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5.0 von 5 Sternen Roter Faden durch mehr als vier Jahrzehnte, 26. Oktober 2007
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Rezension bezieht sich auf: Dylan (Audio CD)
Bob Dylan hat immer sehr persönliche Titel geschrieben und dabei stets Banalitäten vermieden. Sein Leben und Werk fügen sich nicht in die auch hier zu Lande sehr verbreitete Erwartung von Gradlinigkeit. Viel zu zahlreich sind die Brüche und Wendungen, die zugleich eine nicht unerhebliche Quelle der Erneuerung seines Talents und seiner Vielseitigkeit darstellen (sowohl was seine eigene kreative Inspiration angeht als auch die der durch ihn beeinflussten modernen Musik). Die hier vorgestellen 51 Stücke sind gleichsam so etwas wie ein "roter Faden", der sich durch sein Werk zieht. Es hat von etlichen Kritikern Einwände gegen diese Zusammenstellung gegeben - jeder hat eben seine eigenen Favoriten. Vergessen wir bei alledem nicht, dass diese Compilation mehr als vier Jahrzehnte umfasst. Die Auswahl ließe sich gewiss diskutieren, doch in jedem Fall ist diese (chronologisch angeordnete) Übersicht sehr gut geeignet, Interesse zu wecken, um hier und da in die Tiefe zu bohren.

Unstrittig ist, Dylan hat die Folk- und Rockszene seit Beginn der Sechzigerjahre beeinflusst wie kein anderer Musiker. Aufgewachsen mit Country- und Folksongs, interessierte er sich in seiner Jugend für Rock'n'Roll und spielte Piano und Gitarre in diversen Schülerbands. Ende der Fünfzigerjahre schrieb er sich an der Universität von Minnesota ein, doch schon bald darauf ging er nach New York, tauchte ein in die sich zunehmend politisierende Folkbewegung und verbrachte so viel Zeit wie möglich am Krankenbett seines großen Vorbilds Woody Guthrie, der an Chorea Huntington starb. Mit dem ihm gewidmeten "Song To Woody" von Dylans Debut-LP aus dem Jahr 1962 beginnt denn auch dieses 3CD-Set. Zu dieser Zeit gab es viele junge Musiker, die sich bemühten, Woody Guthries musikalisches Erbe anzutreten. So recht gelungen ist es nur einem. Denn eigene Songs zu schreiben, welche die bestimmenden Einflüsse der Folkmusic weiterentwickeln und zeitgeschichtliche Ereignisse reflektieren, daran dachte damals kaum jemand.

Bob Dylan trat häufig in Cafés und kleinen Clubs des Greenwich Village auf und brachte im Mai 1963 sein legendäres Album "The Freewheelin' Bob Dylan" heraus. Mit "Blowin' In The Wind", "Masters Of War", "Don't Think Twice It's All Right" und "A Hard Rain's A-Gonna Fall" sind hier gleich vier Titel daraus vertreten. Diese Stücke wurden schon bald zu Hymnen der amerikanischen Bürgerbewegung und trugen viel zur Politisierung der Jugend in der westlichen Hemisphäre bei. Mit seiner nächsten Veröffentlichung, "The Times They Are A-Changin'" (Februar 1964), aus der wir hier das Titelstück hören, setzte Dylan diese Richtung fort. Der Song wurde ein weiterer Klassiker der zunehmend selbstbewusster auftretenden Jugend.

Schon im August 1964 brachte CBS ein weiteres Album auf den Markt. "Another Side of Bob Dylan" enthält sehr introspektive und zum Teil recht poetische Songs. In der Wahl der Instrumentierung mag sich dieses Album nicht wesentlich von seinem Vorgänger unterscheiden. In den Texten bahnt sich jedoch eine persönliche Veränderung an, deren Ausmaß und Wirkung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ganz sicher noch nicht abschätzbar war. Die für diese Box ausgesuchten Stücke "All I Really Want To Do", "My Back Pages" und "It Ain't Me, Babe" zeigen nicht nur einen privaten Bewusstseinswandel an, sondern greifen auch Bob Dylans Wandel als Musiker und als Vorbild der Gegenkultur vor. (Zitat: "I don't want to fake you out, take or shake or forsake you out. I ain't lookin' for you to feel like me, see like me or be like me.") Die Stimme der Protestgeneration protestiert - gegen seine Vereinnahmung.

