Kundenrezension

73 von 78 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen La strada - Das Lied der Strasse, 5. August 2007
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Rezension bezieht sich auf: La strada (DVD)
Zampano kauft Gelsomina für 10000 Lire von ihrer Mutter. Dann zieht der Kettensprenger mit dem einfältigen Mädchen weiter von Dorf zu Dorf. Zwischen den beiden ungleichen Menschen entsteht eine seltsame Beziehung. Die schüchterne, aber hingebungsvolle Gelsomina lernt begierig Kunststücke. Sie bewundert den groben "Direktor" des schäbigen Dreiradkarren-Zirkus. Doch Zampano will nicht merken, wie viel ihm das Mädchen mit den großen Augen bedeutet. Und weil der große Zampano nur Augen für sich hat, läuft Gelsomina ihm eines Tages davon. In dem Hochseilakrobaten Matto trifft sie einen, dem sie ihre ganze Liebe schenkt. Aber Zampano klopft sich auf die Brust und schleppt sein Eigentum Gelsomina wieder in die Schaubude zurück. In der Zeit danach kommt es ein paar Mal zu Auseinandersetzungen zwischen Zampano und Matto. Der Koloss spürt die Gefahr, die von seinem unbeschwerten Konkurrenten auf dem Drahtseil ausgeht. Er ahnt nun auch, dass er das Mädchen braucht. Aber weil er ein grober Klotz ist, säuft er sich voll und verprügelt sie. Und eines Tages tötet er Matto. Gelsomina wird ohnmächtige Zeugin der Tat. Sie erkrankt schwer. Zampano fackelt nicht lange, schließt sie in seinen klapprigen Karren ein und zieht rastlos weiter. Auftreten kann er nicht mehr, denn Gelsomina beklagt im Fieber lautstark das Verbrechen. Und schließlich lässt der starke Zampano den Karren mitsamt dem Schaugeschäft stehen und flieht vor dem zerrütteten Mädchen wie vor dem eigenen Gewissen. Jahre später erfährt er, wie Gelsomina starb. Und endlich überfällt ihn das Entsetzen vor sich selbst. Von Reue und verspätetem Liebesschmerz durchgeschüttelt, bricht er am Meer zusammen. Einer, der nun doch nicht ganz umsonst unterwegs war. Aber dennoch ein Gestrandeter der Straße.

Diese märchenhaft-schlichte, wenn auch tragische Geschichte des jungen Federico Fellini wäre Kolportage geblieben, wenn ihre Verwandlung und Vertiefung in poetische Bilder, hintergründige Milieuschilderung, grandioses Spiel der Darsteller und ein an Shakespeare erinnernder Reichtum an Einfällen den Film nicht so bemerkenswert gemacht hätten. Ein trauriger Film, trotz vieler humorvoller Sequenzen. Aber von einer Traurigkeit, die den Kopf nicht sentimental verklebt, sondern ihn für selbstkritische Wahrnehmung befreit. Von einer Traurigkeit, wie sie alte Märchen und Volkslieder besitzen, deren Ausdruck einfach, melancholisch und genau ist. Und ein sparsamer Film, der beim Sehen reich macht. Dieses auf so märchenhafte Weise tragikomische Gesellenstück Fellinis versetzte dem vorherrschenden italienischen Heimatfilm, der in den 50er Jahren zwischen Po, Busen und Vesuv richtungslos herumfuhrwerkte, den Gnadenstoß. Und den in enge Pullover und kurze Höschen eingeklemmten Sexbomben, die mit ihren Reizen in Reisfeldern posierten, trat die Hauptdarstellerin Giulietta Masina frech in den Hintern. Drollig verschmitzt, kindlich naiv, ängstlich und unbedarft betrat Giulietta Masina die abgewrackte Zirkuswelt des Films. Ein Rettichkopf, in seiner rührenden Hässlichkeit schöner als die Sexgöttinnen des Kintopps.

