Kundenrezension

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4.0 von 5 Sternen Intelligenter und ergiebiger streiten, 5. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Denken - Nach-Denken - Handeln: Triviale Einsichten, die niemand befolgt (Broschiert)
Jürgen Beetz, Techniker und IT-Spezialist mit philosophischem und wissenschaftstheoretischem Hintergrundwissen, ist ein begnadeter Polemiker, der einem gepflegten intellektuellen Streitgespräch ungern aus dem Weg geht - ich spreche aus Erfahrung. Seine Erfahrungen aus vielen solcher Gespräche sind offensichtlich in sein Buch eingeflossen. In der Tat liegt der Hauptnutzen des Buches für ähnlich motivierte Leser wohl darin, mit seiner Hilfe das Niveau ihrer Streitgespräche deutlich verbessern zu können. Nicht in dem Sinne, dass man häufiger als "Sieger" und "Rechthaber" vom Platz geht - sondern so, dass der Streit beiden Parteien zu einem tieferen Verständnis des Sachverhalts verhilft.

Beetz analysiert anhand vieler anschaulicher Beispiele aus Wissenschaft und Alltag (und auch mit witzigen Anekdoten) das intellektuelle Handwerkszeug, das wir bei Streitgesprächen einsetzen, und beendet viele seiner 8 Kapitel und 31 Abschnitte mit einer oder mehreren jener "trivialen Einsichten", die zu befolgen uns weiterbringen würde, und die zu missachten uns Streithähnen leider oft allzu nahe liegt. Da tappen wir im Eifer des Gefechts doch lieber in die eine oder andere Denkfalle. 13 Beispiele:

Mit neuen Theorien sollte man sparsam umgehen - es ist sinnvoller, eine Antwort schuldig zu bleiben als abenteuerliche Thesen aufzustellen.
"Vernünftig" ist auch ein Verhalten, das nicht am unmittelbaren Eigennutz orientiert ist.
Begehen Sie jede Dummheit möglichst nur einmal - die Auswahl ist ja groß genug.
Skalen, Maßstäbe, Normen, Dosierungen, Wertebereiche bilden wichtige Denkhilfen, denn aus Quantität kann Qualität entstehen.
Über einen "genauen" Grenzverlauf zu diskutieren ist meist sinnlos oder reine Definitionssache.
Bei der Suche nach der Wahrheit ist oft der Weg das Ziel. Genießen Sie ihn, auch wenn Sie nicht ankommen.
Reden ist Silber, Zuhören ist Gold!
Das Sein bestimmt das Bewusstsein bestimmt das Sein - und selbstbezügliche Aussagen sind oft paradox.
Die meisten komplexen und vernetzten Regelkreise sind unerforscht und werden nicht beherrscht.
Einfaches monokausales lineares Denken führt oft in die Irre - denken Sie in multikausalen Kreisläufen von Ursachen und Wirkungen!
Scheuen Sie sich nicht, Zahlen und Behauptungen durch Nachrechnen und Logik zu überprüfen.
Vorsicht mit Statistiken und Wahrscheinlichkeiten! Denken Sie genau mit, bevor Sie ihnen trauen. Aber: Dass alle Statistiken lügen, ist eine Lüge.
Der Zufall hat kein Gedächtnis.

Schön sind einige eingestreute Bonmots wie "Es ist zu spät, Pessimist zu sein." Oder: "Intelligenz ist das, was man braucht, wenn man nicht weiß, was man tun soll." Oder der oben zitierten Satz über die Dummheit.

Besonders ausführlich geht Beetz in seinem Kapitel "Erst das Ei oder erst die Henne?" auf Ursache-Wirkungs-Beziehungen ein, die über die simple Kausalität, nach der wir so gerne suchen, hinausgehen: etwa zyklische Prozesse, bei denen die Wirkung einer Ursache selber wieder zur Ursache wird und auf die erste Ursache zurückwirkt; auf Regelkreise, Rückkopplungen, komplexe Systeme. Ein Beispiel für zyklische Prozesse ist die oben zitierte Beobachtung, dass unsere Position in der Gesellschaft zwar unser Bewusstsein prägt, aber eben auch umgekehrt unser Bewusstsein, unsere innere Haltung über unsere Position in der Gesellschaft mitbestimmt.

Ein bisschen Widerspruch muss sein: So fällt Beetz in seinem Bemühen, der von allen Seiten bedrohten Vernunft zu ihrem Recht zu verhelfen, meines Erachtens zu häufig in einen simplen Gegensatz von Vernunft bzw. Verstand und Gefühlen und übersieht dabei Gelegenheiten, bei denen die beiden ungleichen Geschwister treffliche Bündnisse schmieden könnten. Auch neigt er dazu, Techniker und Naturwissenschaftler zu idealisieren - vor allem, wenn es darum geht, sich von Esoterikern und Gläubigen aller Art abzusetzen (seine Agitation gegen diese Spezies nimmt zuweilen Züge eines intellektuellen Kleinkriegs an). Da Beetz sich auf Methodenfragen spezialisiert hat, vernachlässigt er die große Problematik, welchen Themen und Fragen die Wissenschaftler mit großem Aufwand nachgehen, welchen nur mit geringem Aufwand und welchen überhaupt nicht. Sicher, dieses Thema würde ein anderes Buch füllen - aber man könnte es zumindest hier und da andeuten.

Beetz' Buch enthält etwas, das leider ganz aus der Mode gekommen ist: Fußnoten, die tatsächlich unten am Fuß der Seite stehen. Ich liebe das und halte diese Erfindung für eine Frühform des interaktiven Hypertexts: Der kurze Blick nach unten entspricht dem Klick auf ein verlinktes Wort, etwa in der Wikipedia. Allerdings sind manche seiner Fußnoten für meinen Geschmack zu betulich-pädagogisch geraten oder auch unfreiwillig komisch, wenn er dort Dinge erklärt, die allgemein bekannt sein dürften.

Fazit: Das Buch ist spannend zu lesen, bietet gute Überraschungen und ist nützlich für alle, die gerne diskutieren und argumentieren.
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