Kundenrezension

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Interessant und wachrüttelnd, manchmal spekulativ, 9. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Der dritte Schimpanse: Evolution und Zukunft des Menschen (Taschenbuch)
Das ca. 500 Seiten umfassende Buch besteht aus 5 Teilen:
1. Nur eine Säugetierart wie andere
2. Das Tier mit dem sonderbaren Lebenszyklus
3. Wie einzigartig ist der Mensch?
4. Eroberer der Welt
5. Umkehrung des Fortschritts über Nacht
Dazu gibt es einen Prolog, einen Epilog ("Nichts gelernt und alles vergessen?"), Danksagungen und diverse Register.

Jared Diamond zeigt - mir häufig etwas zu wortreich - auf, wie der Mensch einerseits den beiden Schimpansenarten (Gemeiner Schimpanse, Bonobo) - die beide bedroht sind - gleicht, und worin er sich auf der anderen Seite von ihnen gravierend unterscheidet. Im Abschnitt "Allein in einem überfüllten Universum" führt er Gründe auf, gemäß denen wir aktuell durchaus die einzige intelligente Art im gesamten Universum sind. Denn einen Großteil unserer übertragenden technischen Kompetenzen besitzen wir erst seit ca. 200 Jahren, nach fast 4 Milliarden Jahre währender Evolution auf der Erde. Ein solches evolutives Ereignis ist also alles andere als selbstverständlich. Hinzu stellt sich für ihn die Frage nach der Lebensdauer solch entwickelter Zivilisationen (274): "Intelligenz und Geschicklichkeit, für den Bau von Funksignalen erforderlich, sind auch für andere Dinge nützlich (...): Massenvernichtung und Umweltverschmutzung."

Gleichzeitig warnt er vor einer allzu optimistischen Suche nach und Kontaktaufnahme mit Außerirdischen (276): "Sollte es tatsächlich Funk-Zivilisationen in Hörweite der Erde geben, sollten wir um Himmels willen unsere Sender abschalten und versuchen, der Entdeckung zu entrinnen, oder uns droht der Untergang." Jared Diamond erinnert daran, dass wir es umgekehrt auch nie anders gehandhabt haben. Allerdings hält die Suche nicht für besonders Erfolg versprechend (276): "Praktisch gesehen sind wir einzigartig und allein in einem überfüllten Universum. Gott sei Dank!"

Im Abschnitt "Sexuelle Selektion und der Ursprung der menschlichen Rassen" stellt er die These auf, dass die äußerlichen Unterschiede bei den verschiedenen menschlichen Rassen vermutlich nicht auf natürliche Anpassungsvorteile zurückzuführen sind, sondern auf die Wirkungen der sexuellen Selektion.

Die Ausführungen im Abschnitt "Warum müssen wir alt werden und sterben?" fand ich zwar durchaus interessant, allerdings alles andere als überzeugend. Die vermutlich korrekte Antwort ist viel einfacher, als das, was Jared Diamond dort wortreich vorträgt: Menschen sind Vielzeller, die in allen ihren Billionen Zellen den gleichen genetischen Code tragen. Eine genetische Anpassung - die im Rahmen der Evolution immer wieder erfolgen muss - ist für Vielzeller aus rein konstruktiven Gründen nur möglich, wenn sie sich regelmäßig fortpflanzen und sterben. Sehr sonderbar auch manch andere, von ihm vorgetragene evolutionäre Erklärung (173): "Da die Geburt von Kindern für Männer nicht mit einer Todesgefahr verbunden ist, entwickelte sich bei ihnen kein Klimakterium." Ein männliches Klimakterium wäre sogar aus evolutionärer Sicht außerordentlich nachteilig, denn ein hohes erreichtes Alter kann in natürlichen Umgebungen durchaus als genetisches Fitnessmerkmal gelten. Solche Männer konnten sich dann besonders häufig fortpflanzen und ihre fitten Gene weitergeben.

Je weiter man im Buch vorandringt, desto pessimistischer wird es. Für die nahe Zukunft sieht Jared Diamond nicht völlig, allerdings ziemlich schwarz. Auch ein sogenanntes goldenes Zeitalter (vor mehr als 10.000 Jahren, möglicherweise als Garten Eden in der Bibel erinnert) hat es für ihn nie gegeben. Am Ende stand immer die Ausbreitung und Ausrottung von Arten.

Schließlich heißt es (456): "Innerhalb der letzten paar Jahrzehnte haben wir die Mittel entwickelt, um Funksignale zu fremden Sternen zu senden, aber auch die, uns über Nacht in die Luft zu jagen. Doch selbst wenn es nicht zu diesem schnellen Ende kommt, beschleunigt sich doch die Ausbeutung der Produktivität unseres Planeten durch den Menschen sowie die Ausrottung von Arten und die Zerstörung der Umwelt in einem solchen Maße, dass es so nicht einmal die nächsten hundert Jahre weitergehen kann."