Die 1921 in Bologna geborene Akademikertochter und promovierte Archäologin hatte zwar nie Schauspielunterricht genommen, war aber schon vor "La Strada" in mehreren Filmnebenrollen aufgetreten, zum Beispiel in Alberto Lattuadas "Ohne Gnade" (1948). Als Gelsomina wurde sie zu einer legendären Figur der Filmgeschichte. Ihr Ehemann Federico Fellini sollte ihr später noch einige Rollen genau auf den Leib schreiben. Das entsprach seiner Verehrung für diese begnadete Schauspielerin und zugleich seiner Arbeitsmethode, die Filmfiguren immer den Darstellern anzupassen. Die einzige Ausnahme von dieser Regel machte er in "La Strada". Er zwang das feuerwerkartige Temperament seiner Frau in die stilisierte Rolle der vor Schüchternheit und Unerfahrenheit geduckten Gelsomina. Diese Kino-Gestalt hatte das Ehepaar gemeinsam entwickelt. "Gelsomina", sagte Giulietta Masina, "ist gewachsen wie ein Kind in den mehr als zehn Jahren unserer Ehe, in denen mein Mann mich sehen und beobachten konnte und nach und nach eine Person, ein Wesen entdeckte, das unbewusst in mir schlummerte." Nach endlosen Schminkproben, Haarschnitten mit der Gartenschere und Kleidersitzungen war Gelsomina fertig. In einem Soldatenrock aus dem 1. Weltkrieg, den die Fellinis auf dem römischen Flohmarkt an der Porta Portese aufgetrieben hatten, stand sie wie ein Strich in der ausgedörrten Landschaft des ersten von insgesamt sechzig Sets, und das Drehen konnte beginnen.

Für den 1920 in Rimini geborenen Fellini bedeutete "La Strada" ebenfalls den Durchbruch zur Weltkarriere. Der Drehbuchautor Roberto Rosselinis für "Rom, offene Stadt", "Roma, Citta Aperta" (1945) und "Paisa" (1947) hatte seine erste Regiearbeit zusammen mit Alberto Lattuada 1950 abgeliefert, "Lichter des Varietes", eine Chronik aus dem Leben reisender Varietekünstler. Das Milieu des fahrenden Volkes tauchte in allen zukünftigen Filmen des Regisseurs Fellini zumindest als Anspielung immer wieder auf. So auch in "La Strada". Und auch Fellinis typische Schauplätze erscheinen schon im Bild: das Meer, die Strände, die nächtlichen Plätze der Städte und kleinen Dörfer - Orte, an denen innere Entscheidungen von Menschen fällig werden. "Die Kunst Fellinis", schrieb die französische Tageszeitung "Le Monde" nach der Uraufführung von "La Strada" 1955, "liegt darin, dem ganzen falschen Literarischen ebenso wie dem ganzen fadenscheinigen Pathos den Rücken gekehrt zu haben. Seine Poesie ist absolut natürlich, sein Mysterium ohne jede Künstlichkeit". Und Fellinis Kunst war doppelbödig. Menschen, Landschaften, Gesten und Gegenstände sind konkret und gleichzeitig überhöht. Sie sind gemeint und sprechen ihre eigene, ungeheuer sinnliche Sprache. Aber darüber hinaus verweist alles auch auf ein dahinter stehendes allgemeines Schicksal, dem nicht beizukommen ist.