Obwohl seit seinem Auftritt mit E-Gitarre beim "Newport Folk Festival" von etlichen bisherigen Weggefährten mit einer geradezu mittelalterlichen Ächtung belegt, setzte Bob Dylan seine Synthese aus Folk und Rock auf "Bringing It All Back Home" (März 1965) unbeirrt fort. Das Album enthält zu mehr als der Hälfte elektrische Titel und kann als Beginn des Folk-Rock gesehen werden. Wir hören daraus "Subterranean Homesick Blues", "Mr. Tambourine Man", "Maggie's Farm" und "It's All Over Now Baby Blue". Zwischen die beiden letztgenannten Nummern wurde "Like A Rolling Stone" aus der im August 1965 erschienenen "Highway 61 Revisited" eingefügt. Der Musikjournalist Greil Marcus hat ein ganzes Buch über "Like A Rolling Stone" geschrieben, den erfolgreichsten Song der Rockgeschichte. Ein Abgesang auf eine vermeintliche Freiheit und Liberalität. Die Bedeutung dieses Stückes für die Geschichte der Rockmusik ist kaum zu beschreiben. Man kann mit einiger Berechtigung von der Zeit VOR und NACH "Like A Rolling Stone" sprechen. Vor dem Erscheinen dieses Titels war der Text eines Rocksongs nicht von großer Bedeutung. Doch nun kam mit einem Male ein Bedeutungsgehalt, eine Tiefe in die populäre Musik, die zuvor nicht gekannt war.

"Du hat vielleicht Nerven, dich mein Freund zu nennen!" Das Stück "Positively 4th Street" erschien erstmals im September 1965 auf "Bob Dylan's Greatest Hits". Hier lässt Dylan seinen ganzen Unmut über die Falschheit und Heuchelei eines sich anbiedernden Zeitgenossen den Lauf. Um seinen Weg zu gehen, musste Bob Dylan sich stets abgrenzen. Von den Irrtümern seiner Zeit, vom Appeasement der Medienindustrie, von falschen Freunden und den Erwartungen seiner Fans, ja oft sogar von sich selbst oder - besser gesagt - von dem, der er zuvor einmal war. Es ist kein Zufall, wenn sich dies mit dem Lebensgefühl so vieler seiner Hörer überschneidet.

"Blonde on Blonde" (Mai 1966) war das erste Doppelalbum der Rockgeschichte. "Rainy Day Women #12 & 35" und "Just Like A Woman" vermitteln ein in eingängige Melodien verpacktes, ausgiebiges Spiel mit Worten und Ideen, während "Most Likely You Go Your Way (And I'll Go Mine)" sehr schön den perligen Quecksilbersound herüberbringt, der es Dylan so angetan hatte. Mike Bloomfield hatte schon beim "Newport Folk Festival" mit ihm auf der Bühne gestanden und kommt hier zu seiner vollen Entfaltung. Zugleich markiert dieses Album eine deutliche Zäsur in Bob Dylans Schaffen. Denn so sehr er sich um die Dekonstruktion des Mythos um seine Person mühte, umso mehr wuchs sein Erfolg. Es heißt, bei einem schweren Motorradunfall habe sich Bob Dylan zwei Monate nach Erscheinen von "Blonde on Blonde" einen Nackenbruch zugezogen, was ihn zu einer längeren Kunstpause zwang.

Die erste der drei CDs dieser Box wird abgeschlossen mit dem epischen "All Along The Watchtower" von der im Dezember 1967 veröffentlichten LP "John Wesley Harding". Drei Tage nach dem Erscheinen dieser Platte trug Jimi Hendrix das Stück bei einem Konzert in London erstmals in seiner eigenen Interpretation vor, die Musikgeschichte gemacht hat. Seit dessen frühem Tod spielt Bob Dylan das Stück live in derselben Version.

Das Stück "Forever Young" - von Bob Dylan für seinen Sohn Jacob geschrieben - ist ganz gewiss eines der absoluten Highlights dieser Box. Mag das Album "Planet Waves" (1974) wenig überraschend sein, so ist dieses Stück daraus eine der ganz herausragenden Kompositionen Dylans, die nie ihre Gültigkeit verloren haben. "Tangled Up In Blue" und "Simple Twist Of Fate" erschienen auf dem künstlerisch sehr ausgereiften Album "Blood On The Tracks" von 1975. In der Hauptsache beziehen diese Aufnahmen ihre Stärke aus dem in die äußerliche Kargheit geborenen Bilderreichtum und ganz besonders aus dem Zusammenspiel Bob Dylans mit seinen großartigen Begleitmusikern. Kaum eine seiner Studio-Aufnahmen hat eine vergleichbare Geschlossenheit erreicht.

