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Das moderne Imperium,
25. November 2007
Rezension bezieht sich auf: Ghost (Gebundene Ausgabe)
"Die Macht beschert einem Menschen allerlei Annehmlichkeiten.", schrieb Robert Harris auf den ersten Seiten seines letzten Romans, "zwei saubere Hände gehören allerdings nur selten dazu." Erzähler des ersten Bandes seiner Trilogie über das Leben und die Zeit von Marcus Tullius Cicero war Tiro, der Sklave Ciceros. "Bewaffnet" mit Griffel und Wachstafel, agierte er als Schatten seines Herrn, war ständig an seiner Seite, um jedes Wort des fruchtbarsten Autors und Redners des antiken Roms für die Nachwelt festzuhalten. Harris schuf mit Tiro einen großartigen Charakter: auf den ersten Blick bedeutungslos, auf den zweiten jedoch aufgrund der Kraft des geschriebenen Wortes mit beinahe ungeheurer Macht ausgestattet.
Aufgrund aktueller Anlässe - die Beteiligung Großbritanniens am "Krieg gegen den Terror" im Irak - unterbrach Harris seine römische Trilogie, um "Ghost", seinen ersten zeitgenössischen Roman, in nur fünf Monaten zu schreiben. Dessen Titelfigur und "Berichterstatter" steht in einem ähnlichen "Arbeitsverhältnis" wie Tiro: ein professioneller "Schreiberling", der in einer bedeutungsschwangeren Zeit das Diktat seines mächtigen Schutzherrn entgegen nimmt.
Anonym sogar zum Leser, hat er sich als Ghostwriter vertraglich verpflichtet, die Autobiografie von Adam Lang, dem ehemaligen Premierminister Großbritanniens zu schreiben und "etwas Herz" in den bleiernen ersten Entwurf seines Vorgängers zu bringen, der durch unerklärliche Umstände während einer Fährüberfahrt ertrank.
Er hat seinen Laptop kaum ausgepackt, als die Nachrichten verkünden, dass Lang durch den Internationalen Strafgerichtshof unter Anklage gegen Kriegsverbrechen gestellt werden soll.
Spannungen und Differenzen der ganzen Bandbreite schrillen in den Gängen der internationalen Macht. Brutale, gesichtslose Mächte - genannt CIA - sind hinter dem unschönen Manuskript her, welches auf den zweiten Blick einen versteckten Code enthält. Vielleicht war der Tod seines Autors gar kein Unfall.
In "Ghost" macht Harris schlauen Gebrauch von seiner Zeit als politischer Kommentator und enger Vertrauter Tony Blairs bei dessen Wahlkampf 1997, inclusive Reisen in Privatjets und gepanzerten Limousinen: ein unbemerkter Beobachter, tatsächlich gar nicht so verschieden von Tiro, dem Sklaven Ciceros - nur moderner: dieses Mal Neu Labour ohne Toga?
Zynisch, erhellend, sowohl nüchtern als auch leidenschaftlich ist "Ghost" ein politischer Thriller. Wie bei seinen vorangegangenen Romanen, setzt Harris den Leser in eine, von unserer eigenen Wahrnehmung divergente Welt. Das London von Lang ist fast täglichen Terroristenanschlägen ausgesetzt. Lang selbst ist ein erfolgloser Schauspieler aus Leicester, nicht ein erfolgloser Rock-Sänger aus Edinburgh, und er zeigt - im Gensatz zu Blair - auch keine besonders religiösen Überzeugungen.
Während der Roman seine fünfmonatige Entstehungzeit offensichtlich der Wut von Harris an Blair und seiner Regierung geschuldet ist, ist das wilde Herz des Plots - die große Enthüllung und die entscheidende Wende an seinem Ende - eine fantasievolle Impertinenz, eine Beschuldigung, die keiner machen oder wörtlich nehmen kann. "Ghost" ist letztendlich kein Roman über Blair; obwohl es eine Anklage an allem bleibt, was er tat und wofür er eintrat. Er ist auch, und vielleicht am entscheidensten, ein intelligenter, scharfsichtiger und enormer Spaß, erneut großartig übersetzt von Wolfgang Müller.
Fazit:
Historische Schauspiele sind die Stärke von Robert Harris. In "Ghost" zeichnet er wiederum ein Bild zeitgenössischer Politik und Moral, ebenso lebhaft wie seine Darstellung des antiken Roms in "Imperium" und Nazi-Deutschlands in "Heimatland".
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