Fellini war sehr vorsichtig in der Inszenierung. Nichts wirkt gewollt, nichts belehrend. Das Geschehen nimmt wie von selbst seinen Lauf. Bild und Schnitt, Musik und Sprache lassen den Regisseur hinter der Kamera nicht erkennen. Die Form des Films ergibt sich beiläufig. "La Strada" ist die Kunst des Realen. Wenn Gelsomina weint, weint Gelsomina. Deshalb war "La Strada" von einer besonderen Art des Realismus. Dem Realismus der Rossellini, de Sica, Visconti, die Italiens Film nach dem 2. Weltkrieg groß gemacht hatten, fügte er eine neue, wichtige Nuance hinzu. Fellinis Film entwickelte die Haltung eines verklärten Neorealismus. Eines Realismus des Persönlichen, nicht nur des Sozialen. Ein Realismus, der die neorealistische Oberfläche der Abbildungen durchdringt und dahinter die bitter-süße Welt existenzieller und auch wunderbarer Wahrheiten zeigt. Ohne das realistische Detail aufzugeben. "La Strada" zeigt das Leben als märchenhaftes und auch grausames Abenteuer. Das Leben als Reise. Die Reise als Veränderung. An deren Ende: das Erkennen der persönlichen Identität. Die Straße als Startbahn ins eigene Leben. "La Strada" ist deshalb ein frühes "Road Movie", in dem die Straße jedoch nur ein Schlachtfeld der Stimmungen ist.

Auch alle Figuren dieses für die 50er Jahre filmrevolutionären Werks bedeuten mehr, als sie selbst sind. Sie sind Verkörperungen von Seelenzuständen, Stimmungen und zeitloser Zeiterfahrung. Deshalb - oder dennoch - machen sie uns noch heute betroffen. Auf das Publikum der 50er Jahre wirkten sie in ihrer Verkörperung durch Giulietta Masina, Anthony Quinn, Richard Basehart u. a. vor allem deshalb so schockierend neu, weil sie zugleich alltäglich realistisch und abstrakt waren, weil sie als Charaktere roh und "niedrig" erschienen und sich der Film dennoch die Zeit nahm, ihre tief vergrabenen Gefühle als komplizierte Gefühle ernst zu nehmen und unerhört behutsam ans Licht zu holen. Und weil die Dramen, die in diesen Figuren rumoren, ganz in ihrem verschlossensten Inneren stattfinden, so dass kaum einmal Geste und Mimik, nur manchmal ein Blick oder die Stimmung einer von der Kamera eingefangenen Landschaft von dieser bescheidenen und verkrusteten seelischen Welt sprechen. Das faszinierte Publikum und Kritik gleichermaßen. Die von Kitsch, Kommerz und auch eitler Kunst überrumpelten Kinogänger verstanden in seltener Einhelligkeit die Botschaft des hintergründigen Leinwand-Meisterwerks: Die Straße ist das Leben. Die Reisenden und Flüchtenden, das sind wir. Und das Italien der Bretterbuden, des Niemandslands, der heruntergekommenen Wirtshäuser, trostlosen Landschaften und kaputten Gefühle, das war die ganze erbärmliche Nachkriegszeit.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 27.01.2011 12:48:27 GMT+01:00
hellas meint:
Diese Rezension ist zutreffend ,einfühlsam und dennoch nüchtern , so daß ihr nichts mehr hinzuzusetzen ist.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.02.2011 21:00:15 GMT+01:00
Shlomo-One meint:
Eine der besten Rezensioenen, die ich hier bei amazon gelesen habe.

Veröffentlicht am 06.06.2012 14:30:16 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 06.06.2012 15:01:13 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.09.2014 23:50:59 GMT+02:00
Monticello meint:
Was für ein Blödsinn:

"Zampano läßt den Karren stehen und flieht..."

Erstens nimmt er "den Karren" sehr wohl mit, es wird ja ausführlich gezeigt, wie er ihn vondannen schiebt, damit das Mädchen nicht aufwacht und zweitens "flieht" er nicht, er läßt Gesolmina zurück, weil sie in ihrem geistig zerrütteten Zustand keine zuverlässige Partnerin mehr für ihn ist, das wurde ja bereits in der Szene zuvor gezeigt, wo sie die Trommel schlagen soll und es nicht tut.

Hier hat sich jemand als Pseudoschlaumeier dargestellt, weiter nichts, der den Film entweder gar nicht aufmerksam angeschaut oder ihn nicht einmal verstanden hat.
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