hier ein paar freundliche Worte hinterlassen haben. Das freut mich!

@ Quark

Ich grüße Sie. Meinen Satz, den Sie zitierten, natürlich bitte nicht im monetären Sinne mißverstehen. Um die finanzielle Situation von MMW brauchen wir uns wohl wahrlich nicht sorgen. Da dürfte, abgesehen von den ganz dicken Jahren, auch nach 2000 noch das eine oder andere Milliönchen dazu gekommen sein, trotz deutlich geringerer Absatzzahlen und Tourneevolumina. In diesem Sinne war meine Formulierung "...war bereit einen hohen Preis dafür zu zahlen." auch nicht gemeint, noch war Heroisierung meine Absicht.
Aber ich meine schon, dass es Anerkennung verdient, wenn ein Musiker ganz bewußt Wege beschreitet, die vorhersehbar ein großer Teil seines Publikums nicht mitgehen wird.
Musiker sind gemeinhin eitler als der Durschnitt. Müssen sie wohl auch sein, sonst betritt man keine Bühne und setzt sich den Blicken tausender aus. Gerade Westernhagen wurde oft Größenwahn vorgeworfen, vielleicht stimmte das sogar zuweilen. Fakt ist aber doch, dass er es selbst war, der '99 erklärte: Schluß mit dem Gigantomanismus. Jetzt kommen nur noch Platten, die kompromisslos einer künstlerischen Vision folgen und kleinere Konzertrahmen. Alles was er seither tat, folgte auch tatsächlich dieser Linie, ganz unabhängig davon, wie nun jeder einzelne die Ergebnisse, die bisher vier höchst unterschiedlichen Alben, letztlich für sich empfindet oder bewertet. Von den letzten beiden Alben hat er jeweils etwa 200.000 Stück verkauft (inkl. verkäufe ausserhalb von Deutschland) die Alben von 1989-2000 lagen alle sehr deutlich über 1 Million. Er nahm inkauf, dass 90% des einstigen Publikums sich abwendeten und macht auch mit dem neuen Album keinerlei Gefälligkeitsmätzchen, liefert kein kalkulierten Radiohit á la "Willenlos", "Wieder hier" oder "Weil ich dich liebe".
Künstler, Musiker wollen vor allem geliebt werden (wie grundsätzlich jeder Mensch, aber auch das ist oft stärker ausgeprägt wie eben auch Eitelkeit) , wollen Zuspruch, Applaus. Da ist die Verlockung Massengerecht zu musizieren, um den Jubel zu erreichen, recht groß. Umso mehr, wenn man es im Übermaß kennt und weiß, wie es geht. Dass er das eben nicht tut, sondern konsequent nun schon das vierte Album infolge gemacht hat, wo klar war, dass wird viele nicht begeistern wird (die gespaltenen Reaktionen unter den Rezensenten belegen es), ist die Bereitschaft einen hohen Preis zu zahlen. Nicht, dass weniger Geld mit Album und Tournee eingespielt wird - das kann ihm wohl egal sein, da haben Sie recht Quark - aber er zahlte den Preis, dass weit weniger Menschen ihm zu jubelm, ihn lieben, um es pathetisch zu formulieren. Ich finde das schon bemerkenswert, ohne deshalb zu heroisieren, aber das kommt nunw ahrlich nicht häufig unter Musikern vor, die über lange Jahre die ganz dicken Zahlen erzeugen.

Beste Grüße

Christian Günther

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.04.2014 13:49:39 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.04.2014 17:45:46 GMT+02:00
@ Martin Böhmer

Hallo,

vermutlich ist Ihre Annahme ganz richtig, zumindest bei einigen entsteht der Eindruck.
Aber ganz unabhängig von Westernhagen, wo sich seit Jahren dieses Schauspiel wiederholt, entsetzt mich dieses öffentliche Gegeifer und Gehetze zunehmend.
Es ist vollkommen ligitim, offen und auch öffentlich zu sagen: gefällt mir nicht, weil... Aber dieses teilweise vorsätzlich boshafte, grundlos empörte Gepöbel bar jedes Respekts, ist eine Zeitgeisterscheinung, die mich mit tiefer Sorge erfüllt. Mein Gott, was ist mit uns los? Ein Musiker, der ein paar Platten gemacht hat, die ich sehr liebte und Konzerte gab, die mich begeisterten, beschreitet neue, andere Wege, die ich nicht mehr mitgehe, weil es mir nichts gibt. Okay. Und gut. Rechtfertigt das ein solches Ausmaß an Empörung oder gar unverholener Wut? Dann kauf ich das Album eben nicht, gehe nicht mehr ins Konzert - und fertig.
Diese narzistische Egozentrik von Teilen des Publikums Marke "der Künstler wagt es, nicht mehr das abzuliefern, was ich von ihm will und erwarte, deshalb bin ich jetzt aber mal so richtig sauer und beschimpfe ihn öffentlich nach Herzenslust" ist schlicht abstoßend.
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