Nicht unterwähnt lassen möchte ich, dass Geoffrey F. Miller in Was ist Ihre gefährlichste Idee?: Die führenden Wissenschaftler unserer Zeit denken das Undenkbare noch einen anderen Ausweg sieht: Die Menschheit wird süchtig nach Computerspielen und verliert sich in virtuellen Welten.

Ein sehr großes Problem sieht Jared Diamond im globalen Bevölkerungswachstum (456f.): "Das Konkurrieren von immer mehr Menschen um immer weniger Ressourcen kann nicht ohne gravierende Folgen bleiben." Mahnend erhebt er die Stimme (457): "Trotz unseres selbstzerstörerischen Verhaltens in der Vergangenheit, aus dem wir hätten lernen können, bestreiten viele, die es besser wissen müssten, dass eine Begrenzung unserer Bevölkerungszahl notwendig ist, und setzen die Angriffe auf unsere Umwelt ungebremst fort. Andere schließen sich aus egoistischem Profitinteresse oder aus purer Unwissenheit an. Eine noch größere Zahl von Menschen ist zu sehr mit dem Kampf ums Überleben beschäftigt, um es sich überhaupt leisten zu können, die Folgen des eigenen Handelns abzuwägen. All dies lässt fürchten, dass der Zug bereits unaufhaltsam auf den Abgrund zurollt, dass auch wir bereits zu den lebenden Toten gehören und unsere Zukunft so düster wie die der beiden anderen Schimpansen sein wird."

Allerdings lässt er durchaus ein wenig Raum für Optimismus (458): "Trotz der erwähnten Gründe, die ein ähnliches Licht auf das Schicksal der Menschheit werfen, halte ich unsere Lage nicht für ausweglos. Wir schaffen unsere Probleme ganz allein und haben es deshalb in unserer Macht, sie zu lösen."

Fazit: Ein interessantes und wachrüttelndes Buch, welches leider manchmal etwas langatmig geschrieben ist und hier und da ein paar Unrichtigkeiten aufweist.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 11.12.2009 00:47:21 GMT+01:00
RV meint:
Liebe Frau Waider,

Sie tauchen immer wieder bei Büchern zum Thema Evolutionsbiologie auf. Ich habe mich soeben einmal quer durch ihre 500 Rezensionen gelesen. Ich muss schon sagen, beeindruckend in der Zahl! Ich verstehe zwar nicht ganz, warum sie es so mit Bauer und seiner "Abschaffung der Darwinismus" haben, da ich allein diesen Untertitel schon unsinnig finde zumal sich der Darwinismus in 1.5 Jahrhunderten doch offensichtlich exzelltent bewährt hat (klingt für mich so wie "Abschaffung der Realitätstheorie" o_0). Aber darum geht es mir hier auch garnicht. Vielmehr interessiert mich (ernsthaft!) ihr fachlicher Hintergrund: lesen Sie derart viele Bücher zum Thema als Hobby, oder arbeiten Sie tatsächlich wissenschaftlich im Bereich? Möglicherweise ist "Lena Waider" ein Pseudonym, ich habe bei pubmed keine Publikationen von Ihnen gefunden. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich meine es nicht böse und will Ihnen nicht nachspionieren, aber oft findet man bei Mitmenschen, die sich derart (wie Sie) durch die (populäre) Wissenschaftsliteratur wühlen, eine Homepage o.ä. wo Erkentnisse/Ideen/Schlussfolgerungen/Stellungenahmen ebenso wie Werdegang und Motivation(!) zu finden sind. Da das nicht der Fall zu sein scheint(?) nutze ich dieses Medium hier: mich interessiert außerdem, wie sie dazu kommen, dass die Hypothese des egoistischen Gens keine Sozialstaaten erklären kann. Es ist (zugegebenermaßen) etwas her, dass ich "Das egoistische Gen" gelesen habe, habe aber den Eindruck behalten, dass Dawkins alle wichtigen "Probleme", die angesprochen werden, gut im Rahmen der Theorie der egoistischen Gene zu lösen vermag. Mich würde daher interessieren, wie Sie (auch im Hinblick auf Bauer) sich die Sache vorstellen? In verschiedenen Diskussionen zum Thema (über die Kommentarfunktion) finde ich bedauerlicherweise, dass Sie viele eigene Kommentare gelöscht haben (warum?), so dass es mir nicht möglich ist, die Diskussionen nachzuvollziehen.
Vielleicht können Sie mir ein paar Zeilen schreiben, oder einen link zu einer Stellungnahme von Ihnen zukommen lassen.

Gruß,
R. Veith

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.12.2009 02:01:13 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 12.12.2009 18:27:22 GMT+01:00]
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