Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Eine russische Roadstory, 29. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Die toten Seelen (Taschenbuch)
Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow tuckert, begleitet von zwei Bediensteten, in seinem federnden Pferdewagen durch die russische Provinz. Seine Geschäftsidee besteht im Aufkauf von 'toten Seelen', der faktisch verstorbenen, jedoch juristisch geführten Leibeigenen. Die so erstandenen Listen ist ein innovatives Finanzinstrument mit einer attraktiven erwarteten Rendite.
Der nicht mehr ganz so junge Junggeselle ist vom rundlichen Körperbau, trägt ein buntes Halstuch und muss auf seine Hämorrhoiden Rücksicht nehmen. Er hat einiges in diesem Leben gesehen, war auch im Staatsdienst, wo er allerdings 'für die Wahrheit leiden' musste. Dank seiner einschleimenden Gewandtheit macht er einen günstigen Eindruck auf die Provinzgesellschaft.
Tschitschikow vereint in sich widersprüchliche Eigenschaften. Bei aller seiner Fiesheit hat Gogol teilweise Mitgefühl oder Verständnis für die Schwächen seines Protagonisten, vermutlich leiht er ihm sogar hier und da eigene Seelenregungen.
Die Handlung, die unseren Helden durch die unendlichen Weiten Russlands führt, wird durch epische Reflektionen über das Land, das Schicksal, das Los des Schriftstellers, Gott und die Welt gesprenkelt. Daher wahrscheinlich die (wohl nicht ganz ohne Augenzwinkern vergebene) Gattungsbezeichnung 'Poem' für das Werk. Der Text ist eine Liebeserklärung an Russland, dessen zahlreiche Unzulänglichkeiten dem Autor freilich nicht entgehen.
Vor dem Leser eröffnet sich ein Panoptikum, reichlich bestückt mit Figuren unterschiedlicher Stände, trotz aller Groteske menschlich glaubwürdig gezeichnet. Da sind z.B. Tschitschikows schlicht gestrickte Diener, die nach einem Ausflug in die Wirtschaft eine Viertelstunde lang die Treppe hochsteigen. Zwei Damen, die nach ihrer wunderlichen Damenlogik aus dem Gerücht über den Aufkauf der toten Seelen eine drohende Brautentführung ableiten. Ein Staatsanwalt mit einem Augentick, der aufgrund dieser Gerüchte einen Schlag erleidet. Und natürlich die unterschiedlichsten Typen von Gutsherren. Darunter ein vom Altersschwachsinn heimgesuchter Geizhals, der den Wodkastand in seiner Karaffe, in der drei tote Fliegen schwimmen, markiert. Einer der um seine tote Bauern Dame spielt und dabei trickst. Oder ein kugelförmiger Gourmand, der beim Fischen für seine Mahlzeit sich im eigenen Netz verfängt.
Übrigens wartet Gogol, der selbst ein leidenschaftlicher Esser war, wiederholt mit genüsslichen Beschreibungen der Imbisse, Tischgelagen und Spezialitäten auf. Es werden Störe, Hammel, Ferkel, unterschiedlichste Sakuska und Pirogen in rauen Mengen konsumiert und mit Kwass und Schnäpsen in allen Regenbogenfarben heruntergespült.
Der erste Band des Werks gerät rund und abgeschlossen. Hier ist Tschitschikow in der Gouvernement NN, macht Connections in der Stadt und bereist die umliegenden Güter. Als sich Probleme andeuten, verschwindet er aus der Gegend.
Der zweite Band ist aus mehreren erhaltenen Fragmenten zusammengesetzt und nicht abgeschlossen. Die Fragmente deuten an, dass der Teil auf eine detailliertere Erzählweise und verwickeltere Handlung angelegt war. Hier verstrickt sich der Protagonist in komplexere Machenschaften und bekommt ernsthaftere Probleme.
Das Buch ist verblüffend aktuell und kann als eine perfekte Lektüre bei Vorbereitung auf einen Expat-Einsatz in Russland dienen. Die Menschentypen und Umgangsformen haben alle Wirren der Geschichte überlebt und sind in aller Knackigkeit vor Ort anzutreffen (nach einer Korrektur um satirische Überzeichnung natürlich).
Auch die russische Wahrnehmung der Deutschen ist lesenswert. Sie wird an mehreren Stellen durch unterschiedliche Charaktere, von einer wie eine Dörrbirne aussehenden Babuschka bis zum florierenden Gutsherrn, artikuliert. Auch streift der Autor in seinen Kontemplationen das Thema.
Zum Schluss ein paar Worte zum Titel. Meine Hypothese ist, dass Gogol einen griffigen, epischen und irgendwie tiefsinnigen Namen für sein Buch suchte. Die gängige Interpretation jedoch, wonach die meisten Charaktere in dem Poem quasi tote Seelen sind, kann ich nicht teilen. Sie mögen zu allen möglichen Schandtaten bereit sein, quicklebendig sind die meisten vom ihnen aber allemal, selbst in ihrem unreflektierten selbstsüchtigen Herumkrebsen. Andernfalls würde der Text wohl kaum eine so vergnügliche Lektüre abgeben.
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