"Changing Of The Guards" vom Album "Street Legal" aus dem Juni 1978 wartet kaum mit nennenswerten Überraschungen auf - sieht man einmal davon ab, dass es einen Background-Chor bislang auf keinem Dylan-Album gegeben hatte. Das ist vielleicht auch besser so. Denn die Damen singen nicht sonderlich abgestimmt und sehen es mit der Tongenauigkeit nicht allzu eng. Immerhin ist der vergleichsweise großen Band eine gewisse Spielfreude abzuspüren und Dylans Stimme klingt so gut wie seit "Blonde on Blonde" nicht mehr. "Changing of the Guards" bringt uns Bob Dylan in einer Lebensphase nahe, in der sich eine ihn persönlich sehr herausfordernde Wegstrecke ihrem Ende zuneigt.

Bob Dylans Hinwendung zu Christus hat viele seiner Fans verstört, etliche wandten sich gar von ihm ab. Viele Angehörige der schreibenden Zunft konnten die Tinte nicht halten in ihrer Befremdung über seine Lobpreis-Lieder. Columbia Records weigerte sich letztlich, den Platten die Songtexte beizufügen. "Gotta Serve Somebody" und "Precious Angel" vom Album "Slow Train Coming" (1979) sind zwei von Bob Dylans schönsten Songs. Für mich war es immer ein Rätsel, warum dem, der für viele als Sprachrohr einer ganzen Generation galt, nicht zugestanden wurde, selbst Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Seine recht kontrovers diskutierten Alben "Slow Train Coming" und "Saved" (von dem auf dieser Compilation kein Stück enthalten ist), "Shot of Love" und "Infidels" gehören aus meiner Sicht zu den Glanzlichtern seines Schaffens.

Die Schüsse auf John Lennon haben die Musikbranche erschüttert. Ein verwirrter Einzeltäter ist schnell gefunden. Viele Künstler hatten eine unaussprechliche Angst, ihre Plattenfirma könnte sie umbringen lassen, um die Absatzzahlen ihrer Tonträger in die Höhe zu treiben. In diese allgemeine Verunsicherung hinein veröffentlichte Bob Dylan im August 1981 sein Album "Shot of Love". Das wuchtige Stück "Groom's Still Waiting At The Altar" setzt zudem einen klaren Akzent. Bob Dylan hatte mit seinen beiden sehr vom Glauben an Christus geprägten Vorgänger-Alben bei vielen Hörern die Befürchtung ausgelöst, nun musikalisch in eher seichtere Gewässer abzudriften. Doch Dylan hat einmal mehr gezeigt, dass mit ihm zu rechnen ist.

"Infidels" aus dem Jahre 1983 war eine der ersten Produktionen, mit denen Sony zeigte, was tontechnisch von ihnen zu erwarten war. Titel wie "Jokerman" lassen deutlich werden, dass sich Dylan ganz hervorragend die erweiterten Möglichkeiten zu Eigen gemacht hat. Noch immer bin ich der Auffassung, diese CD hat bis dahin ungeahnte Maßstäbe gesetzt. Doch die Achtzigerjahre waren für jemanden wie Bob Dylan keine einfache Zeit, um Plattenverträge einzuhalten. Hörgewohnheiten änderten sich mit den zunehmenden technischen Möglichkeiten und es war eine neue Generation von Musikinteressierten herangewachsen, die mit den großen Namen der Sechziger- und Siebzigerjahre nicht viel anfangen konnten. Vor diesem Hintergrund muss man auch die CD "Empire Burlesque" (1985) sehen. Sie orientiert sich an dem damals Zeitgemäßen und das akustische "Dark Eyes" ist eine wahre Perle zwischen technischem Bombast und Mainstream-Sound, also Zugeständnissen, die künstlerisch nicht unbedingt vorteilhaft waren.

