Kundenrezension

34 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Abgrund der Primärliteratur, 3. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Erinnerungen (Taschenbuch)
Zu recht eines der umstrittensten Bücher der Nachkriegszeit. Das Buch erschien zum ersten Mal nach Albert Speers Entlassung aus dem Kriegsverbrechergefängnis in Spandau und fußt weitgehend auf während seiner seiner Haftzeit niedergeschriebenen Erinnerungen. Mitautor war sein späterer Biograph, der ehemalige FAZ-Herausgeber Joachim C. Fest, nebenbei ja auch Autor eines der Standardwerke über Hitler.

Zum Inhalt:
Albert Speer, Günstling Hitlers, einer der Hauptarchitekten des dritten Reiches und als Reichsminister später für Rüstungsfragen zuständig, beschreibt hier sein Leben bis zum Ende der Nürnberger Prozesse. Den Hauptteil des Buches nehmen dabei die Jahre 1933-1945 ein. Seine darauffolgende Gefangenschaft im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis handelt er in den (übrigens kaum lesenswerten) darauf folgenden "Spandauer Tagebüchern" ab.

Speer beschreibt ' durchweg flüssig und leicht lesbar ' in seinen Erinnerungen seinen Weg zur NSDAP, seine Faszination für die Person Hitler, die ersten Aufträge von der Partei. Gerade in der Vorkriegszeit befassen sich seine Erinnerungen viel mit architektonischen Fragen und den megalomanischen Bauplänen der Naziführung, Stichwort "Germania". Mit der Ernennung zum Minister wechselt dann die Perspektive mehr hin zur Kriegführung und Rüstungsplanung. Viel Raum nimmt am Ende der Zusammenbruch des Dritten Reiches ein, seine schleichende Entmachtung, später seine Versuche, die von Hitler befohlenen Zerstörungsmaßnahmen im "Reichgebiet" zu verhindern.

Zu den Versäumnissen
Wie in den meisten Autobiographien wird hier viel zu viel an Untaten und Verbrechen verschwiegen. Speer, der Mann der die Effektivität der deutschen Rüstungsindustrie auch unter dem Einsatz von Zwangsarbeitern um ein Vielfaches erhöhte, meint zum Thema Judenvernichtung, dass er es zwar hätte wissen können, sich aber damit nicht beschäftigt hat. Seine wahrscheinlichen Einblicke in die Verbrechen des Regimes und seine Mitwisserschaft verschweigt er, was ihm und dem Werk im Nachhinein zahlreiche berechtigte Vorwürfe einbrachte. Die immer wieder einfließenden "Entschuldigungen" für das Geschehene widern den Leser eher an. Interessierte, die hier Einsichten in die Person Speer und sein Handeln erwarten, seien die zahlreichen, kritischen Biographien empfohlen.

Dennoch:
Man kann das Werk gewinnbringend lesen. Ich meine damit nicht die Tatsache, dass die "Erinnerungen" ein Meisterstück darin sind, wie man die eigene Vergangenheit verklären kann. Der Leser erfährt hier sehr viel über die Führungsschicht des Dritten Reiches aus "erster Hand", denn diese Memoiren (neben denen von Karl Dönitz) sind die einzigen aus der ersten Reihe der Naziführung. Speer gelingt eine trefflich, distanzierte (und viel übernommene) Beschreibung der nach 1933 emporgekommenen neuen "Elite", der Person Hitlers und seiner direkten Umgebung. Das Buch zeigt auch, wie dilletantisch und ineffizient das System der Nazis funktionierte. Nebenbei weist Speer daraufhin, wie der Bombenkrieg der Westallierten hätte anders geführt werden können und wie verwundbar die deutsche Rüstungsindustrie mit ihrer teilzentralisierten Fertigung doch war. In solchen Erkenntnissen lag der eigentliche Wert dieses Wekes. "Lag", weil diese schon lange Eingang in die Sekundärliteratuir gefunden haben.

Fazit
Die Wertung soll als neutral verstanden werden. Wer sich für das Dritte Reich tiefer gehend interessiert, sollte einen Blick riskieren. Aber definitiv keine Pflichtlektüre für den Zeitgeschichtler.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.09.2008 14:03:09 GMT+02:00
Zu den Versäumnissen
Wie in den meisten Autobiographien wird hier viel zu viel an Untaten und Verbrechen verschwiegen. Speer, der Mann der die Effektivität der deutschen Rüstungsindustrie auch unter dem Einsatz von Zwangsarbeitern um ein Vielfaches erhöhte, meint zum Thema Judenvernichtung, dass er es zwar hätte wissen können, sich aber damit nicht beschäftigt hat. Seine wahrscheinlichen Einblicke in die Verbrechen des Regimes und seine Mitwisserschaft verschweigt er, was ihm und dem Werk im Nachhinein zahlreiche berechtigte Vorwürfe einbrachte. Die immer wieder einfließenden "Entschuldigungen" für das Geschehene widern den Leser eher an. Interessierte, die hier Einsichten in die Person Speer und sein Handeln erwarten, seien die zahlreichen, kritischen Biographien empfohlen.

Sehr schön formuliert :-).

Veröffentlicht am 23.10.2012 10:55:02 GMT+02:00
Realist meint:
"Kriegsverbrechergefängnis!, ich verstehe das nicht - waren hier Amis und Russen die Einsitzenden?

Veröffentlicht am 30.11.2014 14:10:44 GMT+01:00
sandthw meint:
Tue mich schwer, die Rezension zu bewerten - inhaltlich haben Sie, Odysseus, völlig Recht in Bezug auf die Verdrängungsleistungen Speers. Ebenso richtig ist die Empfehlung, statt Speers geschönter Autobiographie lieber zu Werken distanzierterer Autoren zu greifen. Ich habe z.B. die Biographie von Gitta Sereny (Speer - Sein Ringen mit der Wahrheit) mit Gewinn gelesen, die u.a. auch auf Interviews aus Speers letzter Lebensphase zurück greift.

Schwer tue ich mich, weil Ihre negative Bewertung nur die moralische Verurteilung Speers zulassen will - die dieser selbst natürlich nicht vollumfänglich teilen mochte oder konnte. Für mich ist gerade die aus Speers eigenen Erinnerungen und Selbstreflexionen bei Abgleich mit historischen Quellen feststellbare Verdrängung seiner eigenen Schuld und Verantwortung ein wichtiges Zeitzeugnis.

Schade, dass Sie seit längerem keine Rezensionen mehr veröffentlichen, Odysseus - habe viele Ihrer Beiträge mit Gewinn gelesen!
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