Zu dem Stück "Blind Willie McTell" macht Columbia nur ungefähre Angaben. Es wurde 1991 auf dem Sampler "The Bootleg Series Volume 1-3. Rare & Unreleased" veröffentlicht und von Bob Dylan und Mark Knopfler produziert. Chronologisch findet es sich hier zwischen 1985 und 1986. In jedem Fall ist dieses Stück bei jedem Hören ein unvergleichliches Ereignis, das - trotz oder wegen - seiner minimalistischen Instrumentierung eine beachtliche Wirkung entfaltet. Ein Text von epischem Ausmaß, der sehr gut von Dylans Gesang getragen wird. "Knocked Out Loaded" (1986) und "Down in the Groove" (1988) waren zwei Alben, die dem Fan das Warten auf eine gehaltvolle Dylan-LP nicht unbedingt erleichtert haben. Wenn wir daraus die beiden Stücke "Brownsville Girl" und "Silvio" hören, wissen wir, warum.

Wer hätte nach den beiden voran gegangenen Scheiben mit einem solchen Wurf gerechnet! "Oh Mercy" ist ein ausgesprochenes Juwel unter Bob Dylans Alben. Die CD erschien 1989, einem Jahr bis dahin fast unvorstellbarer weltpolitischer Veränderungen, wenn wir nur an das Ende der Apartheid und an den Fall des Eisernen Vorhangs denken. Selten zuvor ist Bob Dylan derart deutlich geworden in seinen Worten über die tiefe Wunde, die der zermürbende Materialismus der ganzen Menschheit beigebracht hat. Bei Stücken wie "Ring Them Bells", "Dignity" (ursprünglich für dieses Album vorgesehen, doch erst später veröffentlicht) oder "Everything Is Broken" scheint etwas mitzuschwingen von der Wortgewalt, mit der die Propheten vor die Könige traten, um ihnen die Leviten zu lesen.

Das Titelstück der CD "Under The Red Sky" von 1990 gibt zwar nur ungenau die Atmospäre des gesamten Albums wider, könnte jedoch ein Hinweis darauf sein, warum diese Veröffentlichung trotz einer breiten Phalanx von Mitwirkenden nicht so ganz zu überzeugen wusste. Anders sah es bei den nächsten beiden Platten aus. Folkmusic hatte seit den späten Siebzigerjahren längst nicht mehr den avantgardistischen Nimbus der Speerspitze einer Gegenkultur zum bestehenden System. Die Hörgewohnheiten hatten sich deutlich verändert, zeitgemäße Produktionen kamen nicht ohne aufwändige Arrangements und einfallsreiche Studiobearbeitungen aus. Mit "You're Gonna Quit Me" von der CD "Good As I Been To You" (1992) und "Blood In My Eyes" von "World Gone Wrong" (1993) stellt sich Bob Dylan gegen die vorherrschenden Trends. Die Stücke und die beiden Alben, denen sie entnommen sind, weisen auf die reiche Tradition amerikanischer Folkmusic, zu einer Zeit, als diese bei vielen zeitgenössischen Hörern in Vergessenheit zu geraten drohte.

Wie nur wenige andere namhafte Künstler seiner Generation hat Bob Dylan einen ungebrochen starken Antrieb bewiesen. Er ist nach wie vor ein großartiger Live-Performer, geistig äußerst beweglich und als Songschreiber und Musiker gleichermaßen recht einfallsreich. Die in der Zeit seiner schweren Krankheit durchschrittene Todesnähe zeitigt seiner Kreativität eine bemerkenswerte Tiefe. Die Texte von "Someday Baby" und "When The Deal Goes Down" wirken eindringlich wie selten zuvor. Das Wissen um die Bedrohtheit des eigenen Lebens verschränkt sich hier untrennbar mit der Wahrnehmung der Welt in ihrem epochalen Wandel.

Mit seiner breiten Auswahl aus Dylans Gesamtwerk gebührt diesem 3CD-Album eine hohe Wertschätzung. Bei aller Vielseitigkeit werden hier selten Hörgewohnheiten strapaziert. Die Zusammenstellung bietet eine breit angelegte Übersicht, wenngleich die Auswahlentscheidungen nicht immer nachvollziehbar sind. Klanglich bewegt sich die Veröffentlichung im Bereich des zeitgemäß Machbaren und wirkt nicht an einer einzigen Stelle synthetisch. Das Booklet hätte ein wenig umfangreicher ausfallen können, mir wären so genannte Liner Notes zu den Stücken willkommen gewesen. Das Sleeve Design finde ich sehr ansprechend. Am Ende ist es eben meistens Schlichtheit, die überzeugt.
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Kommentare


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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 13.06.2011 19:11:55 GMT+02:00
na das war ja mal richtig ausführlich! Danke für diese tolle Rezension! Da kann ein alter Dylanfan, wie ich, noch was lernen!
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